OB Vogt: Straßenbahn gehört zum Stadtbild in Halle – Betriebszulassung für „kurze“ TINA erteilt

Halle (Saale) erlebt einen verkehrspolitischen Meilenstein: Am Donnerstag erhielt die erste Straßenbahn der neuen Generation TINA offiziell die Betriebszulassung der Technischen Aufsichtsbehörde (TAB). Damit ist der Weg frei für die formelle Inbetriebnahme der ersten „kurzen TINA“ vom Typ MGT M – ein bedeutender Schritt für die umfassende Modernisierung des Nahverkehrsnetzes der Stadt.

Die Hallesche Verkehrs-AG (HAVAG), ein Unternehmen der Stadtwerke Halle, hatte bereits vor einigen Tagen mit dem Probebetrieb im Liniennetz begonnen. Nun folgte die behördliche Bestätigung: Das positive Prüfergebnis gilt zugleich als Konformitätsnachweis für alle weiteren 38 Fahrzeuge dieser Baureihe. Damit rückt der flächendeckende Einsatz der neuen TINA-Fahrzeugfamilie in greifbare Nähe.

Politischer Rückenwind für moderne Mobilität

Die Bedeutung dieses Tages unterstrich Dr. Lydia Hüskens, Ministerin für Infrastruktur und Digitales des Landes Sachsen-Anhalt. Mit der Genehmigung sei „der Weg frei für die Inbetriebnahme der neuen Straßenbahngeneration in Halle“. TINA stehe für mehr Barrierefreiheit, höheren Komfort und einen zukunftsfesten ÖPNV – ein „deutliches Plus für einen attraktiven Nahverkehr“.

Hüskens erinnerte zugleich an historische Widerstände gegen die Elektrifizierung der Straßenbahn – insbesondere durch das Physikalische Institut der Universität Halle. „Was freuen wir uns, dass wir diesen Widerstand überwinden konnten“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. Tatsächlich war der Bau moderner Straßenbahnen in der von engen mittelalterlichen Straßen geprägten Innenstadt stets eine planerische Herausforderung.

Auch Halles Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt hob die emotionale Bedeutung der Straßenbahn hervor. Sie gehöre „zum Stadtbild dazu“, sei Identifikation und Stolz der Einwohner. Für ihn sei sie „das einzige wahre Fortbewegungsmittel in der Stadt“, weil nachhaltig und zukunftsorientiert.

Ein Generationenwechsel bei der HAVAG

Seit zwei Jahrzehnten sitzt Bürgermeister Egbert Geier im Aufsichtsrat der HAVAG. Einen vergleichbaren Generationswechsel habe er selten erlebt. Bereits 2016 seien im Gremium die Drehgestelle der damaligen Fahrzeuge diskutiert worden – mit enormem Sanierungsaufwand in Millionenhöhe pro Zug. Die anschließende Vergleichsrechnung führte schließlich zur Entscheidung für Neubeschaffungen.

Der Zuschlag ging an den Schweizer Hersteller Stadler Rail. Eine Entscheidung, die Geier bis heute nicht bereut: „Sie werden den Anforderungen voll gerecht.“ Besonders betonte er, dass Hinweise des Fahrgastbeirats in die Gestaltung eingeflossen seien. Ziel sei es, dass die HAVAG „das Vorzeige-ÖPNV-Unternehmen in Ostdeutschland bleibt“.

172 Millionen Euro für 56 neue Bahnen

Die Investition ist gewaltig: 172 Millionen Euro kostet die Beschaffung von insgesamt 56 TINA-Niederflur-Stadtbahnen. 39 Fahrzeuge werden als 30 Meter lange M-Version geliefert, 17 als 45 Meter lange XL-Version. Das Land Sachsen-Anhalt fördert das Projekt mit 45 Prozent.

