56 Jahre nach Stonewall: Demonstration in Halle fordert radikale LGBTI+-Befreiung – Kritik an Staat, Kapital und Kommerzialisierung der CSDs

Am Samstagnachmittag versammelten sich rund 30 Menschen im Zentrum von Halle, um anlässlich des 56. Jahrestags der sogenannten „Stonewall“-Aufstände zu demonstrieren. Die vom Solidaritätsnetzwerk Halle organisierte Aktion war mehr als nur eine Gedenkveranstaltung – sie war eine klare politische Kampfansage: gegen die Kommerzialisierung der CSDs, gegen staatliche Vereinnahmung, gegen das Patriarchat – und gegen den Kapitalismus als Ganzes.

Die Route führte die Demonstrierenden lautstark durch zentrale Teile der Innenstadt, darunter der Altstadtring, der Marktplatz und der Franckeplatz. Die Polizei war mit einem großen Aufgebot vor Ort, die Demonstration blieb friedlich – kämpferisch war sie dennoch.

Vom Gedenken zum politischen Aufbruch

Die Organisator:innen erklärten den Tag bewusst als Bruch mit der aktuellen Entwicklung der CSDs. In ihrem Aufruf hieß es: „Am Jahrestag des Stonewall-Aufstands gehen wir kämpferisch auf die Straße!“ – eine Abgrenzung zu jenen Veranstaltungen, die nach Ansicht der Teilnehmenden ihren politischen Ursprung verloren hätten. Statt auf Protest und Widerstand zu setzen, so der Tenor, seien viele CSDs heute Events der Selbstinszenierung, an denen sich Unternehmen und politische Institutionen mit Regenbogenfarben schmücken, ohne echte Solidarität zu zeigen.

Mit Sprechchören wie „Stonewall was a riot – we will not be quiet“, „Same rights under attack – stand up, fight back“ und „Alle zusammen gegen den Faschismus“ unterstrichen die Aktivist:innen ihre Ablehnung einer als angepasst und entpolitisiert empfundenen Mainstream-LGBTI+-Bewegung. Der Stonewall-Aufstand von 1969 in New York, bei dem queere Menschen – vor allem Schwarze Transfrauen, Dragqueens und Sexarbeiter:innen – sich gegen Polizeigewalt wehrten, diente als historisches Vorbild eines radikalen, selbstbestimmten Aufbegehrens.

„Konzerne und Politbonzen runter vom CSD“

Besonders scharf fiel die Kritik an der zunehmenden Vereinnahmung der LGBTI+-Bewegung durch staatliche Institutionen und die Wirtschaft aus. Auf einem Plakat war zu lesen: „Konzerne und Politbonzen runter vom CSD.“ Der Vorwurf: Regenbogenmarketing und Pinkwashing dienten nicht der Emanzipation queerer Menschen, sondern lediglich dem Image der Unternehmen – und der Stabilisierung eines Systems, das Menschen entlang von Geschlecht, Sexualität und Klasse ausbeutet.

„Regenbogenflaggen auf Shampooflaschen ändern nichts an der Tatsache, dass sich schwule Paare nicht trauen, händchenhaltend durch die Stadt zu gehen“, sagte eine Rednerin. Queere Sichtbarkeit sei kein Fortschritt, wenn sie auf Werbeplakaten gefeiert und gleichzeitig im Alltag mit Hass, Gewalt und Ausgrenzung beantwortet werde.

Die Bundeswehr und die Polizei, die sich in den vergangenen Jahren zunehmend in Regenbogenfarben präsentierten, wurden von den Demonstrierenden ebenfalls scharf kritisiert: „Sie stehen nicht auf der Seite der Unterdrückten. Sie stehen auf der Seite der Ausbeuter.“ In den Augen der Veranstalter:innen dienen staatliche Institutionen nicht dem Schutz queerer Menschen, sondern der Aufrechterhaltung eines Systems, das sie unterdrückt.

