Autogerechte Altstadt? Altstadtgerechte Mobilität!


Die Versuche, die verkehrspolitische Ausrichtung für die hallesche Innenstadt, insbesondere mit ihrem Kern der historischen Altstadt autogerecht zu ändern, sind gefährlich und populistisch. Die Befürworter einer solchen Verkehrspolitik begründen ihren Vorstoß mit der Belebung der Altstadt und besserer Erreichbarkeit. Sie verkennen dabei aber völlig, dass das historische Zentrum für eine autogerechte Verkehrspolitik nicht ausgelegt ist. Das Halles Altstadt weitgehend unversehrt geblieben ist, ist eine Gnade der Geschichte. Alle deutschen Städte von der Größe Halles bzw. größer sind im Zweiten Weltkrieg bzw. im stürmischen Wiederaufbau untergangen. Überall wurde eine autogerechte Überplanung der Städte betrieben. Dieses verkehrspolitische Leitbild war in den 1950er bis 1970er in beiden Teilen Deutschlands Mehrheitsmeinung. Halle bildete eine Ausnahme. Bis auf die autogerechten Eingriffe durch die auch in Zukunft nicht zu ersetzende Hochstraße und seinen ursprünglichen Maßstab sprengenden Riebeckplatz blieb die Saalestadt von einer stadtzerstörenden Verkehrspolitik weitgehend verschont.

Dieser Umstand gibt Halle heute in den Reihen der deutschen Großstädte mit mehr als 200.000 Einwohnern eine Sonderstellung. Spätestens die politische Wende 1989/90 bedeutete auch ein Ende der in eine Sackgasse geratenen DDR-Baupolitik. Die Rettung der Altstadt von Halle, die in den 1980er einen flächenhaften Leerstand und Verfall aufwies und ihr städtebaulicher Bestand massiv zur Disposition gestellt war (und zwar nicht mehr aus Ideologie sondern aus schierer Hilflosigkeit), begann durch heldenhaft handelnde Frauen und Männer um den Arbeitskreis Innenstadt. Frauen und Männer, die die Altstadt von Halle das zweite Mal im 20. Jahrhundert vor seiner Zerstörung bewahrten. Und diesmal nicht durch Waffen, sondern die ein „Ruinen schaffen ohne Waffen“ verhindern wollten. Wer Halle noch aus den Endjahren der DDR kennt, und den Vergleich zu heute zieht, kommt unweigerlich zu dem Urteil, dass die Aufenthaltsqualität und die Belebung der Altstadt zurückgekehrt ist – und ohne das sie autogerecht verunstaltet wurde. Wer diese Qualität für unsere Innenstadt nicht erkennt, welcher Nutzen dies für unsere Stadt stiftet und nur ihren Wert nach dem Maßstab einzelhandelsseitiger Maximalverwertung beurteilt, hat nichts begriffen und bemisst der Wiederauferstehung der halleschen Altstadt einen untergeordneten Wert zu.

Es war richtig, dass alle politischen Kräfte unserer Stadt seit 1990, sowohl die Parteien bzw. Wählervereinigungen im Stadtrat als auch alle bisherigen Oberbürgermeister, sich dem verkehrspolitischen Ziel einer umwelt- und altstadtgerechten Erschließung Halles verschrieben haben – zumindest bisher. Gegenwärtig versuchen aber einige wenige, „alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen“. Postulieren, dass der Einzelhandel von Halle erblühe, wenn man nur das Konzept der autoarmen Altstadt aufgeben würde und eine Verkehrspolitik betriebe, die dem Autofahrer genügt. Für solche kühnen Thesen gibt es weder empirische Beweise noch statistische Erhebungen. Sowohl in Ost wie in West weisen viele mittelgroße und kleinere Großstädte, die nach 1945 autogerecht entwickelt wurden, eine dysfunktionale Gemeinsamkeit auf: nach dem Ende der örtlichen Ladenöffnungszeit sind sie menschenleer. Die Urbanität und Verweildauer in diesen Zentren sinkt dann stets rapide. Die historische Altstadt von Halle hat dagegen alle entscheidenden Funktionen gut herausgebildet: Wohnen, Arbeiten, Verkehr, Bildung, Denkmalschutz, Tourismus, Handel und Gewerbe befinden sich in einem Gleichgewicht. Eine weitere gedeihliche Entwicklung des historischen Zentrums von Halle kann und darf auch in Zukunft nur auf der Basis einer Gleichgewichtspolitik vollzogen werden. Eine altstadtgerechte Mobilität wird deshalb auch in Zukunft für unsere Stadt alternativlos sein!

(Gastbeitrag von Roland Hildebrandt)