Vinzenz Schwarz, Vorstand der HAVAG, zeigte sich sichtlich bewegt: „Ich bin stolz wie Bolle.“ Die Zulassung ohne Auflagen sei keineswegs selbstverständlich – vielmehr eine „grandiose Leistung“ aller Beteiligten. Seit dem Pandemieende wachse das Fahrgastaufkommen kontinuierlich, die neue Fahrzeugflotte sei daher essenziell für die Zukunftsfähigkeit des Netzes.

Technik, Komfort und Barrierefreiheit: Was die TINA auszeichnet

Die M-Version – kompakt für den Stadtalltag

Die „kurze TINA“ (MGT M) wurde gezielt für den innerstädtischen Einsatz konzipiert:
Länge: 30,4 Meter
Kapazität: 64 Sitzplätze, 103 Stehplätze
100 % Niederflur: 350 mm Fußbodenhöhe
Einstieg: 290 mm, 1500 mm breit
Keine Trennwände an Türen – für schnellen Fahrgastwechsel
Gerade im dichten Stadtverkehr mit häufigen Haltestellen spielt der schnelle Ein- und Ausstieg eine zentrale Rolle. Breite Türen, stufenlose Übergänge und offene Multifunktionsbereiche erleichtern mobilitätseingeschränkten Fahrgästen, Eltern mit Kinderwagen oder Menschen mit Rollator die Nutzung erheblich.

Die XL-Version – mehr Platz für starke Linien
Die größere XL-Variante ergänzt die Flotte auf stark frequentierten Strecken:
Länge: 45,4 Meter
Kapazität: 96 Sitzplätze, 173 Stehplätze
Beide Versionen gehören zur TINA-Plattform (Total Integrated Low-Floor Drive), die ein offenes, helles Innenraumkonzept mit großen Panoramafenstern, hohen Decken und klarer Linienführung verbindet.

Technologische Neuerungen

Die neue Fahrzeugfamilie setzt Maßstäbe:
– TINA-Drehgestelle: ruhiger Lauf, geringerer Verschleiß von Rad und Schiene
– Fahrerassistenzsysteme mit Kollisionsschutzsystem
– Digitale UNIBOARD©-Anzeige für situationsgerechte Fahrgastinformation
– LED-Beleuchtung und Kameras statt Außenspiegel
– Automatische, energieeffiziente Klimatisierung
– Ergonomischer Fahrerarbeitsplatz mit separater Einstiegstür

Ansgar Brockmeyer, Executive Vice President Marketing & Sales bei Stadler, sprach von einer „starken Zusammenarbeit“ seit Vertragsunterzeichnung 2022. Design, Fertigung und Zulassung seien eng abgestimmt worden. Mehr und größere Türen ermöglichten einen schnelleren Fahrgastwechsel – ein entscheidender Vorteil im urbanen Verkehr.

Schrittweise Einführung bis 2028

Aktuell sind bereits elf neue Fahrzeuge in Halle eingetroffen, sieben davon fahren schon im Liniennetz. Bis zum Sommer sollen alle Großzüge vor Ort sein; ab Juli folgen weitere Kurzwagen. Der vollständige Abschluss der Lieferung ist für März 2028 geplant.

Derzeit befinden sich alle Fahrzeuge noch im Probebetrieb. Gemeinsam mit dem Fahrgastbeirat sammelt die HAVAG Hinweise aus der Praxis. Ein konkretes Thema sind zusätzliche Halteschlaufen im Innenraum – sie wurden bereits bestellt. Nun wird geprüft, an welchen Stellen sie optimal angebracht werden können.

Symbol für eine wachsende Stadt

TINA steht nicht nur für neue Technik, sondern für ein neues Selbstverständnis urbaner Mobilität. Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit und Komfort werden nicht mehr als Zusatzoption, sondern als Standard gedacht. Die Straßenbahn bleibt Rückgrat des öffentlichen Verkehrs in Halle – und mit TINA beginnt ein neues Kapitel.

„Heute ist ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung vollständige Einführung der neuen Straßenbahnserie erreicht“, sagte HAVAG-Vorstand Schwarz. Die Saalestadt setze damit ein Signal: für moderne Mobilität, für Lebensqualität – und für eine Straßenbahn, die auch künftig das Stadtbild prägt.