Maja als Symbol des Widerstands

Immer wieder wurde während der Demonstration der Name „Maja“ gerufen. „Free Maja“ und „Maja hat es schon erkannt – LGBTI in den Widerstand“, skandierten die Teilnehmer:innen. Gemeint ist eine bekannte linke Aktivistin, die derzeit von staatlicher Repression betroffen ist. Maja gilt für viele als Symbolfigur für eine militante, antikapitalistische LGBTI+-Politik – eine Politik, die sich nicht mit Integration in bestehende Strukturen zufriedengibt, sondern deren Überwindung fordert.

Selbstbestimmungsgesetz und politische Rückschritte

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt: das Selbstbestimmungsgesetz. Zwar wurde es in den letzten Jahren als großer Fortschritt für trans Personen gefeiert, doch Redebeiträge machten deutlich, dass diese Errungenschaften zunehmend unter Druck stehen. Die CDU habe bereits die Abschaffung des Gesetzes gefordert. Auch der neue Koalitionsvertrag zwischen SPD und Union enthalte Formulierungen, die in diese Richtung deuten. Und im Falle eines Kriegs – so ein Redebeitrag – könne das Gesetz ohnehin außer Kraft gesetzt werden.

„Der Staat nimmt uns unsere Rechte genauso schnell wieder, wie er sie uns gibt“, sagte ein Redner. Besonders transgeschlechtliche Personen seien weiterhin Ziel politischer und gesellschaftlicher Repression – nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, im Vereinigten Königreich und in Ungarn, wo die Situation 2025 erneut eskalierte.

Der Zusammenhang von Kapitalismus, Geschlecht und Unterdrückung

Die Redebeiträge verbanden queerpolitische Anliegen konsequent mit kapitalismuskritischen Analysen. Die Unterdrückung von LGBTI+-Menschen sei kein historischer Zufall, sondern systemisch verankert: „Kapitalismus und Patriarchat stehen der Befreiung von LGBTI+-Personen zentral entgegen“, sagte eine Sprecherin. Das binäre Geschlechtersystem, die Rolle der bürgerlichen Kleinfamilie und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung seien fundamentale Bausteine der kapitalistischen Ordnung – und LGBTI+-Personen hätten in diesem Modell keinen Platz.

Nichtbinäre Menschen etwa seien nicht vorgesehen in einem System, das zwischen männlichen „Haupternährern“ und weiblichen „Nebenverdienerinnen“ unterscheidet. Deshalb, so der Tenor, profitierten Kapital und Faschismus gleichermaßen von queerfeindlicher Hetze. „Nicht, weil Faschisten queerfeindlich sind, gibt es Gewalt – sondern weil das System Gewalt gegen uns braucht.“

Ein Aufruf zum Widerstand – nicht nur für Queers

Was also tun? Die Antwort der Demonstrierenden ist klar: Die Lösung könne nicht in individuellen Coming-outs, in Diversity-Workshops oder staatlich geförderten LGBTI+-Projekten liegen – sondern in einem kollektiven, organisierten Kampf gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die LGBTI+-Frage sei auch eine Klassenfrage, hieß es mehrfach. Und die LGBTI+-Bewegung dürfe sich nicht länger von der Arbeiter:innenbewegung trennen lassen. Nur gemeinsam, organisiert und auf revolutionärer Grundlage könne eine Befreiung erreicht werden.

„Es braucht eine Kampforganisation, die bereit ist, alle notwendigen Mittel anzuwenden, um für eine gerechte und klassenlose Gesellschaft zu kämpfen.“

Die Redner:innen riefen dazu auf, sich in diesem Sommer den geplanten Aufmärschen rechter Gruppen in Ostdeutschland entgegenzustellen und gleichzeitig den Widerstand gegen patriarchale, kapitalistische und militaristische Strukturen zu stärken – mit dem Ziel, eine Bewegung aufzubauen, die nicht nur Rechte verteidigt, sondern neue Verhältnisse erkämpft.

