Wenn das Hobby zum Beruf wird: Vom Sicherheitsdienst zur Welt der Klemmbausteine

Die Geschichte von My MOC City begann, wie so viele Gründungsgeschichten der jüngeren Zeit, in der Phase der weltweiten Pandemie, als Vincent Grünke seinen ursprünglichen Job in der Sicherheitsbranche verlor. Aus einer Situation der Langeweile heraus besann er sich auf seine alten Lego-Bestände, holte die restlichen Steine von seiner Mutter und begann mit dem Aufbau verschiedener Modelle. Dabei fiel ihm schnell auf, dass die verfügbaren Sets oft sehr stark an amerikanischen Vorbildern orientiert waren und wenig europäische oder weltoffene Stilistik boten. Getrieben von dem Gedanken, dass er dies besser umsetzen könne, begann er eigene Entwürfe zu entwickeln. Das positive Feedback, das er für seine Kreationen auf der Plattform Instagram erhielt, bestärkte ihn in seinem Vorhaben, diesen Weg professionell weiterzuverfolgen. Seit Juli 2023 ist My MOC City nun offiziell am Markt vertreten.

Der Weg in die Selbstständigkeit war dabei jedoch nicht frei von personellen und strukturellen Herausforderungen. Zu Beginn startete Grünke das Projekt mit einem ehemaligen Geschäftspartner, bei dem er jedoch bald feststellen musste, dass das nötige Feuer und die volle Identifikation mit der Vision von My MOC City fehlten. Ein Wendepunkt markierte die Zusammenarbeit mit Ralph Keller aus Hannover, der nun als neuer Partner fungiert. Laut Grünke teilt Keller dieselbe Begeisterung für das Projekt, was sich unmittelbar positiv auf die Entwicklung des Unternehmens ausgewirkt hat. Dass es sich bei dem Geschäft um weit mehr als ein einfaches Kinderspielzeug handelt, zeigt schon die gewählte Terminologie. Während im privaten Bereich oft von Lego die Rede ist, muss im gewerblichen Kontext strikt der Begriff Klemmbausteine verwendet werden. Die Zielgruppe umfasst zwar auch Kinder, besteht aber zu einem großen Teil aus Erwachsenen, die der Faszination für diese Steine erlegen sind. Überraschenderweise zeigt die Erfahrung aus dem stationären Handel, dass My MOC City tatsächlich „jeden“ anspricht – vom Elternteil, das für das Kind kauft, über leidenschaftliche erwachsene Fans bis hin zu Großeltern, die Geschenke für ihre Enkel suchen.

Rechtliche Hürden und qualitative Maßstäbe

Ein wesentlicher Aspekt der Unternehmensführung von Vincent Grünke ist der respektvolle, aber auch selbstbewusste Umgang mit dem Marktführer Lego. Bereits im Oktober 2020, kurz vor seinem 21. Geburtstag, entstand die Grundidee zu My MOC City. Von Anfang an suchte Grünke den direkten Kontakt zum dänischen Unternehmen, um rechtliche Konflikte zu vermeiden, obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch über wenig Wissen bezüglich des Europäischen Amtes für geistiges Eigentum (EUIPO) verfügte. Trotz dieser proaktiven Kommunikation gab es im vergangenen Jahr eine einschneidende Veränderung: Seit dem 1. Mai durften bestimmte Bausets aufgrund geschützter Stein-Designs nicht mehr verkauft werden. Grünke reagierte sofort, holte alle betroffenen Produkte aus dem Handel zurück und ließ die geschützten Steine über die Stadtwerke Halle (SWH) vernichten. Dieser Schritt war notwendig, um den rechtlichen Anforderungen zu genügen und einen Beweis für die Anwälte von Lego zu erbringen. Inzwischen wurden die Sets auf ungeschützte Alternativsteine umgestellt und kehren sukzessive in den Handel zurück.

Bei der Auswahl der Materialien setzt My MOC City auf höchste Qualität und nutzt unter anderem Steine des Herstellers GoBricks aus Asien. Diese gelten in der Branche als qualitativ hochwertig, oft sogar besser als die des Marktführers, insbesondere im Hinblick auf die Angusspunkte oder die Oberflächenbeschaffenheit. Ein besonderes Merkmal der Produkte von My MOC City ist der Verzicht auf Aufkleber; alle Details werden direkt auf die Steine gedruckt, um den Aufbau stressfrei und langlebig zu gestalten. Zudem bieten die alternativen Klemmbausteine farbliche Möglichkeiten, die das Originalsortiment von Lego nicht abdeckt, wie zum Beispiel Platten in einer speziellen Silberoptik. Grünke betont, dass er keine Plagiate unterstützt oder vertreibt und auch im Kundenauftrag darauf achtet, keine geschützten Designs in den Umlauf zu bringen.

