Von Barock bis Subkultur: Die Händel-Festspiele erobern Halle (Saale) mit einem völlig neuen Gesicht [Mit Video]

Bei strahlendem Sonnenschein und unter großem Publikumsandrang sind am Freitagnachmittag auf dem Marktplatz die diesjährigen Händelfestspiele eröffnet worden. In diesem Jahr war zur Eröffnung alles etwas anders als gewohnt – und das im besten Sinne.

​Ein Festakt mit neuer Perspektive

​Der traditionelle Auftakt begann zunächst mit der feierlichen Kranzniederlegung am Denkmal des in Halle geborenen Komponisten Georg Friedrich Händel. Begleitet wurde Zeremonie von den musikalischen Klängen von Pfeiferstuhl Music und dem traditionellen Fahnenschwenken der Halloren Salzwirker.

​Danach verlagerte sich das Geschehen auf die gegenüberliegende Seite des Marktplatzes direkt vor Händels Taufkirche, die Marktkirche Unser Lieben Frauen. Dort präsentierten der Stadtsingechor zu Halle und das Akademische Orchester der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Auszüge aus Händels Schaffen. Zum krönenden Abschluss durfte das weltberühmte „Halleluja“ natürlich nicht fehlen.

​Besonders positiv fiel den Besuchern eine wesentliche Neuerung auf: Durch den Aufbau einer großen Bühne waren die Musikerinnen und Musiker diesmal für alle Zuschauer gut zu sehen und nicht mehr nur aus den ersten Reihen.

​Die Feierstunde markierte gleichzeitig den Startschuss für das dreitägige Marktplatzfest „In Händel Veritas – Musik und Wein für (H)alle“. Ob die verschiedenen Zelte, Verkaufswagen und die Duftwolken der Imbissstände nun das perfekte Barock-Ambiente bieten, mag Geschmackssache sein – die gelungene Mischung aus kulinarischen Highlights und kostenfreiem Kulturprogramm lockte jedenfalls Hunderte Hallenser und Gäste an.

​Die Handschrift des neuen Intendanten

​Es sind die ersten Festspiele unter der künstlerischen Leitung des neuen Intendanten Florian Amort. In seiner Eröffnungsrede fand er sogleich die passenden Worte für das Festival und den großen Sohn der Stadt:

​„Schenken Sie Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Ohr nicht den Panikmachern, Jahrmarktsgauklern und Untergangspropheten, sondern dem größten Sohn der Stadt Halle, Georg Friedrich Händel.“

​Amort betont, dass das diesjährige Motto „Mannsbilder: Helden, Herrscher, Herzensbrecher“ ganz bewusst gewählt wurde, um historische und gegenwärtige Vorstellungen von Männlichkeit zu beleuchten und intensiv zu diskutieren. „Männerbilder haben sich immer verändert. Sie verändern sich auch heute und sie werden sich auch künftig weiterhin verändern“, so der Intendant.

​Mit neuen Formaten an der Schnittstelle von Hoch- und Subkultur – wie der „Barock & Proud“-Fashion Party im Stadtmuseum oder „Kombüse meets Händel-Festspiele“ – möchte Amort das Festival noch stärker in die Stadtgesellschaft hineinwirken lassen. Ein deutliches Zeichen für Barrierefreiheit und Jugendförderung ist zudem das neue Angebot für Schüler, Studierende und Azubis, die flächendeckend 15€-Tickets für alle Platzkategorien in den Hauptsparten erhalten.

​Ein Signal der Weltoffenheit in dunklen Zeiten

In Vertretung des Ministerpräsidenten betonte der stellvertretende Ministerpräsident und Wissenschaftsminister von Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Armin Willingmann, den herausragenden Stellenwert des Festivals: ​„Die Händelfestspiele sind das bedeutendste Musikfestival, das wir in Sachsen-Anhalt feiern. Es ist ein echtes Aushängeschild künstlerischer Exzellenz, aber eben auch der Internationalität.“

​Gerade in der heutigen Zeit, in der „die Stimmung manchmal etwas durchrutscht“ und man zu „dunklem Denken“ neige, sei das Festival ein unschätzbares Zeichen. Willingmann hob hervor, dass die Qualität und die internationale Resonanz des Festes nur möglich seien, „weil wir die Grenzen offen haben und weil wir Künstlerinnen und Künstler ebenso wie Gäste herzlich willkommen heißen“. Zudem lobte er Halle als respektablen Wissenschaftsstandort, dessen Institutionen wie die Martin-Luther-Universität die Händel-Forschung nachhaltig prägen.

Begeisterung über das neue Konzept und das Weinfest

​Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt zeigte sich bei der Eröffnung sichtlich begeistert von der Kulisse und den Neuerungen. Er verriet, dass die Initiative für die Neugestaltung direkt aus seinem Team kam:

​„Vor einem Jahr, kurz nachdem ich Oberbürgermeister wurde, hatte mein Team die Idee, die Eröffnung der Händelfestspiele noch ein bisschen aufzupeppen – mit einer Bühne und einer weiteren Attraktion, die die Menschen hier auf den Marktplatz holt: das Herz unserer Stadt, unser Wohnzimmer.“

​Vogt betonte, dass dieser Plan mit dem neuen Weinfest voll aufgegangen sei, und bedankte sich ausdrücklich bei seinem Team, dem Marktplatz-Team, den Händlern sowie allen Beteiligten der Festspiele für die gelungene Inszenierung.

