Zentrale Frauentagsveranstaltung in Halle: Fokus auf geschlechtergerechte Medizin und gesellschaftliche Verantwortung
Heute ist Internationaler Frauentag. Die zentrale Frauentagsveranstaltung für Sachsen-Anhalt fand im Audimax der Uni Halle bereits am Freitag statt. Sie wurde gemeinsam vom Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt, der Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten, dem Gleichstellungsbüro der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung organisiert.

Dabei hat Sachsen-Anhalts Gleichstellungsministerin Petra Grimm-Benne dazu aufgerufen, Errungenschaften der Gleichstellungspolitik aktiv zu verteidigen: „Der Internationale Frauentag erinnert uns daran, dass Gleichberechtigung nicht vom Himmel gefallen ist, sondern von mutigen Frauen erkämpft wurde. Er ist kein ritualisierter Gedenktag, sondern ein politischer Maßstab und Ausdruck des verfassungsrechtlichen Auftrags zur Gleichstellung.“ Was heute selbstverständlich erscheine, sei Ergebnis politischer Entscheidungen. „Stabilität ist kein Naturgesetz. Gleichstellungspolitische Errungenschaften brauchen Schutz und gesellschaftliche Unterstützung“, so die Ministerin. Es gehe um konkrete Lebensrealitäten: darum, ob Gleichberechtigung weiterhin als gesellschaftlicher Fortschritt verstanden werde, ob vielfältige Lebensentwürfe Anerkennung fänden und ob Schutzstrukturen sowie eine verlässliche gesundheitliche Versorgung gesichert blieben.
„Gerade weil Gleichstellung verletzlich ist, darf Verantwortung nicht abstrakt bleiben. Sie muss sich in Strukturen übersetzen – in Ausbildung, Versorgungsplanung, Forschung und Prävention“, sagte die Ministerin bei der zentralen Frauentagsveranstaltung des Landes Sachsen-Anhalt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Unter dem Titel „Geschlechtergerechte Medizin gestalten: Von der Praxis in die Zukunft“ diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Gesundheitswesen über eine gerechtere Gesundheitsversorgung.
Grimm-Benne betonte, dass Gleichstellung auch im Gesundheitswesen stärker berücksichtigt werden müsse. „Gesundheit ist nicht geschlechtsneutral. Wenn Unterschiede in Diagnostik und Behandlung nicht ausreichend berücksichtigt werden, entstehen strukturelle Nachteile“, sagte sie. Medizinische Forschung und Versorgung hätten sich lange überwiegend am männlichen Körper als Standard orientiert. Die Folgen seien bis heute sichtbar: Krankheiten würden bei Frauen teilweise später erkannt, Symptome anders eingeordnet und Therapien nicht immer ausreichend angepasst.
Beispiele sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, deren Symptome sich bei Frauen häufig anders äußern, sowie Erkrankungen wie Endometriose oder gesundheitliche Herausforderungen in den Wechseljahren, die lange wenig Beachtung fanden. Sachsen-Anhalt hat bereits wichtige Schritte unternommen, um geschlechtersensible Perspektiven stärker zu verankern. Dazu zählen spezialisierte Versorgungsangebote etwa bei Brustkrebs, die Sicherung von Geburtshilfe und gynäkologischer Versorgung sowie neue wissenschaftliche Strukturen – etwa die im Jahr 2025 deutschlandweit erste Hochschulambulanz für Prävention und Geschlechtersensible Medizin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
„Geschlechtergerechte Medizin darf kein kurzfristiges Projekt bleiben. Sie muss dauerhaft Teil unserer Versorgungsstrukturen sein“, sagte Grimm-Benne. Der Internationale Frauentag mache deutlich, dass Gleichberechtigung eine dauerhafte demokratische Aufgabe bleibe. „Eine gerechte Gesundheitsversorgung ist Ausdruck unserer demokratischen Werteordnung“, so die Ministerin.

Zum Internationalen Frauentag richtet Halles Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt den Blick auf eine oft unterschätzte Baustelle der Gleichberechtigung: die geschlechtersensible Medizin. In einer Grundsatzrede betonte er, dass eine gerechte Gesundheitsversorgung nicht nur eine Frage der Fairness, sondern auch ein massiver wirtschaftlicher Standortfaktor sei. Dr. Vogt knüpfte in seinen Ausführungen direkt an die stolze Tradition der Saalestadt an. Er erinnerte daran, dass Halle der Ort ist, an dem Geschichte geschrieben wurde: „Halle ist der Ort, wo die erste Frau, nämlich Frau Dorothea von Erxleben, hier promovierte – im Jahr 1754“. Damit stehe die Stadt seit Jahrhunderten für den Aufbruch von Frauen in die Wissenschaft.
Trotz dieser historischen Vorreiterrolle sieht der Oberbürgermeister in der Gegenwart erhebliche Defizite. Er kritisierte, dass die Medizin oft noch immer den „männlichen Standard“ als Maßstab ansetze. Dies führe dazu, dass Krankheiten bei Frauen oft zu spät oder falsch diagnostiziert würden.
Besonders hob er die Fortschritte in Halle hervor, um diesen Trend zu brechen: Hebammengeführter Kreißsaal: Seit 2019 bietet die Universitätsmedizin Halle dieses Modell an – das erste in Sachsen-Anhalt. Selbstbestimmung: Solche Projekte stärken die Autonomie von Frauen in sensiblen Lebensphasen.
Ein zentraler Punkt in Vogts Argumentation war die ökonomische Perspektive. Unter Berufung auf Daten des World Economic Forum verdeutlichte er, dass eine ungleiche Gesundheitsversorgung teuer zu stehen kommt. „Geschlechtergerechte Medizin ist nicht nur ethisch geboten, sondern auch ökonomisch vernünftig“, so der Oberbürgermeister.
Die Schließung der sogenannten „Health Gap“ könnte laut aktuellen Analysen nicht nur die Lebensqualität von Millionen Frauen verbessern, sondern auch die globale Wirtschaftskraft massiv stärken, da Krankheitsausfälle reduziert und Behandlungskosten gesenkt würden.
Für Dr. Alexander Vogt ist klar, dass die Kommunalpolitik hier eine Schlüsselrolle spielt. Es gehe darum, die Versorgung vor Ort in den Kliniken und Praxen so zu gestalten, dass niemand aufgrund seines Geschlechts benachteiligt wird. Er rief dazu auf, die in Halle gesammelten Erfahrungen als Blaupause für eine moderne, gerechte Gesundheitsstrategie zu nutzen.










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