IG Metall kritisiert Auftritt von Bundeskanzler Merz beim Neujahrsempfang in Halle und dessen Attacke gegen das Arbeitszeitgesetz

Sachsen-Anhalt und andere Bundesländer leben von der Leistung ihrer Beschäftigten. Diese Wahrheit wurde auch beim Neujahrsempfang der IHK Halle-Dessau zunächst ausgesprochen. Bundeskanzler Friedrich Merz dankte den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern für ihren Einsatz und ihren Beitrag zur wirtschaftlichen Stärke des Mittelstands. Doch dieser Dank währte nur kurz. Denn nur wenige Sätze später stellte Merz ausgerechnet das Arbeitszeitgesetz zur Disposition – jenes Gesetz, das die Gesundheit, die Erholung und die Würde der arbeitenden Menschen schützt. Damit entwertete er seine eigenen Worte. Wer Beschäftigten Anerkennung zollt und ihnen im nächsten Moment signalisiert, dass ihre Schutzrechte verzichtbar seien, betreibt keine Wirtschaftspolitik, sondern stellt sich selbst ins politische Abseits.

Sachsen-Anhalts Stärke liegt zweifelsohne auch in der Arbeitskraft seiner Menschen: in ihrer Qualifikation, ihrer Verlässlichkeit und ihrer außergewöhnlichen Flexibilität. In den vergangenen Jahren haben die Beschäftigten enorme Anpassungsleistungen erbracht – sie wechselten zwischen Kurzarbeit und Sonderschichten, fingen Auftragsschwankungen ab, hielten Betriebe durch Krisen hinweg arbeitsfähig und mussten nicht selten mit Nebenjobs steigende Lebenshaltungskosten kompensieren. Diese Realität passt nicht zu dem Zerrbild einer angeblich bequemen oder arbeitsscheuen Gesellschaft.

Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, macht deutlich: „Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Deutschen sind weder faul noch bequem. Wer das behauptet, ignoriert Fakten – und verkennt die Lebensrealität von Millionen Beschäftigten.“ Denn ein Blick auf die Daten widerlegt die gängigen Mythen. Vollzeitbeschäftigte in Deutschland arbeiten im Schnitt 40,2 Stunden pro Woche – praktisch auf EU-Niveau. Von mangelnder Leistungsbereitschaft kann keine Rede sein. Dass die durchschnittliche Arbeitszeit aller Erwerbstätigen darunter liegt, hat einen klaren Grund: die hohe Teilzeitquote. Diese ist kein Ausdruck von Faulheit, sondern Ergebnis struktureller Zwänge. Fast 30 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in Teilzeit – häufig nicht freiwillig, sondern weil Rahmenbedingungen fehlen. Hunderttausende Kitaplätze fehlen bundesweit. Millionen Menschen übernehmen Pflegeaufgaben in ihren Familien. Frauen leisten Woche für Woche rund 30 Stunden unbezahlte Care-Arbeit. Hinzu kommen ehrenamtliches Engagement, das unsere Gesellschaft zusammenhält und zum Teil Aufgaben übernimmt, die eigentlich in staatlicher Hand sein müssten, aber in keiner Arbeitszeitstatistik auftaucht. „Wer ernsthaft fordert, Menschen müssten einfach länger arbeiten, blendet all das systematisch aus“, so der Metaller. „Das Problem ist nicht mangelnder Wille, sondern mangelnde Infrastruktur. Es sind fehlende Kitas, unzureichende Pflegeangebote, unflexible Arbeitsorganisation und eine ungerechte Verteilung unbezahlter Arbeit.“

