Im Norden und Süden vorbei: so will Halle den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt raushalten

Wer heute mit dem Auto von Eisleben nach Bitterfeld oder von Wettin nach Merseburg unterwegs ist, kommt an ihr kaum vorbei: Halle (Saale). Die Stadt fungiert seit Jahrzehnten als Knotenpunkt zwischen Mansfelder Land, Saalekreis und dem Osten Sachsen-Anhalts. Doch was als verkehrsgeografischer Vorteil begann, ist längst zur Belastung geworden.

Spätestens seit den Bauarbeiten am Rennbahnkreuz zeigt sich die Anfälligkeit der zentralen Ost-West-Verbindung im Zuge der B 80. Staus, Umleitungen und zäher Verkehr machen deutlich: Halle ist für den Durchgangsverkehr strukturell überlastet. Die Saalequerungen im Stadtgebiet – allen voran entlang der Magistrale – bündeln regionale und überregionale Verkehrsströme auf engem Raum.

Beim Neujahrsempfang brachte Halles Oberbürgermeister Alexander Vogt deshalb eine Idee ins Spiel, die das Potenzial hat, die Verkehrsstruktur grundlegend zu verändern: die Verlängerung der Europachaussee durch Ammendorf bis zur A 38 – und perspektivisch ein geschlossener Straßenring um die Stadt.

Ein Projekt für die Region – nicht nur für Halle

Die CDU-Stadtratsfraktion griff den Vorschlag auf und beantragte, 50 Millionen Euro aus dem Sondervermögen des Bundes bereitzustellen. Doch schnell wurde klar: Diese Summe ist allenfalls ein Anfang. Baudezernent René Rebenstorf machte im Finanzausschuss deutlich, dass man „sehr stark auf den Landesarm“ dränge. Denn es handle sich nicht um ein rein kommunales Projekt. Der alte Saalkreis – bewusst ohne „e“ betont – verfüge über keine eigene Saalequerung. Das bedeutet: Ein Großteil des Verkehrs aus dem Umland muss zwangsläufig durch Halle hindurch. Finanzdezernent Egbert Geier formulierte es noch deutlicher. 50 Millionen Euro seien „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Realistisch gesprochen gehe es um mehrere hundert Millionen Euro.

Warum eine neue Saalebrücke am „Bölli“ vom Tisch ist

In politischen Diskussionen taucht regelmäßig die Idee einer zusätzlichen Saalequerung zwischen B 80 und Böllberger Weg auf. Doch die Stadtverwaltung erteilte diesen Überlegungen eine klare Absage. Die Route würde durch ein Naturschutzgebiet führen. Langwierige Planfeststellungsverfahren, Umweltprüfungen und Klagen wären nahezu sicher. Bis eine Genehmigung erteilt würde, wären mögliche Fördermittel aus dem Sondervermögen längst anderweitig gebunden. „Das Risiko ist uns zu groß“, so Rebenstorf. Statt auf ungewisse Großprojekte setzt die Verwaltung daher auf bereits vorbereitete Planungen – mit realistischeren Umsetzungschancen innerhalb enger Fristen.

Nord-West-Relation: Entlastung durch die A 143

Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Bundesautobahn 143. Mit ihrer Fertigstellung entsteht eine leistungsfähige Verbindung zwischen der Bundesautobahn 38 und der Bundesautobahn 14. Damit wird ein Teil der heutigen Verkehrsströme – insbesondere aus dem Mansfelder Land Richtung Magdeburg – künftig außerhalb des Stadtzentrums geführt. Auch eine zusätzliche Saalequerung ist Bestandteil dieses Projekts. Die Stadt geht davon aus, dass die A 143 bis 2030 in Betrieb gehen kann. Finanzielle Beiträge Halles sind hierfür nicht erforderlich. Bereits mit dieser Maßnahme dürfte sich der Druck auf die B 80 und den Riebeckplatz spürbar verringern.

