Halles Rentiere kommen nach Dessau-Roßlau: Tierpark am Goldberg und betreuender Tierarzt sind darüber irritiert, Stadt verteidigt sich
Seit die finnische Partnerstadt Oulu Ende 2008 unserer Stadt die ersten Rentiere geschenkt hat, haben sie auf dem Goldberg in einem naturnahen Gehege ein Zuhause gefunden. Gemeinsam mit langzeitarbeitslosen Menschen aus dem Stadtgebiet werden die Tiere und Grünflächen des ca. 4 Hektar großen Geländes vom dreiköpfigen Anleiterteam um Projektleiter Sebastian Werner tagtäglich betreut und versorgt.
Im Dezember 2025 teilte die Stadtmarketing Halle GmbH Sebastian Werner überraschend mit, dass beabsichtigt ist, die Rentiere in den Tierpark Dessau umzusiedeln. Grund für die Entscheidung sei, dass Stadtmarketing nicht länger für die Futter- und Tierarztkosten aufkommen wolle. Hintergrund: Die Stadtmarketing Halle GmbH sei von der Stadt mit der Rechnungsabwicklung beauftragt und vermarktet die Rentiere.
„Wir bedauern sehr, dass die Tiere unsere Stadt verlassen sollen, sie sind hier geboren.“ ist Werner betrübt. „Wie viele andere Menschen dieser Stadt haben wir sie über all die Jahre ins Herz geschlossen.“ Dass die Entscheidung der Stadt für den Wegzug aus Halle mit Haltungsbedingungen, tierärztlicher Versorgung aus Leipzig und hohen finanziellen Belastungen für den Träger des Goldbergs begründet wird, macht die Beteiligten fassungslos. Die meisten Aussagen von Stadtmarketing und Verwaltung entsprechen inhaltlich nicht den Tatsachen. „Eine Umsiedlung erspart dem Träger des Goldbergs keinen einzigen Cent. Wir fühlen uns vorgeschoben.“ ist der Prokurist des Paritätischen Sozialwerks, Marc Manser verwundert über das Argument. „Ja, der gesamte Goldberg als Ort für Familien und naturnahe Bildung mit ca. 12.000 Besuchenden im Jahr wird bei einem gemeinnützigen sozialen Träger nicht langfristig überleben, da die Stadt keinerlei finanzielle Unterstützung bereit stellen kann. Aber hier reden wir über das Futter und die tierärztliche Versorgung der Rentiere, nicht über die jährlich 100.000 €, die uns strukturell fehlen – das ist ein ganz anderes Thema. Futter und Tierarzt waren und sind allein Sache der Stadt.“
Der einzige Fachtierarzt für Zoo-, Wild- und Gehegetiere in Sachsen-Anhalt Jens Thielebein von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist verblüfft: „Die Stadtmarketing erhält von der Universität in Halle Rechnungen. Welche Rolle übernimmt dabei nun die Tierklinik in Leipzig?“ fragt er sich. Thielebein behandelt seit vielen Jahren die Rentiere. „Sie haben ein Gehege, welches alle Haltungsbedingungen für Rentiere entsprechend des Säugetiergutachtens erfüllt und so ein Wohlbefinden der Rentiere sichert. Die Haltung von nur weiblichen Tieren ist in vielen tiergärtnerischen Einrichtungen nicht unüblich. Bei den Rentieren auf dem Goldberg handelt es sich um ältere Tiere, mit denen auch aus biologischer Sicht nicht mehr gezüchtet werden sollte. Die Strapazen einer Umsiedlung werden ihnen großen Stress und Quarantäne verursachen. Warum hat bisher kein Verantwortlicher der Stadt mit mir darüber gesprochen?“ Das Rentier „Sternchen“ mit altersbedingten Bewegungsstörungen ist derzeit von der Herde separiert. „Sie verkraftet rein körperlich keinen Bullen oder Hierarchiekämpfe in einer Herde.“ so Thielebein.
