Debatte um Hochwasserschutz: Stadtrat beschließt Offenlage für umstrittenes Wohngebiet am Sophienhafen trotz Bürgerkritik

Der Stadtrat von Halle (Saale) hat am Mittwoch die Offenlage des Bebauungsplans für ein neues Wohngebiet am Sophienhafen beschlossen. In namentlicher Abstimmung votierten 31 Stadträte mit Ja, 11 mit Nein, fünf enthielten sich.

Bereits in der Einwohnerfragestunde war das Vorhaben auf deutliche Kritik gestoßen. Mehrere Bürger äußerten Sorgen und Zweifel an der Planung. So befürchtete ein Anwohner ein Verkehrschaos, da es mit der Hafenstraße nur eine einzige Zufahrtsstraße gebe. Ein weiterer Redner erinnerte an einen vor Jahren beschlossenen Masterplan, in dem für das Gebiet lediglich Einfamilienhäuser vorgesehen gewesen seien. Für die nun geplante grundlegende Änderung der Architektur habe er kein Verständnis.

Baudezernent René Rebenstorf verteidigte das Vorhaben. „Wir halten das für eine gute Bebauung in der Innenstadt“, sagte er. Die Saline könne eine bauliche Verdichtung verkraften. Auch Zweifel am Bedarf für Wohnungen in diesem Preissegment wies Rebenstorf zurück. Ein Bürger hatte unter Verweis auf gescheiterte Projekte wie an der Schorre von einer möglichen „Totgeburt“ gesprochen und eine mutige, bürgernahe Entscheidung gefordert. Die Nachfrage nach hochwertigen Wohnungen sei jedoch vorhanden, entgegnete der Baudezernent. Als Beispiel nannte er das Bauvorhaben am Böllberger Weg, wo alle Wohnungen vermietet seien.

Ein weiteres Thema war der Hochwasserschutz. Katrin Möller erinnerte an das Hochwasser 2013, bei dem das Gebiet am Sophienhafen überflutet worden war. Sie wollte wissen, auf welcher Grundlage eine Ausnahmegenehmigung für die Bebauung erteilt wurde. Rebenstorf verwies auf eine intensive Abstimmung mit der unteren Wasserbehörde.

Auch in der politischen Debatte spielte die Hochwasserproblematik eine zentrale Rolle. Claudia Dalbert (Grüne) zeigte Verständnis für die Evakuierungssorgen der Bürger, betonte jedoch, dass ihre Fraktion grundsätzliche Bedenken habe. Das Areal liege in einem HQ-100-Gebiet, das statistisch gesehen alle 100 Jahre überschwemmt werde. „Wir alle erinnern uns doch noch an die Bilder des künftigen Wohngebiets bei der Überflutung 2013“, sagte Dalbert und fragte, warum man überhaupt in einem Überflutungsgebiet bauen müsse.

Christoph Bernstiel (CDU) räumte ein, dass auch seine Fraktion im Vorfeld Hochwasserbedenken gehabt habe. Diese seien jedoch vom Bauherren berücksichtigt worden. So sei die Tiefgarage so konzipiert, dass sie im Hochwasserfall kontrolliert überflutet werden könne und keinen Auftrieb entwickle. Grundsätzlich sei man mit der Entwicklung am Sophienhafen zufrieden. Das Projekt sei sinnvoll für Familien und neu zugezogene Hallenser.

Auch die SPD unterstützte das Ziel, neuen Wohnraum zu schaffen. Silke Burkert bezeichnete die Lage am Sophienhafen mit Saaleblick und Grünflächen als attraktiv. Dennoch äußerte sie erhebliche Sorgen wegen der Lage im HQ-100-Hochwassergebiet. „Klar, man kann hochwassergeschützt bauen. Aber dann steht dieses Haus in der Saale“, sagte Burkert. Zudem befürchtete sie negative Auswirkungen auf die Kaltluftschneise.

Alexander Raue (AfD) sprach sich ebenfalls grundsätzlich für das Bauvorhaben aus. Man heiße Investoren willkommen und halte die geplante hochwassersichere Bauweise für technisch beherrschbar. Die Stadt könne es sich nicht leisten, sich guten Wohngebieten zu verschließen.

Geplant sind insgesamt 135 Wohnungen in neun Gebäuden. Ein Baukörper soll acht Geschosse umfassen, die übrigen acht Gebäude jeweils fünf Etagen – alle inklusive Staffelgeschossen.

Das Areal war zuvor gewerblich genutzt und stark versiegelt, die alten Gebäude sind inzwischen abgerissen. Nach Angaben der Stadt wird die versiegelte Fläche dauerhaft um rund 5.000 Quadratmeter reduziert. Vorgesehen sind zudem neue Grün- und Erholungsflächen, Fassaden- und Dachbegrünungen sowie Baumpflanzungen. Insgesamt sollen 36 neue Bäume entstehen. Ziel ist es, das Mikroklima zu verbessern, sommerliche Hitze zu mindern und die Biodiversität zu stärken.

