Hightech für die Saale: Klärwerk in Halle wird zum Vorreiter der modernen Abwasserreinigung mit keramischen Membranen – unter anderem werden Medikamenten-Rückstände herausgefiltert

Der heutige Mittwoch könnte für die Zukunft der Wasserqualität in Sachsen-Anhalt wegweisend sein. An der Zentralkläranlage in Heide-Nordherrscht geschäftiges Treiben, doch im Mittelpunkt stehen heute nicht die gewaltigen Betonbecken der biologischen Reinigung, sondern kompakte, hochmoderne Containeranlagen. Diese beherbergen die Hoffnung der Wasserwirtschaft: die vierte Reinigungsstufe. Mit der feierlichen Übergabe eines Förderbescheids über 552.000 Euro durch Umwelt-Staatssekretär Steffen Eichner wurde heute der Startschuss für einen technischen Großversuch gegeben, der bis Ende 2028 die Entfernung von Spurenstoffen auf ein neues Niveau heben soll. Das Projekt der Hochschule Magdeburg-Stendal markiert den Übergang von der Laborforschung in die industrielle Anwendung und reagiert damit direkt auf die verschärften gesetzlichen Anforderungen der Europäischen Union.

Die Vision eines sauberen Wasserkreislaufs

Das Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit unserer Wasserressourcen wächst. „Wasser ist die Grundlage allen Lebens – und zugleich ein Spiegel unseres Umgangs mit der Natur. Was wir ins Wasser geben, kehrt irgendwann zu uns zurück – sei es sichtbar oder unsichtbar“, erklärte Staatssekretär Eichner während des Termins in Halle-Nord. Mit diesen Worten unterstrich er die moralische und ökologische Dringlichkeit des Vorhabens. Lange Zeit galten die drei klassischen Reinigungsstufen – mechanisch, biologisch und chemisch – als ausreichend. Doch der moderne Lebensstil hinterlässt Spuren, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. Medikamentenrückstände, Hormone, Mikroplastik aus Kosmetika und Reifenabrieb sowie diverse Industriechemikalien belasten zunehmend den Wasserkreislauf. Da Wasser ein knappes Gut ist und die Trinkwassergewinnung oft indirekt mit Oberflächenwasser verknüpft ist, stellt die Entfernung dieser Mikroschadstoffe eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar.

Keramische Membranen als technologische Speerspitze

Im Zentrum des Forschungsprojekts steht eine Innovation, die sich deutlich von bisherigen Standardverfahren unterscheidet. Während in anderen Bundesländern bereits großflächig mit Aktivkohle oder Ozonierung experimentiert wird, setzt das Konsortium in Sachsen-Anhalt auf keramische Membranen. Prof. Dr. Jürgen Wiese, Projektleiter an der Hochschule Magdeburg-Stendal, beschreibt die Technologie bildhaft als ein unheimlich enges Netz, das selbst gelöste Partikel zurückhält, die für das menschliche Auge unsichtbar sind. Diese Membranen werden durch spezielle Polyelektrolyt-Beschichtungen funktionalisiert, um gezielt Medikamentenrückstände zu binden. Ein entscheidender Vorteil gegenüber der Ozonierung, bei der teils gefährliche Abbauprodukte entstehen können, ist die rein physikalische Trennung bei hoher Energieeffizienz. Durch den Betrieb bei geringem Druck werden die Betriebskosten gesenkt, was das Verfahren langfristig für kommunale Kläranlagen finanzierbar macht. Zudem wird in Kombination mit Oxidationsmitteln und UV-Strahlung ein hybrider Ansatz getestet, um eine maximale Reinigungsleistung zu garantieren.

