Kommentar-Zuschrift: „Active Shooter“ im Rathaus? Warum der „technische Defekt“ zum Himmel stinkt und wir uns nicht für dumm verkaufen lassen sollten

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Die Redaktion hat folgender Kommentar eines Hallensers erreicht. Dabei geht es um den Sirenen-Alarm vom Samstag und eine mögliche Cyber-Attacke:

Das neue Jahr ist gerade mal zwölf Tage alt, und Halle (Saale) hat bereits seinen ersten Beitrag zur Kategorie „Dinge, die man lieber nicht erleben möchte“ geliefert. Am Samstagabend, 22 Uhr, jener Zeit, in der Behörden traditionell im Energiesparmodus laufen und bei der Polizei nur die Bereitschaft den Laden schmeißt, heulten plötzlich sämtliche Sirenen der Stadt im Warnmodus auf. Dazu eine Durchsage, die klingt wie aus einem schlechten Action-Thriller: „Active shooter in progress. Lockdown. Lockdown. Lockdown.“

Man könnte meinen, jemand hätte versehentlich die Playlist einer amerikanischen High School verwechselt. Doch statt Entwarnung gab es erst mal: Schweigen. Eine Stunde lang. Während die Hallenser zwischen Panik und verwirrtem Googeln hin und her pendelten, bastelte die Stadtverwaltung offenbar noch an ihrer Pressemitteilung. Das Ergebnis: „Technischer Defekt.“ Aha. Wie beruhigend.

Von wegen „nur“ ein technischer Defekt

Lassen wir die offizielle Sprachregelung mal kurz beiseite und schauen uns an, was hier tatsächlich passiert ist. Die Stadt Halle nutzt moderne Sirenensysteme, die nicht mehr mit simplen Motoren arbeiten, sondern mit Lautsprechertechnik ausgestattet sind. Diese können nicht nur heulen, sondern auch sprechen. Praktisch. Weniger praktisch: die Wege, über die diese Sirenen ausgelöst werden können.

Da wäre TETRA-Callout, eigentlich durch BOS-Verschlüsselung gesichert und damit nicht manipulierbar. Dann POCSAG, die gute alte Pager-Technik – so veraltet, dass sie sich von jedem mit dem nötigen Know-how und einem Nachmittag Zeit knacken lässt, sofern man den Code der Anlage hat. Und schließlich die digitale Steuerzentrale TSE/mTSE in der Leitstelle selbst, die – wenn man denn noch einen Rest Verstand in der IT-Sicherheitsplanung hatte – nicht über eine öffentliche IP erreichbar sein sollte.

Das bedeutet im Klartext: Entweder hatte jemand physischen Zugriff auf die Leitstelle, oder das System wurde über einen der angreifbaren Kommunikationswege kompromittiert. Was die Stadtverwaltung euphemistisch als „technischen Defekt“ verkauft, riecht verdächtig nach einem Sicherheitsvorfall, den man lieber nicht beim Namen nennen möchte.

Die Ansage, die es nicht geben sollte

Besonders pikant: Die Sprachdurchsage „Active shooter in progress. Lockdown. Lockdown. Lockdown.“ existiert in dieser Form in keinem offiziellen deutschen Warnsystem. Auch im amerikanischen Raum ist dieser exakte Wortlaut nicht standardisiert. Das Bundesamt für Katastrophenschutz (BKK) sieht solche Formulierungen nicht vor.

Woher kommt sie also? Zwei Möglichkeiten: Entweder wurde sie per KI generiert, oder – und das wäre fast schon poetisch – es handelt sich um ein Audiosnippet aus einem Videospiel. Man stelle sich vor: Die Bürger von Halle in Panik versetzt durch die Tonspur von „Call of Duty“ oder einem ähnlichen Shooter. Willkommen im 21. Jahrhundert.

Das Schweigen der Apps

Während die Sirenen ihre apokalyptische Symphonie schmetterten, blieben die offiziellen Warn-Apps NINA und KatWarn stumm. Kein Cell Broadcast, kein MoWaS-Alarm, nichts. Das deutet darauf hin, dass die Sirenenauslösung die reguläre Katastrophenschutzkette komplett umgangen hat. Ein Bypass. Sauber ausgeführt, könnte man sagen, wäre es nicht so beunruhigend.

Die Erklärung der Stadt: Man habe eine Warnung über KatWarn „als unzweckmäßig“ angesehen, weil sie „zeitversetzt und möglicherweise Verwirrung stiftend“ gewesen wäre. Brillante Logik. Die Sirenen haben bereits für maximale Verwirrung gesorgt, da will man die Leute nicht noch zusätzlich verwirren, indem man sie aufklärt. Stattdessen gab es eine Pressemitteilung – eine Stunde später. An Medien, von denen viele am Samstagabend gar kein lokales Programm mehr senden.

Die Kunst der Nicht-Kommunikation

Was wir hier erleben, ist ein Lehrstück in institutionellem Versagen. Nicht nur, dass das Sirenensystem offenbar leichter zu kompromittieren ist als ein WG-WLAN-Passwort. Nein, die eigentliche Katastrophe ist die Kommunikation danach. Oder besser: das Fehlen derselben.

Eine Stunde Schweigen. In Zeiten, in denen sich Gerüchte in Sekunden viral verbreiten, in denen jeder ein Smartphone hat und Social Media zur primären Informationsquelle geworden ist, lässt die Stadt ihre Bürger eine Stunde lang im Dunkeln tappen. Das ist nicht nur fahrlässig, das ist grob fahrlässig.

Stadtsprecher Drago Bock erklärt, es habe „kein erhöhtes Anrufaufkommen“ gegeben. Das soll beruhigen? Vielleicht hat niemand angerufen, weil alle zu beschäftigt waren, ihre Kellerräume zu erreichen oder bei Twitter nachzuschauen, ob gerade der Dritte Weltkrieg ausgebrochen ist.

Vertrauen als Währung im Ernstfall

Hier liegt das eigentliche Problem. Sirenen sind das letzte, ultimative Warnsystem. Wenn alles andere versagt – Smartphones, Internet, Stromversorgung –, bleiben die Sirenen. Sie sind das akustische Rückgrat des Katastrophenschutzes, die letzte Verbindung zwischen Staat und Bürger im Ernstfall.

Wenn diese Sirenen aber durch „technische Defekte“ (oder was auch immer das tatsächlich war) kompromittiert werden können, wenn sie Phantommeldungen von bewaffneten Angreifern in die Nacht schreien, dann erodiert das Vertrauen. Und beim nächsten Mal, wenn wirklich eine Giftwolke über der Stadt hängt oder ein Hochwasser droht, werden die Hallenser erst mal auf Twitter nachsehen, ob es wieder nur ein „technischer Defekt“ ist.

Der Gewöhnungseffekt ist real. Wer einmal zu oft falschen Alarm schlägt, wird irgendwann nicht mehr gehört. Das ist die Moral von der Geschichte des Hirten, der „Wolf!“ rief – nur dass es diesmal die Stadtverwaltung ist, die die Glaubwürdigkeit verspielt.

Verantwortung? Nie gehört.

Die Stadt Halle muss jetzt mehr liefern als eine knappe Pressemitteilung über einen ominösen „technischen Defekt“. Sie muss erklären:

  • Wie konnte jemand – oder etwas – Zugriff auf das Sirenensystem erlangen?
  • Warum wurden die regulären Katastrophenschutzkanäle nicht ausgelöst?
  • Woher stammt die englische Sprachdurchsage?
  • Welche Sicherheitsmaßnahmen werden jetzt ergriffen?
  • Und vor allem: Kann so etwas wieder passieren?

Aber dafür müsste man Verantwortung übernehmen. Und das, so lehrt uns die Geschichte, konnte Sachsen-Anhalt noch nie besonders gut. Schon gar nicht Halle. Stattdessen wird verharmlost, beschönigt und auf Zeit gespielt. Man leugnet und verzögert wie zu besten DDR-Zeiten, nur dass diesmal kein Politbüro die Sprachregelungen vorgibt, sondern die PR-Abteilung der Stadtverwaltung.

Es wäre an der Zeit, diese Haltung zu überdenken. Denn beim nächsten „technischen Defekt“ könnte es sein, dass niemand mehr zuhört. Und dann wird es wirklich gefährlich.

Fazit: Wenn Technik das Vertrauen „zerheult“

Was am Samstagabend über Halle niederging, war mehr als nur ein schriller Ton zur falschen Zeit. Es war ein Menetekel, ein Warnsignal – ironischerweise genau das, was Sirenen eigentlich leisten sollten. Nur dass diesmal nicht vor einer äußeren Gefahr gewarnt wurde, sondern vor der Anfälligkeit unserer eigenen Systeme.

In einer Zeit, in der wir uns mit einer „veränderten geopolitischen Lage“ konfrontiert sehen, in der Warnsysteme reaktiviert werden, die seit dem Kalten Krieg verstaubt waren, können wir uns solche Pannen nicht leisten. Oder besser: Wir können uns nicht leisten, sie als Pannen abzutun.

Die Hallenser haben am Samstagabend eine wichtige Lektion gelernt: Wenn die Sirenen heulen, sollte man vielleicht nicht sofort in Panik verfallen. Aber man sollte auch nicht darauf vertrauen, dass die Behörden wissen, was sie tun.

Willkommen im Jahr 2026. Es beginnt, wie es wahrscheinlich weitergehen wird: voller Unruhe, voller ungeklärter Fragen – und mit Verantwortlichen, die lieber von „technischen Defekten“ sprechen als die unangenehme Wahrheit zuzugeben.

Das nächste Mal, wenn in Halle die Sirenen heulen, wird vermutlich erst mal gegoogelt. Und das ist das eigentliche Problem.

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Eine Antwort

  1. Tio sagt:

    „Vielleicht hat niemand angerufen, weil alle zu beschäftigt waren, ihre Kellerräume zu erreichen oder bei Twitter nachzuschauen, ob gerade der Dritte Weltkrieg ausgebrochen ist“

    Ist das der wahrscheinlichere Fall, oder waren die Bürger so schlau, eins und eins zusammen zu zählen, warum die Warnapps alle stumm blieben?
    Nach dem Schneesturm des Jahrhunderts musste wohl ein neuer Hype her

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