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34 Kommentare

  1. V8 sagt:

    Bin gespannt, wenn die ersten Beulen an den Seiten sind.

    • Franz2 sagt:

      Das wird nunmal nicht ausbleiben und damit wird ja auch kalkuliert. Auch werden in paar Wochen die Bahnen nicht in dem Zustand sein, wie sie mal ausgeliefert wurden. Das kann jeder Kfz-Eigentümer nachvollziehen mit dem Unterschied, dass die Bürger der Stadt maßgeblich eine Rolle spielen, in welchem Zustand man die Bahnen vorfindet.

    • Daniel M. sagt:

      Du musst ja ein langweiliges Leben führen, wenn Beulen an Straßenbahnen dir Anspannungen verursachen. Kannst ja mal beobachten und berichten. Vielleicht wird daraus ja eine Community.

      • Rentner sagt:

        Du musst ziemlich imbecil sein!
        Denn die allermeisten Schrammen entstehen durch die StVO nicht beachtende Autofahrer.
        Die Havag wird sich sicher bei den Verursachern schadlos halten. Aber da ein Unfall meist mit Störungen im Betrieb verbunden ist, sind auch die Fahrgäste betroffen.

  2. JtD sagt:

    Da sind ja wirklich alle auf dem Bild, die wesentlich zu diesem Erfolg beigetragen haben.

  3. Henk sagt:

    Darf die ‚kurze TINA‘ über die so kaputte Saalebrücke hinter Ammendorf?

  4. Lost sagt:

    Meinen Herzlichen Glückwunsch! *ironie off*

    Die Bahn sei gelungen und biete eine neue Qualität für Halle, erklärte Verkehrsministerin Lydia Hüskens… Wahrlich eine neue Qualität.. in der LÄRMBELÄSTIGUNG.

    Und bevor sich hier wieder etliche trollen bedenkt, dass es Streckenverläufe in der Innenstadt gibt, welche seit der Errichtung nicht erneuert wurden. An diesen Stellen liegt das Gleis im Betonbett, unmittelbar der Gebäude die dort stehen.

    Die übertragenen Schwingungen der ca. 20 Tonnen schwereren Fahrzeuge übertragen sich direkt in das angrenzende Gebäude und lassen dort die Gläser wackeln. Dies ist die neue Qualität. Im 15 Minutentakt zukünftig. Mir reichen bereits die Probefahrten.

    Für den Betrieb setzt die Baureihe u. a. auf TINA-Drehgestelle (ruhige Fahrt, Ziel: Schonung von Rad/Schiene)… wenn dies bereits die ruhige Fahrt sein soll, möchte ich nicht das Vorgängermodell erleben.

    Nebenbei sei bemerkt, dass sich etliche Anwohner schriftlich über diese Beeinträchtigungen beschweren und um Kontaktaufnahme /Stellungnahmen bitten, jedoch seitens der HAVAG geschwiegen wird. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit diesen Beschwerden ist doch das mindeste.

    Aber bestimmt sind wir nur die einzigen, so dass dies ja alles vertretbar ist.

    • tinalover sagt:

      Wo kann man sich denn Beschweren? Ich bin auch betroffen und schon die Probefahrten waren nicht auszuhalten.

    • Heiko sagt:

      Du hast völlig Recht. Die Burgstrasse wackelt. Der „ruhige Lauf“ muss ein Scherz sein.

    • Franz2 sagt:

      Ich glaube diese angeblichen „Schwingungen“ und „Beeinträchtigungen“ sind doch ein wenig aus der Luft gegriffen. Man sollte sich den Ort schon aussuchen, wo man wohnen möchte.

