One Billion Rising in Halle (Saale): Schuhe am Ratshof erinnern an die Femizid-Opfer das vergangenen Jahres

Es ist ein stilles Bild, das sich am Samstagvormittag vor dem Ratshof in Halle (Saale) bietet. Auf den Steinstufen stehen zahlreiche Schuhpaare: Turnschuhe, Pumps, Kinderstiefel, Sandalen. Kein Paar gleicht dem anderen. Und doch stehen sie alle für das Gleiche – für ein Leben, das gewaltsam beendet wurde.

Mit dieser symbolischen Aktion gedachte die Stadt Halle jeder Frau, die im Jahr 2025 in Deutschland Opfer eines Femizids geworden ist. Jedes Schuhpaar steht für eine Betroffene. Für eine Tochter, eine Mutter, eine Freundin, eine Kollegin. Für eine Geschichte, die nicht hätte enden dürfen.

„Wir wollen auf diese Weise der Opfer gedenken“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Daniela Suchantke, während Passantinnen und Passanten stehen bleiben, lesen, fotografieren – und schweigen.

Sichtbarkeit für ein unsichtbar gemachtes Verbrechen

Der Begriff „Femizid“ ist in Deutschland noch immer nicht im Strafgesetzbuch verankert. Juristisch werden die Taten als Mord oder Totschlag behandelt, die geschlechtsspezifische Motivation findet bislang keinen eigenständigen Niederschlag im Gesetz. „Leider hat der Begriff noch keinen Einfluss in die juristische Rechtsprechung gefunden“, betont Suchantke. „Hass gegen Frauen soll Mordmotiv werden.“

Ein Femizid ist die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts – weil sie eine Frau ist. Häufig geschehen diese Taten im sozialen Nahraum: durch (Ex-)Partner, durch Männer, die Kontrolle verlieren, durch Täter, die Besitzansprüche über das Leben von Frauen erheben. Was im juristischen Sprachgebrauch nüchtern klingt, hat gesellschaftlich eine klare Dimension: Es geht um Macht, um Kontrolle, um tief verankerte patriarchale Strukturen.

„Partnerschaftsgewalt ist kein Einzelschicksal“

In der öffentlichen Berichterstattung ist oft von „Familiendrama“ oder „Beziehungstat“ die Rede. Begriffe, die das Geschehen in eine private Sphäre verschieben – und damit entpolitisieren. „Auch die Presse sehen wir in der Verantwortung“, sagt Suchantke. „Es soll dort nicht mehr von ‚Familiendrama‘ oder Einzelschicksal die Rede sein. Partnerschaftsgewalt ist kein Einzelschicksal.“ Diese Worte hallen über den Marktplatz. Sie sind Anklage und Appell zugleich.

Eine kürzlich erschienene Dunkelfeldstudie zeigt, wie groß die Diskrepanz zwischen gemeldeten und tatsächlichen Fällen ist. Nur etwa zehn Prozent der Opfer häuslicher Gewalt erstatten Anzeige bei der Polizei. Bei Frauen in Partnerschaften sind es sogar nur fünf Prozent. Die offiziellen Zahlen wirken bereits alarmierend: In der Polizeistatistik für Halle werden für das vergangene Jahr knapp über eintausend Taten häuslicher Gewalt aufgeführt. „Da können Sie sich ausrechnen, wenn das zehn Prozent sind, wie viele Frauen tatsächlich betroffen sind“, so Suchantke. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Hinter jeder Zahl steht Angst. Und oft: Schweigen.

Das Dunkelfeld – eine erschreckende Realität

Häusliche Gewalt bleibt häufig unsichtbar. Sie geschieht hinter verschlossenen Türen. Zwischen Menschen, die sich kennen. Zwischen Menschen, die sich einmal geliebt haben. Gründe für das Schweigen sind vielfältig: Angst vor weiterer Gewalt, finanzielle Abhängigkeit, Sorge um gemeinsame Kinder, Scham oder mangelndes Vertrauen in staatliche Institutionen.

