Händels gerettete Urgroßmutter und 36.000 historische Bände: Ein Blick hinter die Kulissen der Marienbibliothek
„Es ist ein Geheimtipp in Halle“, sagte Anke Fiebiger stolz über die Marienbibliothek, deren Leiterin sie seit mittlerweile 16 Jahren ist, im Kulturausschuss. Dort stellte sie den Mitgliedern ihre Einrichtung vor, die auf eine beeindruckende Geschichte zurückblicken kann. Im Oktober 1552 eröffnet, ist sie die älteste und größte ununterbrochen öffentlich zugängliche Bibliothek ihrer Art in Deutschland. „Sie war von Anfang an als öffentliche Bibliothek geplant und ist noch heute in Trägerschaft der Marktkirchengemeinde“, betonte Fiebiger mit Blick auf die historischen Wurzeln der Institution. Doch der Weg in die Moderne hielt so manche Überraschung und historische Pointe bereit.
Wie eine Baustelle fast die Musikgeschichte veränderte
Im südlichen Hausmannsturm der Marktkirche befand sich das allererste Domizil der Bibliothek. Reisefreudige und Wissensdurstige mussten damals also erst einmal einen beschwerlichen Aufstieg auf sich nehmen, um an die begehrten Werke zu gelangen. Im Jahr 1607 folgte schließlich der erste eigenständige Neubau. Das damalige Haus steht heute nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich mittlerweile ein modernes Wohn- und Geschäftshaus, in dem unter anderem Anwaltskanzleien und ein asiatischer Imbiss untergebracht sind.
Doch der ursprüngliche Bau hat auch direkt etwas mit der internationalen halleschen Stadtgeschichte zu tun. Damals war Johann Olearius als Superintendent im Amt, und eine seiner Töchter fiel während der Arbeiten in die Baugrube, wie Fiebiger zu berichten wusste. Das Mädchen konnte glücklicherweise gerettet werden. Andernfalls wäre die Geschichte völlig anders verlaufen, denn bei dem Kind handelte es sich um die Urgroßmutter mütterlicherseits des Komponisten Georg Friedrich Händel, der heute weltweit als der größte Sohn der Stadt Halle gefeiert wird.
1887 erfolgte dann der Bau des heutigen Bibliotheksgebäudes. Es befindet sich im Innenhof der Marktkirchengemeinde, direkt neben der Marktkirche.
Begehrter Leihgeber für die ganze Welt
Die Bibliothek umfasst heute einen beeindruckenden Bestand von zirka 36.000 Bänden, die vorwiegend aus dem 15. bis 18. Jahrhundert stammen. Darunter befinden sich über 435 Inkunabeln, also wertvolle Frühdrucke aus der Zeit vor 1501, sowie 308 Handschriften und 229 Urkunden aus dem 13. bis 18. Jahrhundert. Insgesamt zählt die Einrichtung rund 100.000 Schriften. Ein besonderes Prunkstück ist zudem eine Torarolle aus dem frühen 14. Jahrhundert. Diese geht übrigens demnächst als Leihgabe nach Trier in eine Ausstellung. Überhaupt sei man ein begehrter Leihgeber, konnte Fiebiger berichten, und sogar in den USA sind schon Stücke aus den halleschen Beständen erfolgreich ausgestellt worden.
Die Marienbibliothek besitzt darüber hinaus umfangreiche und geschlossen erhaltene Büchersammlungen von vier Gelehrten aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Dazu gehören 1.540 wertvolle juristische Werke von Dr. Joachim Oelhafen und 560 Bände einer medizinischen Dissertationensammlung von Professor Friedrich Hoffmann. Hinzu kommen etwa 2.000 Bände des Juristen und Privatgelehrten Christian Gottlob Zschackwitz sowie die 3.650 Bände umfassende Büchersammlung von Professor Johann Christlieb Klemme, der bis zu seinem Tode im Jahr 1816 selbst als Bibliothekar an der Marienbibliothek tätig war.
