Startseite Foren Halle (Saale) Protest für sichere Fluchtwege in Halle

Dieses Thema enthält 90 Antworten und 8 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von  Pressecorps vor 1 Woche, 4 Tagen.

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    Pressecorps

    Interessanter und treffender Kommentar vom Tag:

    Deutschland, kein Sommermärchen

    Von Henryk M. Broder

    Auf eine Fiktion mehr oder weniger in Deutschland kommt es in wirklich nicht an. Oder? WELT-Autor Henryk M. Broder ist sich da nicht ganz so sicher
    Quelle: Martin U. K. Lengemann/WELT

    Wenn die Wirklichkeit unangenehm wird, suchen Menschen gerne Zuflucht in fiktiven Welten. Auch ganze Gesellschaften tun es, die sich zu viel zugemutet haben. Ein ganz besonderer Fall ist dabei die „deutsche Realitätsflucht“.

    Es ist nicht einfach, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann die Fiktionalisierung der Bundesrepublik begann. Es dürfte um die Zeit der Wende gewesen sein, als etwas passierte, womit niemand – von einigen Schwärmern wie Axel Springer und Arnulf Baring abgesehen – je gerechnet hatte. Die Mauer ging auf, die DDR implodierte, und alles, was vom ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden übrig blieb, waren das Ampelmännchen, der Goldbroiler und die Sättigungsbeilage.

    Es war damals oft von einem Traum die Rede, einem Wunder, einem Märchen (wie viele Jahre später bei der Fußball-WM), aber nicht im Sinne einer Verbeugung vor dem Zufall, der sich nicht herbeiplanen lässt, sondern als kühne Vorwegnahme des Merkel-Mottos „Wir schaffen das!“ Wenn der „antifaschistische Schutzwall“ wie ein frei stehendes Regal umfiel, dann müsste es auch möglich sein, mit Hilfe einer Räuberleiter den Mond zu erreichen.

    Am 9. November 1989 ging ein groß angelegtes Experiment zu Ende, das nur von der Hoffnung überlebt wurde, es habe sich um eine verunglückte Generalprobe gehandelt, die eigentliche Aufführung stünde noch bevor.

    Woher kommt die „deutsche Realitätsflucht“?
    Allerdings stellte Hannah Arendt kurz nach dem Ende des Krieges und lange vor dem Mauerbau bei einem Besuch im besiegten Deutschland fest, „der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht“ liege „in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen“.

    Was ihr zugleich auffiel, war noch einen Tick ärger: „Der Durchschnittsdeutsche sucht die Ursachen des letzten Krieges nicht in den Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben.“ Womit sie geradezu hellseherisch die Lust an der „Bekämpfung der Ursachen“ antizipierte, mit der heute Afrika saniert und die Migration nach Europa eingedämmt werden soll.

    Man kann sich in der Tat darüber streiten, wann die „deutsche Realitätsflucht“ einsetzte oder ob sie schon immer da war, eine Konstante der deutschen Geschichte, Ursache oder auch Folge der zu Unrecht verachteten Sekundärtugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit und Wertarbeit. Unbestreitbar ist, dass es sie gibt.

    Wer daran zweifelt, sollte sich nur eine beliebige Ausgabe der „Tagesschau“ ansehen, in der Politiker aller Parteien aus einer Welt berichten, in der sie es sich kommod eingerichtet haben und die mit der Welt, in der die Zuschauer leben, so viel gemein hat, wie ein Roman von Rosamunde Pilcher mit einem Polizeibericht aus einem „kriminalitätsbelasteten“ Wohngebiet.

    In dieser Welt gibt es nicht nur „gefühlte Temperaturen“, sondern auch „gefühlte Gefahren“. Und wann immer ein Terroranschlag bekannt wird, eine Vergewaltigung oder ein besonders grausamer Mord an einer Minderjährigen, wird nicht etwa auf die seltsame Häufung solcher Vorkommnisse hingewiesen, sondern darauf, dass es sich um „Einzelfälle“ handelt, die keinen Einfluss auf die Statistik haben. Geht dagegen die Zahl der Einbrüche zurück, schlägt sich das sofort in der Statistik nieder. In einer fiktionalen Welt spielen Zahlen nur dann eine Rolle, wenn sie der Aufrechterhaltung der Fiktion dienen.