Produkte, Dienstleistungen und lokale Präsenz

Das aktuelle Aushängeschild von My MOC City ist ein Modell, das sich stark an der neuen Straßenbahn „Tina“ der Stadt Halle orientiert. Die Entwicklung dieses Modells war ein langwieriger Prozess, der etwa anderthalb Jahre in Anspruch nahm und mehrfache Anpassungen erforderte, um sowohl die Realität der Niederflurbauweise als auch die Spielfähigkeit zu gewährleisten. Neben solchen physischen Bausets bietet das Unternehmen umfangreiche Dienstleistungen für Privatpersonen an, die eigene Projekte wie ganze Städte im Keller oder auf dem Dachboden realisieren wollen. Das Spektrum reicht von der einfachen Planungsbeihilfe über die 3D-Visualisierung bis hin zur Erstellung individueller Bauanleitungen und Teilelisten. Diese Dienstleistungen werden in verschiedenen Preiskategorien angeboten, wobei eine vollständige Visualisierung etwa 150 Euro kostet und die Erstellung detaillierter digitaler Anleitungen für komplexe Layouts bei knapp 300 Euro liegen kann.

In seiner Heimatstadt Halle ist Vincent Grünke bereits gut vernetzt. Ein wichtiger Kooperationspartner ist der Fachhändler TOBS in der Großen Steinstraße 79, der Produkte von My MOC City vertreibt. Auch in Schwerin gibt es bereits einen Händler, der die Sets im Sortiment führt. Für die Zukunft plant Grünke, nach dem Erfolg der Straßenbahn weitere kleinere Sets auf den Markt zu bringen, die sich dem Thema Stadtleben und Stadtbauzubehör widmen. Dazu zählen beispielsweise Container, Büsche oder speziell konstruierte Blütenbäume. Während derzeit keine neuen Tierfiguren geplant sind, liegt der Fokus klar auf der Erweiterung der urbanen Spielwelten. Besonders wichtig ist ihm dabei der Realismus: Seine Modelle wie Busse oder Winterdienstfahrzeuge sollen authentisch wirken, aber gleichzeitig funktional bleiben, indem beispielsweise Dächer abnehmbar und Türen zu öffnen sind.

Die Vision: Ein Miniatur-Wunderland für Halle

Das ultimative Ziel und gewissermaßen das Herzensprojekt von Vincent Grünke ist die Schaffung einer Dauerausstellung in Halle, die in Anlehnung an das berühmte Vorbild in Hamburg als eine Art Miniatur-Wunderland aus Klemmbausteinen fungieren soll. Diese Vision ist jedoch langfristig angelegt und soll nicht überstürzt realisiert werden. Grünke selbst rechnet damit, dass die Umsetzung in diesem Jahrzehnt nicht mehr abgeschlossen wird, da er eine strukturierte und wirtschaftlich tragfähige Planung bevorzugt. Es gehe nicht darum, schnell eine Halle hochzuziehen, die nach zwei Jahren wieder schließen muss, sondern um ein Fundament, das dauerhaft Bestand hat. Die geplante Ausstellung soll dabei mehr sein als eine reine Schaufläche für Modelle; Grünke stellt sich eine Kombination aus Erlebniswelt, Gastronomie und einem integrierten Shop vor, in dem Besucher auch Steine individuell bedrucken lassen können. Ein solches Mammutprojekt, bei dem ca. 2,5 bis 3,5 Millionen Steine verbaut werden müssen, lässt sich laut Grünke nicht allein bewältigen. Er plant daher, auf sein bestehendes Netzwerk zurückzugreifen und zu gegebener Zeit auch Freiwillige aus der Region über Aufrufe in sozialen Medien einzubinden. Der manuelle Aufwand, jeden einzelnen Stein selbst zu setzen, ist körperlich fordernd und erfordert ein engagiertes Team. Um die finanziellen Mittel für diese Dauerausstellung zu erwirtschaften, setzt My MOC City weiterhin auf den Verkauf von Produkten und die Bereitstellung exklusiver digitaler Dienstleistungen für seine Kunden. Mit dieser Mischung aus Bodenständigkeit, rechtlicher Korrektheit und einer großen Vision arbeitet Vincent Grünke kontinuierlich daran, My MOC City als feste Größe in der Welt der Klemmbausteine zu etablieren.

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2 Antworten

  1. PaulusHallenser sagt:

    Ich wünschte mir, mehr von solchen Artikeln dieser Art bei DbH lesen zu können.

    Junge Talente, wie Vincent Grünke, sind die (hallesche) Zukunft. Ich wünsche den beiden Gründern von My MOC City viel Erfolg und eine erfolgreiche Zeit als Unternehmer.

  2. emil sagt:

    Den jetzigen Ist-Zustand von Halle zurückbauen und Vincent ranlassen.

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