Hinzu kommt: Gearbeitet wird bereits mehr, als oft sichtbar ist. 1,2 Milliarden Überstunden wurden im Jahr 2024 geleistet – mehr als die Arbeitsleistung von 750.000 Vollzeitstellen. Über die Hälfte dieser Überstunden blieb unbezahlt. Das ist kein Zeichen von Bequemlichkeit, sondern von stiller Überlastung. Vor diesem Hintergrund wirkt der Angriff des Kanzlers auf das Arbeitszeitgesetz besonders realitätsfern. Dieses Gesetz ist kein bürokratisches Hindernis, sondern eines der wichtigsten Schutzgesetze unserer Arbeitsgesellschaft. Es setzt klare Leitplanken: Höchstarbeitszeiten, Pausen, Ruhezeiten, Schutz vor Dauerüberlastung. Es basiert auf arbeitsmedizinischen Evidenzen und jahrzehntelanger Erfahrung.

In Verbindung mit Forderungen nach Kürzungen der Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall – etwa durch die Einführung von Karenztagen – entsteht ein gefährlicher Teufelskreis: Beschäftigte arbeiten immer mehr und erkranken dadurch häufiger. Gleichzeitig würden ihnen im Krankheitsfall durch die Aushöhlung sozialer Schutzrechte geringere Leistungen zustehen. Um keinen Reallohnverlust zu erleiden, sehen sie sich gezwungen, noch mehr zu arbeiten oder weitere Arbeitsverhältnisse aufzunehmen – was wiederum das Risiko weiterer Erkrankungen erhöht.

„Das Arbeitszeitgesetz ist kein beliebig disponierbares Regelwerk“, sagt Gröger. „Wer es infrage stellt, folgt der irrigen Annahme, Wettbewerbsfähigkeit ließe sich durch längere Arbeitstage, spätere Renten und den Abbau von Erholungszeiten steigern. Tatsächlich bewirkt das Gegenteil: gesundheitliche Überlastung, steigende Folgekosten und einen Verlust an sozialem Zusammenhalt.“

Flexibilität ist zudem längst Realität – aber sie entsteht dort, wo Tarifverträge gelten. Wochenarbeitszeiten, Mehrarbeit, mobile Arbeit, Lebensarbeitszeitkonten oder flexible Schichtmodelle sind heute vielfach geregelt: Durch ausgehandelte Lösungen zwischen starken Tarifpartnern. „Wir brauchen mehr Vertrauen in die Tarifautonomie – nicht weniger Schutzrechte. Daran sollten eigentlich auch die Arbeitgeberverbände ein Interesse haben!“, führt Gröger aus.

„Gute Arbeit gedeiht dort, wo Verlässlichkeit, Planbarkeit und Mitbestimmung zusammenwirken. Politischer Druck und belehrende Attitüden hingegen untergraben Motivation und Leistungsbereitschaft.“ Wenn der Kanzler scheinbar ausfällt, ist umso mehr die Landespolitik gefordert. Sachsen-Anhalt braucht jetzt keine arbeitgebergefälligen Floskeln, sondern Haltung. Wirtschaftsminister und CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze ist gefordert, sich sichtbar und entschieden vor die bewährten Arbeitszeitschutzregelungen zu stellen – und nicht beim Neujahrsempfang Beifall zu spenden, wo Widerspruch notwendig wäre. Wer für den Wirtschaftsstandort Verantwortung beansprucht, muss sie auch für die Menschen übernehmen, die diesen Standort Tag für Tag tragen.

Die IG Metall lädt den amtierenden Wirtschaftsminister Sachsen-Anhalts ausdrücklich ein, sich selbst ein Bild von der Arbeitsrealität in den Betrieben zu machen. Ein Praktikum im Schichtbetrieb – mit frühen Morgenstunden, wechselnd späten Nachtschichten und eng getakteten Pausen – wäre eine gute Grundlage für weitere Debatten über Arbeitszeit und Belastung. „Deutschland braucht keine Rückabwicklung bewährter Schutzgesetze. Fortschritt entsteht nicht durch Zumutungen, sondern durch Innovationen!“, betont der Gewerkschafter abschließend.

Artikel Teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert