Anwohner sammeln Unterschriften gegen Identitäres Hausprojekt


Seit dem Sommer ist es unruhig geworden in der Adam-Kuckhoff-Straße. Grund sie die neuen Eigentümer des Hauses Nummer 16. Erworben hat es ein AfD-Politiker, Mieter sind unter anderem die rechte „Ein Prozent“-Initiative sowie die vom Verfassungsschutz beobachtete Identitäre Bewegung mit ihrem Ableger Kontrakultur. Auch der AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Joachim Tillschneider hat hier ein Büro. Schon gleich nach der Eröffnung gab es Proteste linker Gruppen, auch in der kommenden Woche ist wieder eine Demonstration angekündigt.

Nun macht eine Anwohner-Initiative mobil gegen das Projekt. 120 von ihnen haben einen Brief an die Nutzer des Hausprojekts verfasst. „Wir wünschen ausdrücklich keine Nachbarschaft mit Ihnen“, heißt es in dem Schreiben an die Adam-Kuckhoff-Straße 16. „Wir freuen uns über das Engagement für Mitmenschlichkeit und Weltoffenheit in unserer Stadt und anderswo. Und deswegen sagen wir unmissverständlich, dass Ihre Ideen und Aktivitäten im Haus und im Viertel nicht willkommen sind.“ Unterschrieben haben viele Anwohner, darunter auch bekannte Persönlichkeit wie der ehemalige Sozialminister Norbert Bischoff (SPD), der Theologe und Uni-Professor Ernst-Joachim Waschke, Kita-Leiter und Lokalpolitiker André Scherer, Propst Johann Schneider, Hochschul- und Studierendenpfarrerin Christiane Thiel, die Bundestagsabgeordnete Birke Bull-Bischoff (Die Linke), aber auch Einrichtungen wie Radio Corax oder die Buchhandlung Jacobi & Müller.

Das komplette Schreiben:

