„Machtwechsel“ im Kirchenkreis Halle-Saalkreis: Dr. Ute Niethammer ist neue Superintendentin und damit erste Frau auf dem Posten, Pilgertouren zu den Kirchgemeinden geplant
Mit einem festlichen Gottesdienst am 28. Februar ab 14 Uhr wird ein neues Kapitel in der Geschichte des Evangelischen Kirchenkreises Halle-Saalkreis aufgeschlagen: Regionalbischöfin Bettina Schlaufraff führt Dr. Ute Niethammer offiziell in ihr Amt ein. Am 1. März tritt die promovierte Theologin ihren Dienst als Superintendentin an – als erste Frau auf diesem Posten im Kirchenkreis.
Sie folgt auf Hans-Jürgen Kant, der im vergangenen Herbst in den Ruhestand verabschiedet wurde. Bereits im Sommer zuvor hatte sich die Wahlsynode für Niethammer entschieden. Mit ihr kommt nicht nur eine erfahrene Kirchenfrau nach Halle, sondern auch eine Persönlichkeit, die den Dialog sucht – mit Gemeinden, mit anderen Religionen, mit Wissenschaft und Wirtschaft, mit der Stadtgesellschaft insgesamt.
Zwischen Baden und Mitteldeutschland: Ein biografischer Brückenschlag
Dr. Ute Niethammer bringt vielfältige Erfahrungen mit. Zuletzt war sie Beauftragte für den Prädikantendienst der Badischen Landeskirche und lehrte an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Ihre berufliche Heimat lag damit bislang im Südwesten Deutschlands. Doch der Osten ist ihr keineswegs fremd. Ihr Mann ist Pfarrer an der Frauenkirche Dresden. Zwei ihrer Töchter studieren bereits im Osten – eine in Halle, eine in Jena. Und auch die dritte zieht es für ihr Studium in diese Region.
Die familiären Bande waren es auch, die Niethammer vor drei Jahren erneut nach Halle führten. Was sie damals vorfand, habe sie nachhaltig beeindruckt: „Der kulturelle Reichtum der Stadt hat mich überwältigt.“ Besonders die Entwicklung seit den frühen 1990er-Jahren sei enorm. Damals, kurz nach der Wende, war sie schon einmal hier gewesen. „Alles war Baustelle“, erinnert sie sich.
Ein Ort aber blieb ihr besonders im Gedächtnis: die Marienbibliothek, die älteste Kirchenbibliothek Deutschlands. Die Vielfalt der historischen Bestände habe sie tief beeindruckt. Und doch haftet dieser Erinnerung auch eine kuriose Szene an: Am Eingang saß einst eine „Lutherpuppe“, mit Gipsmaske und Gipshänden des Reformators, vor sich eine Lutherbibel – eine Szenerie, die sie als „gruselig“ beschreibt. Heute befindet sich die Totenmaske in einem Ausstellungsraum der Marktkirche Unser Lieben Frauen.
„Geflasht“ von kleinen Kirchen und großen Orgeln
Was Niethammer am Kirchenkreis Halle-Saalkreis besonders begeistert, sind die vielen kleinen Dorfkirchen – oft unscheinbar von außen, im Innern jedoch mit beeindruckenden Orgeln und kunsthistorischen Schätzen. „Ich war regelrecht geflasht“, sagt sie. Der Kirchenkreis umfasst 65 Gemeinden mit rund 24.500 Gemeindemitgliedern – ihre „Schäfchen“, allerdings auch seit Jahren ein kontinuierlicher Rückgang. Diese Vielfalt will sie möglichst schnell kennenlernen. Ihr Plan: drei Pilgertouren durch den Kirchenkreis.
Eine führt durch die Stadt Halle selbst. Eine weitere durch den nördlichen Saalekreis – mit dem Fahrrad, ausdrücklich ohne E-Bike. Übernachtet wird im Kloster Petersberg. Die dritte Tour soll sie zu Fuß durch den westlichen Saalkreis führen. Diese Pilgerwege sind mehr als symbolische Gesten. Sie stehen für eine Superintendentin, die präsent sein will – körperlich, seelsorgerlich, organisatorisch. Nähe ist ihr wichtig.