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33 Antworten

  1. ! sagt:

    Es ist gut für die Demokratie, wenn eine BI nicht Stadtrat spielen darf.

  2. Carsharer sagt:

    Die Bestandsbewohner wollen doch nur ihre Ruhe und finden jeden Strohhalm der Nachbarn verhindert.

  3. PaulusHallenser sagt:

    „Stadtrat beschließt Offenlage für umstrittenes Wohngebiet am Sophienhafen trotz Bürgerkritik“

    Die „Bürgerkritik“ kommt doch nur von Personen, die dort in der Nähe wohnen und sich durch den Zuzug neuer Anwohner gestört fühlen. Um das Projekt verhindern, werden Begriffe wie „Hochwasserschutz“, „Verkehrschaos“ und „Kaltluftschneise“ völlig inflationär benutzt.

    Ich hoffe, das Bauprojekt wird so wie geplant umgesetzt, denn Halle fehlt es an hochwertigem Wohnraum.

    • Klara sagt:

      Na, ich weiß ja nicht, wie hochwertig der Wohnraum wird wenn er im Wasser steht, wenn die Leute nicht rein oder raus kommen, die Garagen absaufen, nach dem Hochwasser der Schlamm wieder rausgeschaufelt werden muss….

      • PaulusHallenser sagt:

        Klara,

        die Garagen sind hochwasserresistent, der Schlamm ist Sache der Eigentümer und Mieter, Ebenso der Zugang bei Hochwasser. Es gibt ja auch preiswerte Schlauchboote.

        Kennen Sie übrigens die Pfahlbauten am Bodensee? So ähnlich sind die Häuser auch am Sophienhafen konzipiert. Die stehen auf Stelzen, quasi wie zu Zeiten, als der Mensch noch im Einklang mit der Natur lebte.

        • Klara sagt:

          @PH:
          Ja, genau diese Lebensqualität meinte ich: Schlamm schaufeln, im Wasser waten, Bötchen fahren…
          und das auch bei Krankheit, Pflegebedürftigkeit, mit kleinen Kindern, wenn’s brennt.

          • PaulusHallenser sagt:

            Klara,

            soweit mir bekannt ist, werden die Wohnungen nach der Errichtung verkauft und nicht vom Immobilienentwickler vermietet. Wer mit den dortigen Bedingungen wegen Krankheit usw. nicht klarkommt, muss dort nicht wohnen.

        • Klara sagt:

          Wenn die Häuser auf Stelzen stehen haben sie sicher eine Treppe. Wie sieht es mit einem Lift aus? Oder sind die Häuser nur für fitte Menschen, die auch locker Räder, Kinderwagen, Wochenendeinkäufe und dergleichen hoch tragen?

          • PaulusHallenser sagt:

            Klara,

            ist Ihnen die sachsen-anhaltische Bauordnung bekannt? Wohngebäude mit mehr als 5 Stockwerken müssen einen Aufzug haben.

            P.S.: Ich finde es immer wieder interessant, wie kinderlose Menschen Partei für Familien mit Kindern ergreifen. Kinder sollten niemals als Kulisse älterer Personen mit schlechten Absichten dienen.

          • huch! sagt:

            „Wohngebäude mit mehr als 5 Stockwerken müssen einen Aufzug haben.“

            Wo in der „sachsen-anhaltischen“ Bauordnung steht das?

  4. Friedrich sagt:

    Da die Abstimmung namentlich erfolgte, beim nächsten Hochwasser von den Ja-Sagern die Rechnung begleichen oder Hochwasserschutzversicherung von den Ja-Sagern bezahlen lassen.

  5. Satirikus sagt:

    Richtige Entscheidung!

  6. Hallenser sagt:

    Wenn dieses Projekt durch die Stadt realisiert wird, zeigen die Stadt und die Stadträte noch mal so richtig, dass ihnen das Schicksal und der Besitz ihrer Bürger piep egal ist. Aber der Steuerzahler kann ja später wieder für alle Folgekosten blechen. Die Stadt und der Staat wissen schon so nicht, wie sie alles bezahlen können. Macht nur immer weiter so, liebe Freizeitpolitiker.

  7. Bürger für Halle sagt:

    Alles spricht gegen die Bebauung in diesem hochsensiblen Gebietes. Wer die Versiegelung Vorantreiben will, handelt gegen das Gemeinwohl.

    • Gemeinwohl sagt:

      Nicht alles spricht gegen die Bebauung. Am allerwenigsten soll ein Gebiet versiegelt werden. Bitte bei den Fakten bleiben!