Ost-West-Relation: Die Südverlängerung der Europachaussee

Komplexer ist die Ost-West-Verbindung zwischen A 38, B 100, A 9 und dem Leipziger Flughafen. Heute fließt ein Großteil dieses Verkehrs über den Riebeckplatz und die Saalequerung der B 80. Hier setzt die Stadt auf zwei ineinandergreifende Projekte:

1. Südverlängerung der Europachaussee
Die geplante Gewerbegebiets-Erschließungsstraße „Ammendorf–Radewell–Osendorf“ soll die Merseburger Straße (B 91) im Bereich Ammendorf entlasten und gleichzeitig Gewerbeflächen östlich der Bahn besser anbinden.
Der Hintergrund: Der Straßenquerschnitt der Merseburger Straße reicht nicht aus, um eine vierspurige Fahrbahn plus gesonderten Straßenbahnkörper regelkonform auszubauen. Ohne Entlastung wäre eine hochwertige Modernisierung im Rahmen des Stadtbahnprogramms kaum finanzierbar.
Die Verlängerung der Europachaussee würde den Verlust von zwei Fahrspuren kompensieren. Dadurch entstünde Spielraum für eine städtebauliche Aufwertung Ammendorfs – mit breiteren Gehwegen, besserer Aufenthaltsqualität und modernem Straßenbahntrassee.

2. Autobahnzubringer A 38 – B 91 entlang der ICE-Trasse
Im angrenzenden Saalekreis ist zudem die Idee eines Zubringers zwischen der Anschlussstelle Bad Lauchstädt an der A 38 und der B 91 bei Buna im Gespräch.
Ein Großteil des Verkehrs aus Richtung B 100, A 9, Star Park, Kabelsketal oder Flughafen Leipzig/Halle in Richtung Westen nutzt heute den Weg durch Halle. Der neue Zubringer würde diesen Strom südlich um die Innenstadt herumführen – über die leistungsfähigen Saalebrücken der B 91.
Das Ziel: eine Neuordnung der Verkehrsbeziehungen zwischen Halle, dem Saalekreis und der Region von Mansfeld bis Bitterfeld.

Der nördliche Saaleübergang: Lettin – Trotha

Langfristig hält die Stadt zudem an einer weiteren Option fest: einer neuen Saalequerung zwischen Lettin beziehungsweise Nordstraße und Trotha beziehungsweise Magdeburger Chaussee. Diese Planung ist im neuen Flächennutzungsplan abgebildet. Die aktualisierten Untersuchungen zeigen, dass eine Querung im nördlichen Saaletal planerisch machbar erscheint – wenn auch mit Aufwand. Sie stünde in engem Zusammenhang mit der Giebichensteinbrücke und könnte dort für spürbare Entlastung sorgen. Sobald der neue Flächennutzungsplan Planreife erreicht, könnte dieses Projekt erneut auf die politische Agenda rücken.

Die Vision: Ein „Halle-Ring“ nach Erfurter Vorbild

Als Referenz nennt die Stadtverwaltung den sogenannten Erfurter Ring. Rund um Erfurt wurde über Jahre hinweg ein leistungsfähiger Vollring entwickelt – bestehend aus Teilen der Bundesautobahn 4, der Bundesautobahn 71 und leistungsfähigen Tangenten. Das Ergebnis: Bundesstraßen wurden aus der Innenstadt herausverlegt und auf den Ring geführt. Ein ähnliches Modell wäre für Halle denkbar. Die Bundesstraßen B 6, B 80, B 91 und B 100 könnten perspektivisch an einer „Halle-Umfahrung“ enden beziehungsweise über diese geführt werden.

Die Stadtverwaltung setzt auf einen pragmatischen Ansatz:
– Nutzung bestehender und fortgeschrittener Planungen
– Stärkung der ausgebauten Saalebrücken im Zuge der B 91
– Südverlängerung der Europachaussee
– Interkommunale Zusammenarbeit für einen Autobahnzubringer
– Perspektivische nördliche Saalequerung

Bereits die Fertigstellung der A 143 wird eine erste Entlastungswirkung bringen. In Kombination mit den südlichen Projekten könnte der Verkehr auf der Magistrale und am Riebeckplatz spürbar sinken.

Für die verbleibende – dann überwiegend innerstädtische – Belastung auf den Saalebrücken der B 80 wären bei Beibehaltung der sechsstreifigen Führung zwischen Rennbahnkreuz und Glauchaer Platz ausreichend Kapazitäten vorhanden, um Baustellen oder Havarien künftig stabiler abzufedern.

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2 Antworten

  1. Total Recall sagt:

    Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung! Natürlich braucht Halle einen leistungsfähigen, sechsspurigen Schnellstraßenring. Das muss sofort umgesetzt werden. Naturschutz- und Planungsbürokratie müssen ausgesetzt werden.

  2. eftalanquest sagt:

    gibts die karte auch irgendwo größer?

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