Bücher mit Biografie und unentdeckte Schätze
„Unsere Bücher haben ihre Biographie mitgebracht“, freut sich Fiebiger über die Einzigartigkeit der Bestände. Viele Schenkungen sind darunter zu finden, wie beispielsweise 150 Bücher aus dem Besitz von Felicitas von Selmenitz, der ersten Frau der Reformation in Halle. Darunter ist eine kostbare Luther-Bibel aus dem Jahr 1554, in der sich sogar eine handschriftliche Schenkungsnotiz des Reformators Martin Luther selbst befindet. Auch handschriftliche Anmerkungen von Selmenitz sind in diesem Werk enthalten. Überhaupt verfügt die Marienbibliothek über viele unterschiedliche Bibeln. Fiebiger schätzt die Zahl auf etwa 400 bis 500 Exemplare. Genau kann sie es allerdings noch nicht sagen, denn erst 40 Prozent der gesamten Bestände sind bisher katalogisiert. Tschechische Bibeln sind darunter zu finden, aber auch verschiedene Vulgatas, also die lateinischen Übersetzungen der Bibel, von denen einige reich mit Blattgold verziert und handkoloriert sind. Auch eine handgeschriebene Armenbibel gehört zum historischen Bestand.
Stolz ist die Leiterin zudem auf die sogenannte Halle-Sammlung. Darunter befindet sich unter anderem die älteste erhaltene hallesche Verordnung. Die Dauerbrenner der Stadtpolitik waren schon damals Lärm und Unrat. Aber auch gesellschaftshistorische Dokumente, wie beispielsweise eine Liste der Gäste aus den ersten zehn Jahren des bekannten Wittekindbades, lassen sich in dieser Sammlung entdecken.
Finanzielle Sorgen im historischen Gemäuer
Die Finanzierung der Marienbibliothek erfolgt heute durch die Gemeinde, den Kirchenkreis, die Landeskirche und die Sparkasse. Bis zum Jahr 2007 gab es noch eine institutionelle Förderung durch die Stadt Halle. Seither fließen von kommunaler Seite nur noch Mittel für die regelmäßigen Kinderführungen und die Ausstellungsvorbereitung. Die Führungen für die jüngsten Besucher finden kontinuierlich statt, und die Resonanz ist durchweg positiv. „Die Kinder sind immer sehr begeistert“, erzählte Fiebiger im Ausschuss.
Doch die finanzielle Situation der Einrichtung birgt auch erhebliche Sorgenfalten für die Zukunft. „Es darf nichts kaputt gehen“, warnte Fiebiger diesbezüglich eindringlich. Während die wertvollen Bücher problemlos 600 Jahre halten, sei dies bei der modernen Technik eben nicht der Fall. So mache der Bibliotheksleitung langsam die Gaslöschanlage zu schaffen, die zunehmend schlappmacht. Dabei handelt es sich um eine lebenswichtige Anlage zum Schutz der historisch wertvollen Bestände. Wie wichtig ein funktionierender Brandschutz ist, hat in der Vergangenheit beispielsweise der verheerende Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar schmerzhaft gezeigt. Versichert sind die halleschen Buchschätze im Übrigen nicht, denn das kann sich schlichtweg keiner leisten.
Ein exklusiver Arbeitsplatz im Büro der Chefin
Wer in den historischen Werken schmökern möchte, muss sich auf besondere Bedingungen einstellen. Ausleihen kann man sich die Bücher nicht, um sie mit nach Hause zu nehmen; die Nutzung ist ausschließlich vor Ort möglich. Einen großen, anonymen Lesesaal, wie man ihn aus vielen modernen Bibliotheken kennt, gibt es in der Marienbibliothek jedoch nicht. Stattdessen liest und forscht man direkt im Büro der Leiterin, wo ein extra Arbeitsplatz für Gäste eingerichtet wurde.
Zudem müssen die Nutzer eine ganz praktische Hürde nehmen, denn man muss die alte Frakturschrift fließend lesen können, um mit den Texten arbeiten zu können. Etwa 200 Personen nutzen im Jahr diese ganz besondere Möglichkeit der Recherche. Dabei bleibt es selten bei einem kurzen Besuch, denn die meisten Nutzer kommen mehr als nur einmal. Eine fundierte Recherche in den alten Buchbeständen nimmt in der Regel mehrere Tage in Anspruch.
Die Marienbibliothek ist m.W.auch im Besitz der sog. „Ehebrecherbibel“, bei dieser Bibel hat man bei dem Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“ das Wort „nicht“ vergessen.