Gelände der Nazi-Chemiewaffenfabrik ORGACID in Halle-Ammendorf: Bundesanstalt ermittelt potentiellen Eigentümer für vergiftetes Gelände – der klagt dagegen
Es ist ein Erbe, das niemand antreten will. Wie Simon Kuchta, Leiter des Fachbereichs Umwelt, am Donnerstag im Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt und Ordnung berichtete, hat das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen (BADV) nun einen potenziellen Eigentümer für ein Teilstück des berüchtigten ORGACID-Geländes ermittelt, ein Rechtsnachfolger eines ehemaligen VEB aus DDR-Zeiten. Im Amtsdeutsch heißt das: Das Grundstück wurde einem „Begünstigten“ zugeordnet. Doch die Freude über die Klärung der Besitzverhältnisse währte kurz. Der Betroffene hat umgehend rechtliche Schritte eingeleitet. Er will mit dem vergifteten Boden in Halle-Ammendorf nichts zu tun haben – eine Reaktion, die angesichts der drohenden Sanierungskosten in Millionenhöhe kaum überrascht. Die Stadt rechnet nun zunächst mit einem jahrelangen Verfahren.
Ein toxisches Labyrinth im Untergrund
Das Areal gilt als eine der gefährlichsten Altlasten der Region. Während des Nationalsozialismus wurde hier Lost (Senfgas) produziert. Noch heute finden sich im Boden und im Grundwasser gefährliche Abbauprodukte dieser chemischen Kampfstoffe. Die Stadtverwaltung lässt das Gebiet daher engmaschig überwachen. Im vergangenen Dezember wurden erneut Messungen an 30 Stationen durchgeführt, wobei 12 Stationen detaillierte Wasserproben lieferten. Die Ergebnisse verdeutlichen die anhaltende Gefahr: Besonders entlang der Chemiestraße wurden leichtflüchtige halogenierte Kohlenwasserstoffe (LHKW) nachgewiesen. Die Experten fanden Arsen, chlorbenzolhaltige Verbindungen sowie losttypische zyklische Thioether. Die Lage der bestehenden Grundwasserreinigungsstation bestätigte sich laut Kuchta als goldrichtig, da sie genau im Zentrum der höchsten Schadstoffkonzentrationen arbeitet.
Trotz der Funde bemühte sich die Verwaltung um eine sachliche Einordnung. „Alles, was die Geringfügigkeitsschwelle überschreitet, heißt noch nicht automatisch, dass es auch gefährlich ist“, betonte Kuchta im Ausschuss. Dennoch zeigen die Messwerte, dass der chemische Cocktail im Untergrund nach wie vor aktiv ist. Laut Steffen Johannemann von der Unteren Wasser-/Bodenschutzbehörde stammen die nachgewiesenen Chlorbenzole aus damaligen Nebenproduktionsprozessen der Waffenfabrik.
Wie geht es weiter?
Die Stadt Halle will den Druck aufrechterhalten und plant für Mitte des Jahres eine neue große Messkampagne. Da die Kommune die Last des Nazi-Erbes nicht allein tragen kann, soll verstärkt der Kontakt zu Bund und Land gesucht werden. Ziel ist es, finanzielle und fachliche Hilfestellungen bei der Bewertung der Grundwasserbelastung zu erhalten.
Zudem wird geprüft, ob im Kernbereich der ehemaligen Fabrik weitere Messstellen errichtet werden müssen, um das Ausmaß der unsichtbaren Gefahr noch präziser zu erfassen. Für den „unfreiwilligen“ Eigentümer bleibt die Lage derweil ungewiss – der Ausgang des Rechtsstreits gegen das BADV wird weitreichende Folgen für die künftige Haftung auf dem Gelände haben.
Die ORGACID-Anlage in Ammendorf war im Dritten Reich eine streng geheime Produktionsstätte für chemische Kampfstoffe. Nach 1945 wurden Teile gesprengt, doch große Mengen an Giftstoffen verblieben im Boden und in unterirdischen Bunkeranlagen.









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