Ein Schulterschluss zwischen Forschung und kommunaler Praxis

Das Projekt zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Vernetzung aus. Es ist kein theoretisches Experiment im fernen Labor, sondern ein „Reallabor“, wie es die Projektbeteiligten nennen. Matthias Lux, Geschäftsführer der Stadtwerke Halle GmbH und Vorstandsvorsitzender des Kompetenzzentrums Wasserwirtschaft, betonte die Bedeutung dieser Kooperation. Er wies darauf hin, dass die Stadtwerke Halle die Kläranlage Halle-Nord sehr gerne für diesen großtechnischen Versuch zur Verfügung gestellt haben. Dr. Klaus Krüger vom Projektpartner GMBU e.V. ergänzte, dass hier die Kompetenzen aus Halle und Magdeburg gebündelt werden, um Sachsen-Anhalt als Standort für Umwelttechnologien zu stärken. Durch die intensive Vernetzung im Kompetenzzentrum Wasserwirtschaft sollen die Ergebnisse nicht nur theoretisch dokumentiert, sondern schnellstmöglich in die Praxis überführt werden. Dies sichert einen Technologietransfer, der weit über die Grenzen der Region hinaus Beachtung finden könnte, da viele Kläranlagen in Europa vor identischen Problemen stehen.

Die gesellschaftliche Debatte um Kosten und Verantwortung

Trotz der technologischen Begeisterung bleibt die Frage der Finanzierung ein zentrales Thema der politischen Debatte. Die vierte Reinigungsstufe wird durch die neue EU-Kommunalabwasserrichtlinie bis 2045 für große Kläranlagen zur Pflicht. Matthias Lux nutzte den Anlass für eine klare Botschaft an die Politik und die Industrie. Er gab zu bedenken, dass der Mensch die Welt nicht bewohnen könne, ohne sie zu verändern, doch die Lasten dieser Veränderung müssten gerecht verteilt werden. „Wir brauchen die Hersteller, damit die Bürger nicht bezahlen müssen“, forderte Lux mit Blick auf die Beteiligung der Pharmaindustrie an den Reinigungskosten. Die Diskussion über eine erweiterte Herstellerverantwortung, bei der Produzenten von Arzneimitteln und Kosmetika in einen Fonds einzahlen, ist ein wesentlicher Bestandteil der aktuellen Gesetzgebung. Ziel ist es, die Abwassergebühren für die Endverbraucher stabil zu halten, während gleichzeitig der Schutz des Grundwassers und der aquatischen Ökosysteme massiv verbessert wird.

Ökologische Notwendigkeit und langfristige Ziele

Dass gehandelt werden muss, steht für die Experten außer Frage. Die Folgen der Mikroschadstoffe sind bereits heute in der Natur nachweisbar. Berichte über die Verweiblichung von Fischbeständen durch hormonelle Rückstände oder die abnehmende Spermienqualität beim Menschen durch chemische Einflüsse mahnen zur Vorsorge. Einige dieser Stoffe gelten zudem als potenziell krebserregend. Der nun gestartete Großversuch in Halle-Nord soll bis Ende 2028 belastbare Daten liefern, um diese Gefahren effektiv zu bannen. Die Containeranlagen ermöglichen es, verschiedene Verfahrenskonzepte direkt miteinander zu vergleichen und für den industriellen Maßstab zu optimieren. Mit dem heutigen Tag hat Sachsen-Anhalt bewiesen, dass es bereit ist, eine führende Rolle im Umweltschutz einzunehmen und innovative Lösungen für die drängenden Fragen der Wasserreinigung zu liefern. Das Ziel ist klar definiert: Ein Wasserkreislauf, der so rein ist, dass nachfolgende Generationen keine Angst vor den unsichtbaren Erbschaften unserer Zeit haben müssen.

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3 Kommentare

  1. Ergenisse bitte berichten sagt:

    Schön, dass es ein Reallabor in Halle gibt und würde mich über einen Ergebnisbericht hier bei dubisthalle freuen.
    Wer Verpackungen in Verkehr bringt, muss sich auch an den Entsorgungskosten beteiligen. Genauso sollte es bei Medikamenten sein – abgestuft nach deren Wasserschädlichkeit und Menge bei renaler oder hepatischer Elimination. Übrigens nicht nur für die Human- sondern auch die Veterinärmedizin. Eine solche Regel sollte aber EU-weit gelten.
    Für den gesunden Erhalt unseres Fischbestandes, für den Erhalt unserer Natur.

  2. mirror sagt:

    Vorreiter? „Vierte Reinigungsstufe Westerheim bereits seit 2015 in Betrieb“