Kirche im Wandel: Unterschiede zwischen Süd und Ost
Mit dem Wechsel von der Badischen Landeskirche zur Evangelische Kirche in Mitteldeutschland erlebt Niethammer auch strukturelle Unterschiede. „Hier gibt es mehr Vertrauen in die mittlere Ebene“, beschreibt sie ihre ersten Eindrücke. Entscheidungen würden stärker auf Kirchenkreisebene getroffen, Verantwortlichkeiten klarer wahrgenommen. Zugleich erlebe sie in Mitteldeutschland eine große Offenheit im Umgang mit Menschen. Ein markanter Unterschied zeigt sich jedoch in der Religiosität. „Im Süden ist die Kirche noch Volkskirche“, sagt sie. Auch dort schrumpften die Mitgliederzahlen, doch die gesellschaftliche Verankerung sei nach wie vor stärker ausgeprägt als im Osten Deutschlands, wo viele Menschen konfessionslos sind. Gerade darin sieht Niethammer jedoch keine Schwäche, sondern eine Herausforderung – und eine Chance. Kirche müsse hier besonders deutlich machen, wofür sie steht: für Gemeinschaft, Sinnstiftung, Dialog und Verantwortung.
Ökumene, Religionen und die „Kirche für alle“
Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit soll die Ökumene sein. Die Gemeinschaft mit anderen christlichen Kirchen, aber auch der Austausch mit anderen Religionen, sei unverzichtbar. „Die Gemeinschaft zu anderen Religionen ist immer zu suchen“, betont sie. Dabei geht es ihr nicht um Beliebigkeit, sondern um eine klare christliche Haltung, die zugleich offen ist für Begegnung. In einer pluralen Gesellschaft müsse Kirche dialogfähig bleiben. Ihr Ziel formuliert sie als Vision einer „Kirche für alle“. Viele Menschen sollen sich einbringen können – mit ihren Begabungen, Fragen und Zweifeln. Kirche sei kein exklusiver Zirkel, sondern ein Raum, der gestaltet werden könne. Eine ungewöhnliche Idee bringt sie ebenfalls ins Spiel: ein Kirchenball oder Kirchentanz. Ein festlicher, fröhlicher Rahmen, in dem Glauben und Gemeinschaft auf neue Weise erfahrbar werden. Kirche dürfe auch feiern.
Wissenschaft und Weltlichkeit: Brücken bauen
Als Universitätsstadt bietet Halle besondere Möglichkeiten. Der Austausch mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg liegt Niethammer am Herzen. Theologie, Geistes- und Naturwissenschaften – sie alle könnten voneinander lernen.
Doch sie will nicht nur akademische Räume betreten. Auch die Verbindung zur „Weltlichkeit“ ist ihr wichtig. Geplant sind kleine Hospitationspraktika, etwa in der Agentur für Arbeit oder beim Bauunternehmen Papenburg. Gespräche gibt es zudem mit der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (TOOH), mit den Stadtwerken und der Halleschen Wohnungsgesellschaft.
„Ich würde aber auch gern mal eine Abendschicht in einer Kneipe machen“, sagt sie mit einem Lächeln. Selbst ein Einsatz in einer Klinik könne sie sich vorstellen. Für sie gehört es zum geistlichen Auftrag, Lebenswirklichkeiten kennenzulernen – nicht aus der Distanz, sondern mitten im Alltag.
Bescheiden wohnen – ökumenisch leben
Als Superintendentin stünde ihr eine Dienstwohnung zu. Doch die wäre ihr „viel zu groß“, sagt Niethammer. Stattdessen hat sie sich bewusst für eine kleinere Wohnung entschieden. Die ist auch noch bei ihren katholischen Glaubensbrüdern an der Moritzkirche Halle.
Dieses ökumenische Zusammenleben passt zu ihrem Verständnis von Kirche: weniger Repräsentation, mehr Gemeinschaft.
Ein voller Terminkalender – und eine Osterpredigt
Kaum im Amt, wartet bereits ein dichtes Programm. Am zweiten Arbeitstag nimmt Niethammer an einem Konvent in Erfurt teil. In Halle stehen der Kreiskirchenrat und die konstituierende Synode an.
Und natürlich wird sie regelmäßig predigen – etwa am Ostersonntag in der Marktkirche. Gerade Ostern, das Fest der Auferstehung, könnte symbolträchtiger kaum sein für einen Neuanfang.
Mit Dr. Ute Niethammer beginnt im Kirchenkreis Halle-Saalkreis eine neue Ära. Eine Superintendentin, die Brücken baut – zwischen Ost und West, Kirche und Gesellschaft, Tradition und Aufbruch. Eine Theologin, die zuhören will, die unterwegs ist, die sich nicht scheut, auch ungewöhnliche Wege zu gehen.








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