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71 Antworten

  1. Arbeiterstandpunkt sagt:

    Viel Erfolg.
    „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ (Marx, Kommunistisches Manifest)
    Überwunden gehören auch starre Geschlechtertrennung und Rollenbilder, welche nur der Unterdrückung und (Selbst-) Ausbeutung dienen. Stark, dass in dem ganzen Artikel die Gefahr des Faschismus nicht vorkommt, im Gegensatz zum Aufruf: https://imginn.com/p/DK7MD7bMGo8

    • Bürgermobilität sagt:

      Dem Betroffenheitsfeminismus ist der Faschismus nur insoweit wichtig, als er eine persönliche Bedrohung darstellt. Der Gegensatz von Kapital und Arbeit ist nicht einmal mehr ein Nebenwiderspruch, wichtig ist der eigene soziale Aufstieg.

      Deshalb haben große Unternehmen kein Problem mit Pride-Flaggen, solange sie ihrem Geschäft mehr nützen als schaden.

      • Pupsi sagt:

        Ja. CSD hat nichts mit Kapital und genereller Systemkritik zu tun. Leider lassen sich immer wieder welche von uns von linken Gruppen vereinnahmen. Man sollte das klar tennen. Sexuelle Selbstbestimmung hat nichts mit links sein zu tun ( s. Alice Weidel o. Herr Spahn u.v.a.). Aber es ist typisch links, politische Bewegungen zu unterwandern, sei es fff, CSD, Gaza-Unterstützung o.a. Schlimm und schädlich für das eigentliche Anliegen. Ich finde gerade diesen Staat ganz gut, wenige ( Skandinavien, Schweiz) sind besser. Und ohne Kapital ginge es uns allen schjechter etc. Also versaut mir nicht den CSD mit linken Nicht-CSD-Scheiß ihr armseligen, verblendeten Sozialisten.

        • oopsie sagt:

          Die Stonewall-Aufstände haben schon mehr mit linksautonomen Bewegungen zu tun als mit der politischen Mitte. Da geht es um Straßenkampf statt Diskurs.

    • Mein Standpunkt sagt:

      Aha. schon komische Ansichten, die in deiner DDR und den anderen sozialistischen Ländern nicht so akzeptiert wurden. Scheinheiligkeit des Kommunismus!

      • Emmi sagt:

        Da muss ich dir widersprechen @ Mein Standpunkt.
        Der §175 wurde zum Beispiel in der DDR viel früher abgeschafft als in den gebrauchten Bundesländern!
        Daher waren viele West-Berliner immer im Ostteil in den Bars.
        Bitte deinen Standpunkt nochmal mit Tatsachen auffüllen.

        • hmm sagt:

          Aber die DDR gibt es nicht mehr…

          • Hmm🍐 sagt:

            Für solche wie dich nicht.
            Für uns ist die DDR noch in den Köpfen und bleibt dort.
            Und du solltest dir eine sinnvolle Tätigkeit suchen.

          • Alt-Dölauer sagt:

            Wer noch die DDR im Kopf hat, sollte wissen: Nie wieder. Nie wieder Sozialismus, Kommunismus und gefälschte Demokratie. Schlimm war es damals, gefangen im eigenen Staat. Nur zum Lernen aus der Geschichte ist die DDR noch gut. Danke, dass es vorbei ist.

          • Alt-Dölauer sagt:

            PS: CSD und Staatskritik wären in der DDR nicht gut angekommen. Und Paragraph 175 – das ist wie “ aber Hitler hat ja Autobahnen gebaut“. Schämt Euch ihr Geschichtsvergessenen.

  2. vivi sagt:

    2 Geschlechter. Punkt!!!

  3. Bürger sagt:

    Und welche Rechte werden dieser Community denn nun konkret vorenthalten, dass sie darum kämpfen müssen? Oder anders gefragt: Was darf ich als alter weißer Mann, was diese Typen nicht dürfen?

