Gewerkschaft kritisiert: trotz Mehrwertsteuersenkung keine höheren Löhne bei Beschäftigten in der Gastronomie

Die rund 390 Gastro-Betriebe in Halle profitieren – viele Köche und Kellnerinnen gehen leer aus: Hotels, Restaurants und Gaststätten müssen seit Jahresbeginn deutlich weniger Mehrwertsteuer bezahlen – nämlich nur noch 7 statt 19 Prozent. „Von jedem 10-Euro-Schein, den der Gast im Restaurant lässt, bleiben dadurch rund 95 Cent zusätzlich für den Gastronomen übrig. Das Geld landet zwar in der Kasse – aber nicht in der Lohntüte der Beschäftigten“, sagt Christian Ullmann von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).

Auch der Gast merke von dem Steuergeschenk, das die Bundesregierung den Gastronomen gemacht habe, so gut wie nichts: „Wer mit dem großen Rutscheffekt der Preise auf den Speisekarten in Halle gerechnet hat, ist mehr als blauäugig“, so Christian Ullmann. Der Geschäftsführer der NGG Leipzig-Halle-Dessau wird deutlich: „Da hat die Bundesregierung die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn die allermeisten Gastronomen in Halle stecken das Geld, das durch das Schnitzel-Steuergeschenk für sie übrig bleibt, in die eigene Tasche“, sagt Ullmann.

Und es sei eigentlich „alles noch viel schlimmer“: „Denn gleichzeitig bezahlen viele Gastronomen ihren Beschäftigten in der Küche und im Service nur den gesetzlichen Mindestlohn. Das ist schäbig. Und noch dreister wird es, wenn sich Gastwirte oder Restaurantbesitzer auch noch darüber beklagen, dass sie 1 Euro und 8 Cent beim Stundenlohn draufzahlen müssen, weil der gesetzliche Mindestlohn zum Jahresbeginn auf 13,90 Euro pro Stunde gestiegen ist“, sagt Christian Ullmann.

Der Geschäftsführer der NGG Leipzig-Halle-Dessau warnt vor „unschöner Gastronomen-Gier“: „Wer seine Beschäftigten in der Küche oder im Service mit dem Mindestlohn abspeist, bezahlt keinen anständigen Lohn. Entscheidend und wirklich fair ist nur der Tariflohn“, so Ullmann. Der liege für eine ausgelernte Köchin oder Servicekraft in ganz Sachsen-Anhalt bei immerhin 15,23 Euro pro Stunde.

Doch ein Großteil der gastronomischen Betriebe in Halle betreibe „systematisch Tarifflucht“: „Viele Gastwirte, Restaurantchefs und Hoteliers in Halle schlagen einen weiten Bogen um den Tariflohn. Und damit auch um Zuschläge an Sonn- und Feiertagen und um Urlaubsregelungen“, so Christian Ullmann. Die Gastronomie gehöre zu den „Rekord-Branchen der Tarifflucht“.

„Viele der Gastro-Beschäftigten kommen so beim Lohn zu kurz“, kritisiert Ullmann. Insgesamt arbeiten in Halle nach Angaben der NGG rund 3.960 Beschäftigte in der Gastro-Branche – von der Köchin bis zum Barkeeper, vom Kellner bis zur Rezeptionistin. Die Gewerkschaft beruft sich dabei auf Zahlen der Arbeitsagentur.

Wer in Halle in der Gastronomie arbeitet, kann seinen Lohnzettel bei der NGG Leipzig-Halle-Dessau prüfen lassen und dabei auch mehr über den aktuellen Tariflohn erfahren: (0341) 688 43 240 | region.leipzig-halle-dessau@ngg.net.

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11 Kommentare

  1. Halle-Leser sagt:

    Ach Herr Ullmann…
    Was glaubt der denn, was die 95 Cent da so machen?
    Der soll froh sein, dass die Gastronomen den Laden nach der letzten Mieterhöhung nicht dicht gemacht haben und die Kredite weiter bedienen können, dass die Angestellten überhaupt noch arbeiten können.

  2. Carsharer sagt:

    Ach wie überraschend. Die Lobby steckt sich alles selbst in die Tasche.

    Wer CDU/FDP wählt, bekommt geliefert.

  3. otto sagt:

    Erst mal einen ordentlichen Beruf erlernen, diesen versteuert ausführen und dann Forderungen stellen.

  4. Henk sagt:

    In die Stadt kommt man mit dem Auto ohnnehin nicht mehr, Parkplatz in der Innenstadt gibt es auch keine – mithin kann der Wirt sein Schnitzel selber essen.

  5. On + On sagt:

    „Doch ein Großteil der gastronomischen Betriebe in Halle betreibe „systematisch Tarifflucht“: „Viele Gastwirte, Restaurantchefs und Hoteliers in Halle schlagen einen weiten Bogen um den Tariflohn. Und damit auch um Zuschläge an Sonn- und Feiertagen und um Urlaubsregelungen“, so Christian Ullmann. Die Gastronomie gehöre zu den „Rekord-Branchen der Tarifflucht“.

    Wer eine Mindestlohnerhöhung auf 13,90 €/h zu Beginn des Jahres einführt (dem höchsten in Europa!) darf sich nicht wundern, dass faktisch der Tariflohn in der Gastrobranche zusammengebrochen ist. Nahezu alle Gastroinhaber in Halle betreiben mittlerweile Selbstausbeutung, um die laufenden Kosten und einen wirtschaftlichen ihres Gastro-Betriebes abzusichern zu können. Die Äußerungen der NGG zeigen ein Ausmaß an völlig realitätsferner und verbrecherischer Einstellung dieser Gewerkschaftsfunktionäre.

    Das die Mehrwersteuersenkung nicht weitergegeben wird, war allen Beteiligten klar und ist auch in Ordnung so, da diese Mehrwertsteuersenkung nur die Kompensation für die radikale Mindestlohnerhöhung darstellt (in 2026 von 12,81 auf 13,90 €; in 2027 nochmals Anhebung auf 14,60€ – alles weit über der Inflation).

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