An die BewohnerInnen und MieterInnen des Hauses Adam-Kuckhoff-Straße 16
Im Juli 2017 fanden wir in unseren Briefkästen ein Schreiben von Ihnen, in dem Sie die Anwohnerinnen und Anwohner über Ihre Ideen informieren. Sie wünschen sich eine gute Nachbarschaft und beabsichtigen, zu einem Gedankenaustausch einzuladen. Denn Ihrer Meinung nach gäbe es Tabus in Bezug auf die ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in unserer Stadt, die Sie durchbrechen wollen.
Wir wünschen ausdrücklich keine Nachbarschaft mit Ihnen.
Wer andere Menschen ausgrenzt, bedroht und in Lebensgefahr bringt – hier und anderswo, kann nicht für sich eine gute Nachbarschaft beanspruchen. Wer die Meinung vertritt und wissenschaftlich zu begründen versucht, Menschen sollen grundsätzlich nur dort wohnen, wo sie geboren wurden bzw. von wo sie abstammen, kann nicht glaubwürdig für einen menschenfreundlichen Umgang mit allen Einwohnerinnen und Einwohnern unserer Stadt eintreten. Sie denken und reden von „deinem Land“, wir denken und reden von „einer Welt“. Entgegen Ihren Beteuerungen, für die „soziale Existenz“ der Menschen eintreten zu wollen, meinen Sie nur das Wohl bestimmter Teile der deutschen Bevölkerung. Sie schüren Ängste in Bezug auf Menschen, die durch Krieg, Gewalt, Terror und Zerstörung ihre Lebensgrundlage, Bekannte und Freunde verloren haben und um ihr Leben fürchteten und noch immer fürchten müssen. Sie spalten die Gesellschaft in Zugereiste und Einheimische, in „Fremde“ und „Deutschstämmige“. Dabei müssten Sie genau wissen, nicht nur aus unserer eigenen unheilvollen Geschichte, dass Frieden und Sicherheit nur dort eine Chance haben, wo Menschen unterschiedlicher Herkünfte, Weltanschauungen, Kulturen und Religionen miteinander zu leben versuchen.
Der Respekt vor der Würde jedes Menschen, egal wo jemand herkommt, warum er hier ist, welche Überzeugung er hat, ist die Grundlage für Wohlstand und Frieden hier und überall in der Welt.
Wir wollen, dass Halle an der Saale eine Heimat für die hier Geborenen und die Zugezogenen ist, für die, die hier leben und erst recht eine sichere Heimstätte wird für die, die vor Krieg und Verfolgung fliehen.
Wir freuen uns über das Engagement für Mitmenschlichkeit und Weltoffenheit in unserer Stadt und anderswo. Und deswegen sagen wir unmissverständlich, dass Ihre Ideen und Aktivitäten im Haus und im Viertel nicht willkommen sind.
Dies werden wir mit Ausdauer und Überzeugung deutlich machen.
Im Namen der Anwohnerinnen und Anwohner aus:
der Emil-Abderhalden-Straße,
der Puschkinstraße,
dem Weidenplan,
der Adam-Kuckhoff-Straße,
der Heinrich-und-Thomas-Mann-Straße,
der Gütchenstraße,
der Franz-Andres-Straße,
der Martha-Brautzsch-Straße,
der August-Bebel-Straße,
der Marthastraße,
der Zinksgartenstraße,
der Ludwig-Wucherer-Straße,
der Großen Steinstraße.
Sowie namentlich:
Stephan Schirrmeister
Kristin Brockauf-Knothe
Sieglinde Kamuf
Siegfried Kamuf
Annegret Frauenlob
Maréen, Ewa, Lilo, Fanny, René
Christine Heyroth
Jochen Heyroth
Angela Bartz
Friederike Lattorff
Henriette Lattorff
Christian Wenzel
Paul Lattorff
Linda Lattorff
Friedemann Fanenbruck
Paula Brockhaus
Holger Schulze
David Brümmer
Birke Bull-Bischoff
Norbert Bischoff
Verena und Jo, Marthastraße
Marion und Daniel
Rita Lass
Paulina Brunner
Friedrich Lux
Lucas Leybold
Torsten Illner
Helmut Stabe
Ulrike Jänichen
André Scherer
Diana Pohl
Arno Siegmund
Karoline Siegmund
Almut, Adam-Kuckhoff-Straße
Paul, Adam-Kuckhoff-Straße
André Kestel und Django
Isis und Felix, Adam-Kuckhoff-Straße
Norman Kasper
Ulrike Kasper
Simone Henninger
Arne Moritz
Stephan Eisenmann
Christina Eisenmann
Imke Janßen
Nils Janßen
Juliane Köber
Christoph und Elli, Gütchenstraße
Franz und Anne, Gütchenstraße
Aaron, David, Lou, Simon, Ludwig-Wucherer-Straße
Thorsten, Adam-Kuckhoff-Straße
André, August-Bebel-Straße
Reinhard Carstens
Brigitte Carstens
Georg Giersch
Renate Giersch
Dorothee Fuchs
Friederike von Hellermann
René Langner
Sibylle Mittag
Matthias Behne
Tobias Jacob
Christiane Gille
Karin Kölling
Christa Fieber
Gisela Herden
Erika Scholze
Ursula Niebert
Michael Antons
Alexander Mohr
Falk Schmiedeknecht
Caroline Böhm
Nicole Müller
Grit Weigmann
Wolfdietrich Wagner
Stefanie Sachsenröder
Maik Sachsenröder
Heiko, Grosse Steinstraße
Alexander Podhaisky
Lucia Tanneberger
Ines Heinrich-Frank
Lars Frank
Andreas Amelang
Dagmar Bringezu
Stefan Bringezu
Norman, Adam-Kuckhoff-Straße
Petra Reichenbach
Bettina Fischr
Matthias Fischer
6 AnwohnerInnen, Große Steinstraße 56
Anne Knödler
Damaris Lohrengel
Joel Lohrengel
Prof. Wolfgang Marquart
Peter Burkhardt
Mariam, Adam-Kuckhoff-Straße
Miriam Böhl
Michael Böhl
Christiane Starke
Maria, Gütchenstraße
WG, Puschkinstraße 28
Dr. Johann Schneider
Christiane Thiel, Hochschul- und Studierendenpfarrerin der ESG
Prof. Dr. Ernst-Joachim Waschke, Puschkinstraße
Heike Witzel, Evangelische Erwachsenenbildung Sachsen-Anhalt, Regionalstelle Halle-Wittenberg
Gewerbe/Institutionen:
Copyshop, Angela Hannemann
Ernst-Christoph Römer, Vorstandsvorsitzender der Ev. Stadtmission Halle e.V.
Dr. Wolfgang Hartmann, Heimbeiratsvorsitzender der Stiftung Marthahaus
Corax e.V. – Initiative für freies Radio
Bewohner des Schlesischen Konvikts
Antje Jacobi und Raimund Müller, Buchhandlung Jacobi & Müller