    Dabei kommt es auch auf das „Framing“ an. Fasst die Polizei in Aachen einen 18 Jahre alten „jungen Mann“, der im Oktober letzten Jahres „als Flüchtling in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen“ registriert wurde, seitdem „kreuz und quer durchs Bundesgebiet reiste und dabei laut Polizei insgesamt neun Aliasnamen – also verschiedene Identitäten – benutzte“, wobei der „reisefreudige Kriminelle“ allein in Aachen „binnen kurzer Zeit 28 teils schwere Straftaten“ verübte, darunter Diebstahl, Körperverletzung und Raub, dann wird nicht gefragt, wie er es, obwohl polizeibekannt, geschafft hat, auf freiem Fuß zu bleiben. Nein, das wäre zu banal.

    Der Bericht in der Lokalzeitung fängt mit dem Satz an: „Die Aachener Polizei hat im Zuge umfangreicher Kontrollmaßnahmen einen bemerkenswerten Fahndungserfolg gelandet.“ Ein dreifaches „Hoch!“ auf die Aachener Polizei, die es diesmal hoffentlich nicht mit der Feststellung der Personalien bewenden lassen wird.

    „Aber wir sind doch ein so reiches Land“
    Nehmen wir ein anderes, ganz einfaches Beispiel. Wann immer die Rede auf die Kosten der Flüchtlingskrise kommt, kann man bis drei zählen, bis ein Experte aufsteht und sagt: „Aber wir sind doch ein so reiches Land, wir können es uns leisten!“ Zugleich aber legt der Paritätische Gesamtverband, vertreten durch seinen charismatischen Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider, regelmäßig einen „Armutsbericht“ vor, aus dem hervorgeht, dass die Zahl „armutsbedrohter“ Menschen, vor allem Kinder, immer größer wird. Wie geht das zusammen?

    In einem Land, das immer reicher wird, gibt es immer mehr arme bzw. „armutsbedrohte“ Menschen. Diesen, wie man zu Zeiten von Adorno und Horkheimer gerne sagte, „antagonistischen Widerspruch“ hat Heiko Maas, als er noch Justizminister war, in einem Satz aufgelöst. Es werde, sagte er bei Illner, „niemandem etwas weggenommen; das, was wir an zusätzlichen Mitteln aufgewandt haben für die Menschen, die zu uns gekommen sind, ist an keiner anderen Stelle, bei Sozialleistungen oder wo auch immer, jemandem weggenommen worden …“

    Als die DDR Anfang der 70er-Jahre zum großen Sprung nach vorne ansetzte, um die Überlegenheit des sozialistischen Systems gegenüber dem Kapitalismus zu demonstrieren, gab Walter Ulbricht die Parole aus: „Überholen, ohne einzuholen!“ Auf diese physikalische Unmöglichkeit wurden die Werktätigen der DDR zwangsverpflichtet. Etwas Ähnliches muss auch Heiko Maas gemeint haben. Wären die Ressourcen, über die ein Staat verfügt, unendlich, wie das Wasser im Meer, der Sand am Strand oder das Licht der Sonne, könnte der Staat den einen etwas geben, was er den anderen nicht weggenommen hat. Aber dem ist nicht so.

    Man kann das, was die „öffentlichen Hände“ ausgeben, mit einem Kuchen vergleichen, der bei einer Familienfeier auf den Tisch kommt. Je mehr Gäste etwas von dem Kuchen abhaben wollen, umso dünner werden die Scheiben, die jeder Einzelne bekommt. Seit Jesus ist es niemandem mehr gelungen, Tausende von Menschen mit ein paar Brotlaiben und einigen Fischen zu sättigen.