​Gedanken zum Motto „Mannsbilder“

​Auch auf das diesjährige Festivalmotto ging das Stadtoberhaupt ein und bescheinigte ihm eine tiefe, neugierig machende Wirkung: ​„Heldend, Herrscher, Herzensbrecher – so sind die diesjährigen Festspiele überschrieben. Ein Motto, das neugierig macht. Was macht einen Helden aus? Wann wird Stärke zur Schwäche? Und was hat das alles mit Händel zu tun?“

​Er versprach den Besuchern, dass die Festspiele in den kommenden Tagen weit über den Marktplatz, die Oper und das Theater hinausstrahlen werden. Das Festival werde auch im Planetarium, in den Programkinos und im Literaturhaus präsent sein – und somit die Händelfestspiele zu einem Erlebnis für Gäste von nah und fern, vor allem aber direkt „in die Stadt zu den Hallenserinnen und Hallensern“ bringen.

​Abschied und Ehrung für Kammersängerin Romelia Lichtenstein

​Ein besonders emotionaler Moment der Rede war der Abschied von Kammersängerin Romelia Lichtenstein. Während es für den neuen Intendanten Florian Amort die ersten Festspiele sind, markieren sie für die Sängerin das Ende einer Ära nach drei Jahrzehnten des Wirkens in Halle: ​„Es sind aber auch heute die letzten Händelfestspiele für eine Person, die 30 Jahre lang hier in Halle gewirkt hat.“ Die Kammersängerin Romelia Lichtenstein sei in 80 verschiedenen Rollen hier an der Oper aufgetreten.

​Vogt erinnerte daran, dass Lichtenstein bereits 2016 den Händel-Preis der Stadt Halle erhalten und große Händel-Arien wie Alcina, Teseo, Rodrigo oder Agrippina gesungen hat. Unter dem Applaus des Publikums überreichte er ihr im Namen der Stadt Halle einen Blumenstrauß.

​Hochkarätiges Programm bis zum 14. Juni

​Bis zum Mitte des Monats stehen insgesamt 86 Veranstaltungen an 27 Spielorten auf dem Programm. Zu den absoluten Höhepunkten zählt die Neuproduktion der Oper Rinaldo an der Oper Halle sowie das genreübergreifende Open-Air-Konzert BRIDGES 2026 in der Galgenbergschlucht, bei dem Pop- und Elektronikkünstler wie Bonaparte und Super Flu auf die Staatskapelle Halle treffen.

​Auch eine neue Tradition wird begründet: Künftig soll jedes Jahr das Werk einer Barockkomponistin aufgeführt werden – den Anfang macht in diesem Jahr die Oper Talestri, regina delle Amazzoni von Maria Antonia Walpurgis.

​Wer die „Mannsbilder“ auch visuell ergründen möchte, kann dies in der begleitenden Sonderausstellung „Mannsbilder. Too hot to Händel?“ im Händel-Haus tun. Als bleibendes Andenken für Groß und Klein gibt es in diesem Jahr zudem eine eigens entwickelte Playmobil-Sonderfigur des berühmten Komponisten. Halle steht in den kommenden Tagen ganz im Zeichen der Barockmusik – ein Besuch lohnt sich.

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12 Kommentare

  1. PaulusHallenser sagt:

    Schade, dass die Händelfestspiele mal wieder zum Schaumschlagen benutzt werden.

    • Aufmerksamer Beobachter sagt:

      Die Menschen, die dort waren, sahen nicht wie Schaumschläger sondern durchaus dankbar aus. Aber Dankbarkeit verstehst du ja nicht, denn du bist der, der alles zum Schaumschlagen benutzt.

  2. BESORGTER Hallenser sagt:

    Das mit dem Weinfest auf dem Marktplatz ist eine gute Idee!Es gab in der Vergangenheit bei der Eröffnung im Stadthaus ein Empfang für Stadträte und ausgewählte Personen und der normale Bürger konnte von Draußen zuschauen.

  3. Ich sagt:

    Schade, dass Dir das Programm scheinbar zu progressiv ist, aber: Du gehst ja eh nicht hin. 😉

  4. Realist sagt:

    Wieso werden solche Events immer zu Zeiten eröffnet, wo normale Menschen noch arbeiten müssen ? Hauptsache Politiker und Rentner können sich ergötzen.

  5. Kinder August Bebels sagt:

    Lustig, bei kritischen Argumenten- kommt immer das Totschlagargument: Du gehst ja nicht hin. Ich gehe gerne hin, obwohl mir das Programm zu LGBTQ wird. Vermissen, werde ich die Bridges to Classic und das AbschlussKonzert. Beides war jedesmal ein schöner Ausklang. Meine ganze Familie war dabei.
    Barockkomponistinnen halt ich für überflüssig- es gibt gute Musik oder nicht, der Rest ist Quatsch.

    • Aufmerksamer Beobachter sagt:

      Dein letzter Satz ist so ultimativ traurig im Kontext „ich gehe gerne hin“.

    • Polinesso sagt:

      Du gehst ja selbst dann nicht hin, wenn es Bridges gibt wie dieses Jahr. Ganz klassisch am Samstag Abend mit Feuerwerk und Co.

      Kräftig selbst tot geschlagen, oder? 🤣

      Das Abschlusskonzert ist dieses Jahr der Messias in der Marktkirche. Es soll sogar noch Karten geben.

  6. Kinder August Bebels sagt:

    Zur Klarstellung: ich meinte, dass explizite Aufführen und habe nix gegen Frauen.

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