  4. Robert sagt:

    Ich möchte auch eine Demo machen . Gegen Rüstungswahn der Bundesregierung. Wer kann mir bei der Organisation der Demo helfen ?

  5. Rebell sagt:

    Keine Pride- Flaggen in Schulhorten/ Kindergärten! Lasst die Kinder einfach in Ruhe.

    • Robert sagt:

      Was machen Schwulenprediger in Schulen und Kindergärten ?

      • Pittiplatsch sagt:

        Was machen die denn da? Habe bei meinen Kindern weder in Kindergarten noch Schule je einen gesehen.

    • Harry sagt:

      Ich schaue zu , ob du die Vorschule schaffst.

    • Pittiplatsch sagt:

      Dürfen die Kinder auch keine Regenbögen mehr malen?

      • Daniel M. sagt:

        Doch. Genau dafür steht die Regenbogenflagge. Für Kinder! Es darf nicht hingenommen werden, dass sich irgendwelche Spinner die Farbe der Kinder aneignen. Wenn diese Fahne aber von teils problembehafteten Menschen vereinnahmt wird, muss der Staat einschreiten, wenn die Bürger zu schwach sind. Derartige Demonstrationen, Präsentationen und sonstige Verhetzung müssen untersagt werden. Zum Schutz unserer gesellschaftlichen, demokratischen Werte. Und erst recht zum Schutz unserer Kinder.

  6. fragjanur sagt:

    „Demonstration in Halle fordert radikale LGBTI+-Befreiung – Kritik an Staat, Kapital und Kommerzialisierung der CSDs“

    Fehlt da nicht noch die Cannabislegalisierung, die Vergesellschaftung von Wohnungsgesellschaten und Autoherstellern, die Enteignung von Vermietern, ein AfD-Verbot und ein Verbot von Verbrennermotoren?

    Irgendwie ist das Ganze nicht „rund“.

  7. Einwohner sagt:

    Nachdem mehr und mehr Konzerne diese CSD-Dinger nicht mehr unterstützen, wird das Gejammer immer größer, da manch CSD nicht mehr durchführbar ist! Sollen doch die dafür zahlen, die diese CSD besuchen wollen,.. KEINE Fördergelder mehr für sowas und gut ist es. Wieso sollten Frauen und Männer für welche zahlen, die nicht wissen, was sie sind oder was sie sein wollen? Der Polizeieinsatz hat wieder mehr Personal und Geld gebunden, als der ganze Humbug gebracht hat. Dazu kommen noch Einnahmeverluste des ÖPNV und Volkswirtschaftliche Schaden durch die Demo auf den Straßen insgesamt, da Warenverkehr blockiert wurde.

  8. Pasqual sagt:

    Ursprünglich standen die Stonewall-Aufstände für den Kampf homosexueller Männer und Frauen gegen Diskriminierung und Polizeigewalt. Heute wirkt Pride oft wie eine beliebige Sammelveranstaltung für unterschiedlichste Identitäten und Ideologien. Dabei geht für mich als schwulen Mann der Fokus verloren: Nämlich, dass Männer Männer lieben dürfen — ohne dafür angefeindet oder ausgeschlossen zu werden. Ich wünsche mir, dass genau dieser Ursprung und diese Sichtbarkeit nicht untergeht.

  9. "Gemeint ist eine bekannte linke Aktivistin, die derzeit von staatlicher Repression betroffen ist." sagt:

    Soso. Repression also? Ja? Meint ihr das?

    Das klingt komisch, wenn es über eine Person geschrieben wird, die sich in Ungarn an Überfällen auf Menschen beteiligt haben soll (gibt’s Videos von!), bei denen linke Faschisten vermeintlichen Nazis u.a. mit Metallgegenständen auf die Köpfe geschlagen und somit schwerste Kopfverletzungen verursacht haben. Deswegen sitzen diese Personen in Ungarn im Knast.
    Opfer von Repression?

    DbH – Was schreibt ihr hier nur?