Kein Geld – Offener Brief eines Hallensers zeigt tiefe Besorgnis: Der drohende Kollaps primärer Präventionsstrukturen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Ein Appell an die kommunale Verantwortung
Wegen der aktuellen Haushaltslage der Stadt stehen viele Kinder-, Jugend- und Familienprojekte in Halle (Saale) vor dem Aus. Deshalb haben bereits Blauer Elefant (Silberhöhe), Grüne Villa (Neustadt), Sporttjugend (Heide-Nord), Bauspielplatz (Freimmfelde), WaJut (Lauchstädter Straße) die Einstellung ihrer Angebote angekündigt. Am Mittwoch, 25. Februar 2026, gibt es deshalb auch um 13 Uhr eine Demonstration auf dem Marktplatz.
Mit einem offenen Brief wendet sich nun ein Bürger an Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt: Tiefe Besorgnis eines Hallenser Bürgers: Der drohende Kollaps primärer Präventionsstrukturen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Ein Appell an die kommunale Verantwortung
Sehr geehrter Herr Dr. Alexander Vogt,
In wenigen Wochen wird die finale Versiegelung zentraler residualer Bastionen kommunaler Resilienzförderung vollzogen. Als langjähriger Hallenser Bürger, Vater und engagierter Elternsprecher verfolge ich diese Entwicklung mit tiefer, intellektuell fundierter Sorge.
Der Bauspielplatz Freiimfelde, jener liminale Raum sozialer Integration, in dem Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren aus den Plattenbauten der nördlichen Stadtteile ihre ersten autonomen Welten aus Lehm, Fantasie und unmittelbarer Selbstwirksamkeitserfahrung konstruierten, bleibt verriegelt. Für diese Kohorte, oft aus Familien mit multiplen Belastungsfaktoren, entfällt damit der einzige geschützte Ort nachmittäglicher Selbstorganisation. Stattdessen bleibt nur die kalte Leere des öffentlichen Raums mit all seinen strukturellen Vulnerabilitäten.
Im WaJut der Waldorfsiedlung, täglicher Zufluchtsort für bis zu fünfzig Kinder und Jugendliche, wird es endgültig still. Hier konnten besonders vulnerable Jugendliche, etwa die dreizehnjährige Nachbarin aus prekären Verhältnissen mit familiären Belastungen, endlich sprechen, wo sie andernorts schwiegen. Sie verlieren damit den einzigen evidenzbasierten Raum niedrigschwelliger Beziehungsarbeit, in dem sie als Subjekte anerkannt und in ihrer Resilienzentwicklung gestärkt wurden.
Der Blauer Elefant auf der Silberhöhe, die Grüne Villa in Halle-Neustadt und die Sportjugend SG Buna in Heide-Nord, allesamt Einrichtungen, in denen Jugendliche im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren kickten, chillten, soziale Kompetenzen erlernten und protektive Faktoren gegen Delinquenz und Abhängigkeit aufbauten, fallen in den nächsten Wochen weg.
Das ist kein gewöhnliches Sparen. Es handelt sich um den systematischen Ausschluss besonders vulnerabler Kohorten aus der sozialen Infrastruktur primärer Prävention.
Mit großer intellektueller Sorge beobachte ich, dass sich seit über einem Jahrzehnt, quer durch verschiedene politische Konstellationen der OB-Kandidaturen, Kämmerer-Wechsel und Koalitionen, ein wiederkehrendes Muster zeigt: Entscheidungen wurden vertagt, Haushalte schön gerechnet und Prioritäten gesetzt für Innenstadt-Attrappen, millionenteure Kultur-Events, Prestige-Parkhäuser und opulente Marketingkampagnen. Die existenzielle Infrastruktur der offenen Kinder- und Jugendarbeit geriet dabei zunehmend ins Hintertreffen.
Rechnen wir es mit nüchterner, evidenzbasierter Klarheit aus der Perspektive der Sozialinvestitionstheorie durch.
Ein stationärer Heimplatz kostet 6000 bis 9000 Euro pro Kind und Monat. Ein Platz in der offenen Jugendarbeit hingegen lediglich 40 bis 80 Euro. Ein Jugendlicher im Strafvollzug verursacht bis zu 15000 Euro monatlich. Die kumulativen Folgekosten für Suchtberatung, Polizeieinsätze, Notaufnahmen und intergenerationale Armutsverfestigung summieren sich auf zigtausende Euro pro Biografie. Mit dem Betrag eines einzigen Heimplatzes könnten über hundert Kinder präventiv stabilisiert werden. Prävention ist nach den Längsschnittstudien von James Heckman und anderen die bei weitem effizienteste, humanste und gesellschaftlich nachhaltigste Investition, mit einer empirisch belegten sozialökonomischen Rendite von 7:1 bis 10:1.
Es ist zutiefst besorgniserregend, dass an der falschen Stelle gespart wird: nicht an der Peripherie, sondern an der Wurzel unserer gesellschaftlichen Zukunft. Mit sechzig Euro pro Jugendlichen erkauft man keine Stunde späterer Repression. Man errichtet Parkhäuser, während Entwicklungsperspektiven kollabieren.