    Und nun will die Regierung beweisen, dass es doch möglich ist, gegen alle Regeln der Logik, der Physik und der Ökonomie. Dass der Zuzug meist ungelernter und ungebildeter junger Männer aus der Dritten Welt eine kulturelle und ökonomische „Bereicherung“ für ein Land bedeutet, dem es bis jetzt nicht gelungen ist, seine eigenen Berufsschüler in die Arbeitswelt zu integrieren.

    Dass die „Mittel für die Menschen, die zu uns gekommen sind“, gut angelegt sind, weil diese eines Tages „unsere Renten“ bezahlen werden. Die Argumente wechseln einander ab wie die Klingelzeichen von Smartphones. Mal geht es um „humanitäre Hilfe“, die zu leisten „wir“ verpflichtet sind, weil „wir“ Afrika so lange ausgebeutet haben, mal um den Anteil der Geflüchteten, Schutzsuchenden und Überlebenden am wirtschaftlichen Wachstum.

    Nach einer Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft könnte das Bruttoinlandsprodukt „durch den Zustrom Hunderttausender Menschen bis 2020 um insgesamt rund 90 Milliarden Euro steigen“, was etwa einem BIP-Prozent pro Jahr entspräche. Was wiederum bedeuten würde: Je mehr Flüchtlinge ins Land kommen, umso besser für das BIP. Rein rechnerisch könnte das sogar stimmen, allerdings hätten wir es mit einem Phänomen zu tun, das man im Geiste von Karl Valentin als „falschen Fehler“ bezeichnen müsste.

    Mit dieser Methode würde jeder Kaufmann, der sich vor seinen Laden stellt und Geld an Passanten unter der Bedingung verteilt, dass sie es in seinem Geschäft ausgeben, den Umsatz zwar gewaltig in die Höhe treiben, dafür aber bald Konkurs anmelden müssen.

    Die Fiktionalisierung des Alltags über Erfolge, die es nicht gibt, und Misserfolge, die es nicht geben darf, findet natürlich nicht nur in der Politik statt. Auch die Sozialwissenschaften geben sich Mühe, einen Beitrag zur Entwirklichung zu leisten. Eine Mitarbeiterin des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung hat vor Kurzem in einem Interview behauptet, es gäbe „keinen muslimischen Antisemitismus“, sondern nur „einen Antisemitismus unter Muslimen“, und auch das seien „nur Einzelfälle“. Was, wörtlich genommen, bedeutet, dass es sich um eine innermuslimische Angelegenheit handelt, die eben unter Muslimen ausgetragen wird.

    So gesehen, könnte man auch behaupten, es habe keinen nationalsozialistischen Antisemitismus gegeben, sondern nur einen Antisemitismus unter Nazis, wofür dann tatsächlich sprechen würde, dass gestandene Nazis sich gerne wechselseitig als „Juden“ und „Judenknechte“ beschimpften.

    Mindestens ebenso witzig ist die Behauptung eines anderen Mitarbeiters des Zentrums für Antisemitismusforschung, dass sich das Phänomen eines „importierten Antisemitismus“ nicht belegen lasse. Es gäbe nur „anekdotische Beispiele“, keine wissenschaftlich belegten Untersuchungen.

    Ja, so lange nicht die Mitarbeiter des Zentrums für Antisemitismusforschung mit Fragebögen ausschwärmen, um alle in Deutschland lebenden Muslime über ihre Einstellung gegenüber Juden zu befragen, gibt es nur Anekdoten, die so aussagekräftig sind wie Polen- und Friesenwitze.

    Und wenn ein junger syrischer Flüchtling einen Kippa tragenden Israeli mit einem Gürtel verhaut und dabei „Jude, Jude!“ ruft, dann könnte man das mit ein wenig gutem Willen auch als ein Zeichen der besonderen Affinität des Syrers zu dem Israeli interpretieren, die sich fern ihrer Heimat in Berlin getroffen haben.

    Auf eine Fiktion mehr oder weniger kommt es wirklich nicht an.“

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Antwort auf: Protest für sichere Fluchtwege in Halle
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