Von den Nazis nach Polen deportiert: Erinnerungen am Boulevard an jüdische Familie

Zahlreiche Menschen haben sich am Dienstagvormittag an der Leipziger Straße, am Eingang zum Marktplatz, versammelt, um der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung zu gedenken. Während Liefer-Lkw vorbeifuhren, lag eine beklemmende Erinnerung in der Luft – fast so wie am 27. Oktober 1938. An jenem Tag hielt ein Lastwagen vor einem Haus und holte die Familie Wencymer ab. Sofia, Rosa, Helena und Siegfried wurden nach Polen ausgewiesen.

Michael Viebig, Leiter der Gedenkstätte Roter Ochse, erinnerte eindringlich daran, dass es nicht „gesichtslose Lasterfahrer“ gewesen seien, die damals Menschen deportierten. Es seien Hallenser gewesen, möglicherweise mit eigenen Kindern. Angesichts aktueller Entwicklungen in der Landespolitik Sachsen-Anhalts werde ihm mulmig, sagte Viebig: Er sehe erneut eine Bereitschaft, Menschen zu Ausgrenzung und Unrecht zu bewegen.

Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt verwies auf die inzwischen 303 Stolpersteine in Halle, die an frühere Bewohnerinnen und Bewohner erinnern – „Menschen, die hier lebten, denen das Zuhause genommen wurde“. Die Stolpersteine seien ein zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur der Stadt. Zugleich betonte Vogt die Notwendigkeit, antisemitischen Bestrebungen entschieden entgegenzutreten.

Im Stadthaus wurde im Anschluss ein Film über das Leben von Manfred Katz gezeigt. Gestaltet wurde er von seiner heute in Israel lebenden Tochter Michal Saar-Bleiweiß gemeinsam mit Studierenden der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Der Film folgt den Lebensstationen von Katz, der im Alter von 17 Jahren nach Theresienstadt deportiert und schließlich befreit wurde. Kulturdezernentin Judith Marquardt unterstrich die Verantwortung der Gegenwart. Aufgabe der heutigen Generation sei es, „die Erinnerungen an das Grauen als Mahnung und Warnung weiterzutragen“.

Michal Saar-Bleiweiß besuchte bei ihrem Aufenthalt in Halle gemeinsam mit ihrem Mann Mark Orte, die für ihren Vater von Bedeutung waren: die Dölauer Heide, das Stadtbad, in dem er schwimmen lernte, sowie seine Schule, das damalige Stadtgymnasium, heute die IGS Am Steintor. Den Halleschen Straßenbahnfreunden überreichte sie eine Zeichnung ihres Vaters. „Er war ganz verrückt nach Straßenbahnen“, berichtete sie. Als Kind habe er oft stundenlang am Depot in der Seebener Straße gestanden.

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