Dass nur fünf Prozent der betroffenen Frauen in Partnerschaften Anzeige erstatten, offenbart ein massives strukturelles Problem. Die Hürde, sich Hilfe zu holen, ist hoch – emotional, sozial und bürokratisch. Frauenhäuser und Beratungsstellen berichten seit Jahren von Überlastung. Plätze sind knapp, Schutzräume begrenzt. Gleichzeitig steigen die Fallzahlen kontinuierlich.

Eine Milliarde erhebt sich

Die Aktion auf den Treppen des Ratshofs steht im Zusammenhang mit der weltweiten Bewegung „One Billion Rising“ – einem internationalen Aktionstag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, der jedes Jahr am 14. Februar stattfindet. „One Billion Rising“ (englisch für: Eine Milliarde erhebt sich) ruft Menschen weltweit dazu auf, an öffentlichen Plätzen zu tanzen, zu demonstrieren, zu gedenken und Solidarität zu zeigen. Die Bewegung wurde 2012 von der Künstlerin und Aktivistin Eve Ensler ins Leben gerufen.

Die Idee dahinter ist ebenso kraftvoll wie einfach: Wenn weltweit jede dritte Frau in ihrem Leben Gewalt erfährt, dann entspricht das rund einer Milliarde Betroffener. Diese eine Milliarde soll symbolisch aufstehen – sichtbar, laut und solidarisch. In den vergangenen Jahren beteiligten sich rund 200 Länder an den Aktionen. Allein in Deutschland fanden in etwa 160 Städten Veranstaltungen statt – von Mahnwachen über Lesungen bis zu Tanzperformances.

Das diesjährige Motto lautet: „Women on Fire – Ni una menos“. Auf deutsche heißt das nicht eine weniger – ein aus Lateinamerika stammender Slogan gegen Femizide und geschlechtsspezifische Gewalt. Auch in Halle wird es im kommenden Jahr wieder eine Aktion geben. Dann fällt der 14. Februar auf einen Sonntag. „Und dann soll auch getanzt werden“, kündigt Suchantke an.

Tanzen als Protest

Warum Tanz? Warum Bewegung gegen Gewalt? Tanz ist körperlicher Ausdruck. Er ist öffentlich. Er ist verbindend. Und er widerspricht dem Bild der Ohnmacht. Die dezentral organisierten Aktionen von „One Billion Rising“ setzen bewusst auf kulturelle Formen des Protests. Kommunen, Kultur- und Bildungseinrichtungen werden eingeladen, sich zu beteiligen. Die Bewegung ist offen strukturiert – jede Stadt kann eigene Akzente setzen.

In Halle ist es zunächst die Stille der Schuhe. Im nächsten Jahr wird es vielleicht Musik sein. Und Schritte im Gleichklang.

Die Verantwortung der Gesellschaft

Die Frage nach Femiziden ist nicht allein eine Frage des Strafrechts. Sie ist eine gesellschaftliche. Was bedeutet es, wenn Frauen getötet werden, weil sie sich trennen? Wenn sie getötet werden, weil sie selbstbestimmt leben wollen? Wenn sie getötet werden, weil ein Mann glaubt, ein Anrecht auf sie zu besitzen?

Die Forderung, geschlechtsspezifischen Hass als Mordmotiv ausdrücklich anzuerkennen, ist nicht nur symbolisch. Sie würde das Problem klar benennen – und sichtbar machen, dass es sich nicht um „private Tragödien“, sondern um strukturelle Gewalt handelt.

Halle als Teil einer globalen Bewegung

Die Szene auf den Treppen des Ratshofs ist lokal. Doch sie ist zugleich Teil einer globalen Bewegung. Von Mexiko-Stadt bis Berlin, von Kapstadt bis New York gehen Menschen am 14. Februar auf die Straße. Auch in Halle bleibt das Thema nicht auf einen Tag im Jahr beschränkt. Beratungsstellen, Initiativen und die Gleichstellungsarbeit der Stadt setzen kontinuierlich auf Prävention, Aufklärung und Unterstützung.

Doch die Schuhpaare auf den Stufen erinnern daran, dass Prävention nicht immer rechtzeitig greift.

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