      • hm sagt:

        Man beachte auch, dass derartige „Beschwerden“ ausschließlich anonym im Internet geäußert werden…

      • Daniel M. sagt:

        Ich glaube, franz2, dass du mal wieder nicht weißt, wovon du schreibst. Es gibt sehr schöne Gegenden, die man sich aussucht, auch wenn, oder gerade weil dort die Bahn fährt. Wenn es vorher ruhig war und nun deutlich Schwingungen durch die neue Bahn wahrnehmbar sind, braucht es deine dämlichen Kommentare nicht. Dann ist das so. Allerdings gibt es schlimmeres.

      • Lost sagt:

        Was bist denn du für Lumpen. Ich wohne in der Wohnung seit 10 Jahren. Wenn mich die Bahn bisher gestört hätte, würde ich da nicht wohnen.
        Aber klar Franz2. Wir sagen das natürlich nur, weil wir nostalgisch an unserer alten Bahn hängen und die Tina wieder abgeschafft werden soll.

    • Liones72 sagt:

      Körperschall durch die Beton Decke in die unmittelbar anliegende Hauswand – wer ist denn da in der Verantwortung? Die HAVAG hat ja nur den Gleiskörper als Infrastruktur, Straße, Gehweg und die fehlende Entkopplung zwischen Betondecke und Hauswand. Das ist doch die Schnittstelle zwischen haus und Straßenbaulastträger, oder?

    • Rentner sagt:

      Persönlich stören mich die Trams nicht. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es Stellen gibt, wo der Lärm der sehr nervt. Der Lapauner würde bestimmt zu einer anderen Wohnung raten.
      Man kann sich sicher bei der Havag beschweren, mit genauer Ortsangabe, vielleicht auch mit Dezibel-Angabe.
      Oder — der Stadtrat tagt einmal im Monat. Da kann man sein Anliegen vorbringen, am besten als Betroffenen-Kollektiv.

      Und die Aufsichtsrat-Sitze tun das sicher nicht für lau.

    • Rentner sagt:

      Persönlich stören mich die Trams nicht. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es Stellen gibt, wo der Lärm der sehr nervt. Der Lapauner würde bestimmt zu einer anderen Wohnung raten.
      Man kann sich sicher bei der Havag beschweren, mit genauer Ortsangabe, vielleicht auch mit Dezibel-Angabe.
      Oder — der Stadtrat tagt einmal im Monat. Da kann man sein Anliegen vorbringen, am besten als Betroffenen-Kollektiv.
      Und die Aufsichtsrat-Sitzer sitzen da auch nicht für lau.

  5. Dölauer sagt:

    Wenn sich die ganze selbsternannte Elite der Stadt einig ist, dass Tina angeblich großartig ist, dann wird es ja wohl stimmen – Qualität misst sich hier offenbar am Applaus der Wichtigmacher. Immerhin war sie billig 🤯

  6. Mimimimose sagt:

    „Ruhiger Lauf“… vielleicht mal bei Anwohnern fragen, welche neben der Straßenbahngleisen wohnen. Im Schrank klirrt das Geschirr, wenn eine von denen Vorfährt.

  7. Margot sagt:

    Diese neue Bahn ist ein schlechter Witz. Man kann hören und fühlen wann wieder eine Tina durch die strasse rumpelt. Der Unterschied zu den vorherigen Bahnen ist sehr stark spürbar. Selbst die historischen Bahnen aus dem Museum in der Seebenere Straße oder die alten Tatrabahnen waren deutlich leiser.

  8. 10010110 sagt:

    Ich habe das Gefühl, dass die Leute durch frühere Berichterstattung über rumpelnde Bahnen in anderen Städten derart voreingenommen sind, dass sie jetzt auf jedes Geräusch anspringen, was die TINAs machen, auch wenn es objektiv betrachtet gar nicht so schlimm ist. Was für ein armseliges, frustriertes Leben muss man eigentlich haben, wenn man sich permanent derart an solchen Sachen abarbeitet?

  9. Realist sagt:

    Leider fehlt diesen Bahnen nach wie vor ein sehr wichtiges Bauteil für den hallischen Verkehr. Ein Känguru-Fänger, damit man Falschparker einfach zur Seite schieben kann.

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