Herr Dr. Vogt, Sie haben den Amtseid geleistet, das Wohl der Stadt und insbesondere der vulnerabelsten Bürger zu mehren und zu schützen. In Ihrem Wahlkampf 2024/2025 und in zahlreichen öffentlichen Statements haben Sie die Stärkung der Jugend und den Erhalt sozialer Einrichtungen als zentrale Aufgabe hervorgehoben. Sie kennen die empirischen Längsschnittstudien zur Resilienzförderung ebenso wie das Kindeswohlprinzip gemäß § 1 Absatz 1 SGB VIII und die sozialinvestive Logik moderner Kommunalpolitik. Vor diesem Hintergrund wende ich mich mit großer intellektueller und moralischer Sorge an Sie.
Ich bitte Sie daher eindringlich und unverzüglich um eine Not-Etat-Entscheidung sowie eine Überbrückungsfinanzierung aus Rücklagen, Krediten oder Umschichtungen von Prestigeprojekten bis mindestens Ende 2026. Ebenso notwendig erscheint mir die Einberufung eines Krisengipfels mit allen freien Trägern bis spätestens 28. Februar 2026.
Am 25. Februar 2026 um 13 Uhr werden auf dem Marktplatz viele besorgte Eltern, Kinder, Jugendliche und Bürger friedlich und öffentlich zusammenkommen, um auf diese dramatische Situation aufmerksam zu machen. Es wird eine Kundgebung der Vernunft und der Verantwortung sein.
Herr Dr. Vogt, ich appelliere aus tiefster Überzeugung und aufrichtiger Sorge an Sie: Lassen Sie nicht zu, dass die Entwicklungschancen Hunderter Hallenser Kinder und Jugendlicher unwiederbringlich verloren gehen. Die Zukunft unserer Stadt hängt maßgeblich von diesen weitsichtigen Entscheidungen ab.
Mit aufrichtiger und tiefer Sorge
Stephan Baasch









Da frage ich mich als DDR Kind, wie konnte ich meine Kindheit überhaupt überleben??? War kein Hortkind und was es sonst noch für Angebote gab. Aus der Schule nach Hause und dann raus an die Luft und nicht in irgendwelche Einrichtungen zum „chillen“. Es ist einfach nur unglaublich, was in der heutigen Zeit im besten Deutschland aller Zeiten los ist.
* „Not-Etat-Entscheidung“ – nach KVG bei nicht gehmigtem Etat ein Haushaltsverstoß – verboten!
* „Überbrückungsfinanzierung aus Rücklagen, Krediten oder Umschichtungen von Prestigeprojekten“ – nach KVG bei nicht gehmigtem Etat ein Haushaltsverstoß – verboten!
* „Einberufung eines Krisengipfels mit allen freien Trägern bis spätestens 28. Februar 2026“ – ok, erlaubt. Aber gewünschte Finanzierungsentscheidungen daraus – in jedem Falle nach KVG bei nicht gehmigtem Etat jeweils ein Haushaltsverstoß – verboten!
* „mit großer intellektueller und moralischer Sorge“ – naja, eher moralin-getränkter Oberschwurbel. Und noch einer …
*Der „Intellektuelle“ hätte zunächst den Stadt der Rückstellungen abgefragt. Zur Info an die Allgemeinheit: der aktuelle Stand beträgt seit Haushaltsabschluß 2024 exakt „0“!
Unglaublich, was hier so alles veröffentlicht wird. Prüft da eigentlich jamand nach? Factchecking oder so? Nada?? Oh, Mann … wie peinlich!
Und setzen Sie diese Programm bitte um!
Das erspart uns einen Abwahlantrag gegen Sie!
Viel Spass noch, besonders am Mittwoch!
Der Brief spricht mir aus der elterlichen Seele. Leider werden das wieder viele runterspielen oder überhaupt nicht verstehen.
Es braucht präventive Maßnahmen, bevor der Schaden irreparabel ist. Zum Zahnarzt sollte man ja auch regelmäßig gehen, bevor es schlussendlich zu teuer wird. Und dank der oben genannten Rechnung sollten die Folgekosten auch für jeden nachvollziehbar sein.
Auch wird vergessen, dass viele Kinder und Jugendliche keine Stabilität im Elternhaus haben. Diese brauchen Halt und Routine in ihrem („normalen“) Leben, den das Zuhause aber nicht gibt. Viele beschweren sich doch darüber, dass gerade junge Menschen kaum Möglichkeiten für „ordentliche Hobbys“ haben – diese Orte bieten sie. Das sind die Stellen, an denen sie Zeit verbringen können, ohne perspektivisch straffällig zu werden. Am Ende ist die Kritik umso größer, wenn Kinder und Jugendliche auf Raubtour in Halle gehen. Oder auffällig werden, weil sie Zuhause Z. B. misshandelt werden.
Einerseits wollt ihr junge Menschen von der Straße haben, die nicht durch das System fallen. Andererseits werden ihnen nun die Möglichkeiten genommen, die das verhindern (sollen), auch weil die eigenen Eltern nicht in der Lage sind, die Kinder als Priorität anzusehen. Das ist auch der Grund, warum die Kosten für die HzE seit Jahren steigen: viele Eltern sind einfach nicht in der Lage, für ihre Kinder zu sorgen.
Ich und mein Mann, auch wir blicken mit Sorgen in die Zukunft. Daher vielen Dank für diesen Brief, der genau das ausspricht, was wir als vernünftige Eltern denken.