      • Klara sagt:

        Natürlich wird das Gebiet versiegelt. Besser wäre es, diesen Außenbereich naturnah als Naherholungsgebiet zu entwickeln. Man kommt per Rad, per Boot und auch zu Fuß gut hin.
        Nur weil es mal versiegelt war, muss man es doch nicht erneut versiegeln? Komische Logik vor dem Hintergrund der künftigen Hochwasser…

  8. Verzerrer sagt:

    „…neu zugezogene Hallenser.“
    Sorry, aber die gibt es nicht!

  9. MS sagt:

    Mein Problem ist nicht der Hochwasserschutz, das kann man vielleitcht baulch regeln. Meine Frage ist: Wie haben Rettungsfahrzeuge Zugang zum Gelände? Ausschließlich über die enge Haffenstrasse? Wass passiert, wenn die gar nicht oder nur eingeschränkt passierbar ist, durch einen Unfall oder durch Falschparker etc? Wie gelangen dann Feuerwehr oder RTW zu den Häusern?

    • Klara sagt:

      Wie ist es mit Krankenwagen und Feuerwehr, Müllabfuhr, Pflegediensten etc. bei Hochwasser?

      • Hallo sagt:

        Wo wohnen Sie? Nach allem was ich von Ihnen lese, tippe ich mal, sie sind in der BI. Also persönlich Betroffene.
        Das sagt dann viel.

        • Klara sagt:

          @Hallo:
          Ja, was sagt das?
          Und nein, ich bin nicht in der BI.
          Mir ist es einfach nicht egal, mit welcher Ignoranz und Blindheit hier Gefahren kleingeredet und Klötze in die Aue gebaut werden.

        • Jetta sagt:

          Ah ja, die bösen persönlich Betroffenen! Wer soll sich denn sonst melden, wenn nicht diese. So ein bescheuertes Argument habe ich noch nie gehört. Es ist aber symptomatisch, dass sie zu diesem Projekt andauernd geäußert wird. Hier sitzen wohl die Freunde des Investoren: Also auch lauter persönlich Betroffene.

      • Einfach mal nachdenken sagt:

        Vielleicht fragst du mal in Planena nach oder an der Talstraße.
        Als ob es sonst keine Hochwassergebiete und noch viel mehr enge Straßen in der Stadt gibt.
        Am besten finde ich aber immer noch das Argument, hey wir haben jetzt die Straße zugeparkt, dann darf niemand anders mehr da lang fahren, weil es jetzt so gefährlich ist.

  10. Rentner sagt:

    135 Wohnungen — für wieviel PKW ist die Tiefgarage geplant?
    Die PKW kommen aber wohl kaum per Hubschrauber rein und raus, sondern durch die Hafenstraße. Könnte lustig werden!

  11. JtD sagt:

    Tja, der Investor hat sich verkalkuliert und die Stadt kompensiert das. Schade, es wäre besser gewesen, wenn die Stadt für die Einwohner entschieden hätte.

  12. HH sagt:

    Diese Diskussion ist, wie heutzutage viele andere, dadurch geprägt, dass den Leuten mit einer anderen Ansicht unlautere Motive unterstellt werden. Die einen wollen scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste Gewinn machen und die anderen wollen doch nur ihr Stückchen Halle für sich allein haben. Derartige Unterstellungen schaden einer sachlichen Auseinandersetzung über den Bebauungsplan.
    Ich gehöre zu denjenigen, die in diesem Gebiet wohnen. Ich weiß nicht, ob man dort in Hinblick auf Hochwasser sinnvoll bauen kann. Dies sollten Fachleute entscheiden. Mich stört, dass als Alternative zur vorgesehenen Bebauung immer nur Einfamilienhäuser diskutiert werden. Auch ich halte Einfamilienhäuser in einem Innenstadtgebiet für nicht zeitgemäß. Zwischen Einfamilienhäusern und Halle Neustadt für Betuchte gibt es aber doch wohl noch viele andere denkbare Lösungen, die diesem Gebiet unter Berücksichtigung der besonderen Lage angemessener währen.
    Was ich sicher weiß, ist dass die Hafenstraße für noch mehr Verkehr schwierig wird, solange auf der einen Seite das Parken gestattet ist. Die Erläuterungen zum Bebauungsplan gehen von einer 6 Meter breiten Straße aus. Dies wird nach meiner Überzeugung am Ende dazu führen, dass die Parkerlaubnis auf der Straße durch ein Halteverbot ersetzt wird, um auch nach der Verdichtung ein sicheres Ein- und Ausfahren zu ermöglichen. Dagegen wird man auch nichts mehr unternehmen können, wenn die Wohnungen erst mal gebaut sind, und die sichere Zufahrt gewährleistet werden muss. Außerdem wird die Anzahl der geplanten Parkplätze in dem neuen Wohngebiet nicht ausreichen, was die jetzt schon problematische Parksituation verschärfen wird.

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