Schon seit der Einschläferung von „Rudi“ Ende 2020 lebt die weibliche Herde zu viert auf dem Goldberg. „Warum sind die Haltungsbedingungen fünf Jahre später nicht mehr gut? Welche neuen Erkenntnisse hat Stadtmarketing Halle?“ fragt Manser. „Mit der Ausdauer der Maßnahmeteilnehmenden und großer Unterstützung des Jobcenters Halle sorgen wir dafür, der Stadtgesellschaft ein Kleinod von Grünflächen und Nutztiergarten zu erhalten.“ Der Träger wird allerdings keine Entscheidungen der Stadt und der Stadtmarketing GmbH torpedieren. „Viele Bürger der Stadt sprechen uns an.“ hört Manser. „Warum gebt Ihr die Rentiere weg? fragen die Leute. Das wüssten wir auch gern.“
Unterdessen verteidigt sich die Stadt Halle (Saale). Die Haltungssituation habe sich durch verschiedene Faktoren geändert, so Stadtsprecher Drago Bock gegenüber dubisthalle.de. „Zum einem sind die Tiere mittlerweile in einem sehr hohen Alter und zum anderem sind Tiere gestorben und dadurch die Gruppe kleiner geworden. Damit bildet sie keinen Herdenverband mehr, wie ihn Rentiere für eine artgerechte Haltung benötigen.“
Konkrete Informationen wie Transportdatum, Transportfähigkeit und Gesundheitszustand der Tiere liegen bisher nicht vor, so Bock. „Insofern war eine Abstimmung bislang nicht notwendig.“ Gleichwohl seien dem Verein PSW die Hintergründe bezüglich der Überalterung der Tiere und dem nicht mehr vorhandenen Herdenverband, den Rentiere für eine artgerechte Haltung benötigen bekannt.
Die PSW beziehungsweise deren Mitarbeiter kümmern sich zwar um die Tiere, die Verantwortung für die Tiere und deren Wohlbefinden sowie die Aufwändungen obliegen jedoch allein der Stadt beziehungsweise der Gesellschaft Zoologischer Garten GmbH und der Stadtmarketing Halle GmbH (SMG), so Bock. „Eine Informationspflicht in fachlichen Fragen besteht nicht, zumal diese seitens der PSW auch nicht beurteilt werden können“, ergänzt Zoo-Sprecher Tom Bernheim.
Der Zoo trage die kompletten Futterkosten beziehungsweise bestellt das Futter für die Rentiere in Rahmen seiner gesamten Futterbestellungen für Tiere mit ähnlichen Futterbedarf. Insofern ist es laut Zoo kaum möglich, den Wert des Futters im Einzelnen zu beziffern, sagt Bock. Die Tierarztkosten werden von der Stadtmarketing Halle (Saale) GmbH komplett übernommen.
Durch die Weggabe nach Dessau-Roßlau entfallen die Aufwändungen wie Futter und Tierarzt, betont Bock. Zoo-Sprecher Tom Bernheim ergänzt: „Es handelt sich dann nicht um eine Einstellung der Tiere wie auf dem Goldberg, die nur deswegen dort erfolgte, weil der Zoo Halle über keine geeignete Tieranlage verfügt, sondern um einen Besitzerwechsel. Solange eine Übernahme der Tiere jedoch nicht konkret vereinbart ist, bisher gab es nur Vorgespräche, bleibt dies Theorie.“









„Die meisten Aussagen von Stadtmarketing und Verwaltung entsprechen inhaltlich nicht den Tatsachen.“
Das kann man sich sehr gut vorstellen. Da wird alles so lange zurechtgebogen, bis es passt.
Sitzen denn nur Idioten bei der Stadt Halle? Als wenn Herr Drago Bock soviel von Rentieren versteht. Es tut mir für die Kinder leid, die sehr gern zu den Rentieren gehen.
Dem Stadtmarketing sollte als Konsequenz eine weitere Vermarktung der Rentiere untersagt werden. Diese „Comicfiguren“ hatten eh nichts mit Rentieren gemein.
„„Eine Informationspflicht in fachlichen Fragen besteht nicht, zumal diese seitens der PSW auch nicht beurteilt werden können“, ergänzt Zoo-Sprecher Tom Bernheim.“
Mag ja sein, dass es keine Informationspflicht gibt. Es ist trotzdem eine schlechte Art der Kommunikation, wenn die „Versorger“ der Tiere über die Medien informiert werden. Darüber hinaus klingen manche Argumente arg konstruiert. Hoffen wir mal, dass das nicht ein schleichendes Sterben des Goldberges wird.
Man verschenkt/verkauft die Tiere nach Dessau um nicht mehr Futter und Tierarzt zahlen zu müssen. Das ist in Zeitrn klammer Kassen verständlich, möge aber bitte auch so benannt werden.
Es ist einfach nicht mehr wahr, was in Halle abgeht. Ausserdem gab es vor kurzem eine Nachricht dass der Zoo Dessau deutlich weniger Besucher hatte als geplant . Ein Schelm wer böses dabei denkt
„Gemeinsam mit langzeitarbeitslosen Menschen aus dem Stadtgebiet werden die Tiere und Grünflächen des ca. 4 Hektar großen Geländes vom dreiköpfigen Anleiterteam um Projektleiter Sebastian Werner tagtäglich betreut und versorgt.“ 🙂
Ich verstehe nicht, dass hier so ein Spektakel veranstaltet wird.