Kein politisches Theater: OB Vogt relativiert Wortwahl – Stadt ist Stolz auf erzielte Pauschale

Rund 3000 Kinder, Jugendliche, Eltern sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Vereinen und Initiativen haben am Mittwoch auf dem Marktplatz in Halle (Saale) gegen drohende Kürzungen in der Kinder- und Jugendarbeit protestiert. Mit Transparenten, Musik und Wortbeiträgen machten sie ihrem Ärger Luft – und forderten Planungssicherheit für ihre Einrichtungen. Hintergrund sind angekündigte Einschränkungen zahlreicher Angebote, sollte die Stadt keine finanziellen Mittel freigeben. Viele Träger haben ihre Projekte seit Jahresbeginn vorfinanziert – in der Hoffnung auf eine baldige Bewilligung der Gelder. Entsprechend angespannt war die Stimmung auf dem Platz.

Für eine unerwartete Wendung sorgte Halles Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt. Während der Kundgebung verkündete er, die Stadt habe mit dem Landesverwaltungsamt eine „Sondergenehmigung“ ausgehandelt – das Geld könne nun fließen. Die Nachricht wurde von vielen Demonstrierenden mit Applaus aufgenommen. Doch die Euphorie währte nur kurz. Das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt stellte wenig später klar, von einer Sondergenehmigung könne keine Rede sein. Man habe die Stadt lediglich auf die bestehende Rechtslage und vorhandene Ermessensspielräume hingewiesen.

Im Gespräch mit dubisthalle.de relativierte Vogt seine Wortwahl. Aus Erleichterung habe er von einer Sondergenehmigung gesprochen. Ein politisches Theater habe er keinesfalls inszenieren wollen. Vielmehr handle es sich um eine einvernehmliche Lösung, die in Gesprächen und Schreiben zwischen Stadt und Landesverwaltungsamt abgestimmt worden sei. Tatsächlich war am Mittwoch ein neues Schreiben der Kommunalaufsicht bei der Stadt eingegangen. Unterschiedliche Auffassungen über die Erlasslage seien damit geklärt worden. Konkret ging es um einen seit zwei Jahren geltenden Runderlass des Innenministeriums, den die Stadt anders interpretiert hatte als die Aufsichtsbehörde.

Wie Stadtsprecher Drago Bock mitteilte, werde nun mit Hochdruck an der Erarbeitung der Bewilligungsbescheide gearbeitet. Diese sollen schnellstmöglich verschickt werden und zunächst bis Mai gelten. Bis dahin muss das Landesverwaltungsamt entscheiden, wie es mit dem Etat weitergeht. Die Auszahlung erfolgt nach Priorisierung und unter Nutzung der bestehenden Ermessensspielräume. Allerdings befindet sich Halle weiterhin in der vorläufigen Haushaltsführung. Deshalb werden die Mittel nicht in voller Höhe ausgezahlt. Ursprünglich hatte der vom Stadtrat beschlossene Haushaltsplan rund sechs Millionen Euro für das gesamte Jahr vorgesehen – für sogenannte nicht vertraglich gebundene freiwillige Leistungen, zu denen ein Großteil der Kinder- und Jugendprojekte zählt. Diese Summe wird nun um fünf bis zehn Prozent reduziert. Damit wolle die Stadt zugleich ihren Sparwillen unter Beweis stellen.

Positiv bewertet die Stadtverwaltung vor allem, dass durch die gefundene Zwischenlösung eine Pauschale zur Verfügung steht. Dadurch muss nicht jeder einzelne Antrag erneut durch Stadtverwaltung und Landesverwaltungsamt auf seine Notwendigkeit geprüft werden. Die inhaltliche Priorisierung hatte bereits der Jugendhilfeausschuss vorgenommen. Mit dem Wegfall dieser zusätzlichen Prüfverfahren werde erheblicher bürokratischer Aufwand vermieden, heißt es aus dem Rathaus. Für die Träger bedeutet das zumindest vorerst mehr Planungssicherheit – wenn auch unter finanziellen Einschränkungen.

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11 Kommentare

  1. Kritiker sagt:

    Der Erlass ist 2 Jahre alt, bedeutet, man hätte es wissen können, dass die Träger mit Begründung der Notwendigkeit diesen Pauschalbetrag erhalten könnten.

    Das Landesverwaltungsamt hat die Stadt nur darauf hingewiesen, dass es diesen also schon länger gibt!

    Guten Morgen Verwaltung!

  2. Sagenwasist sagt:

    Aha. Naja… Die jetzt gefundene Lösung wäre die ganze Zeit schon möglich gewesen. Hätte dem OB wohl mal jemand sagen sollen. Oder wurden andere Prioritäten gesetzt? Übrigens, warum hört man eigentlich aus der Kultur keine Klagen?

  3. Zugezogener sagt:

    Kann jemand erklären, wie ein seit 2 Jahren geltender Erlass „unterschiedlich interpretiert“ werden kann? Das Innenministerium ist doch kein Orakel. Allen Ernstes muss es doch möglich gewesen sein, in Gespräche zur Klärung zu gehen oder es meinetwegen juristisch klären zu lassen.

    Kommunalpolitik und Verwaltung sind mit Sicherheit keine einfachen Tätigkeitsfelder, hier scheint mir jedoch auch Unwillen oder Inkompetenz vorzuliegen.

  4. DBF sagt:

    Wenn einem das Landesverwaltungsamt die Rechtslage in der vorläufigen Haushaltsführung erklären muss, weil man selbst in der irrigen Annahme war, zu Lasten der Betroffenen, handeln zu müssen, muss man sich schon fragen, ob im Rathaus ausreichend Kompetenz vertreten ist oder man (alternativ) mit Absicht so gehandelt hat. Beides kein Qualitätskriterium.

  5. Weiss der Geier sagt:

    Ein 2 Jahre alter Runderlass, den andere Kommunen bereits in ähnlichen Situationen zigfach nutzten!!! Und nur unsere blitzgescheite Verwaltung intepretiert die anders, fragt nicht nach beim Land und scheint zu anderen Kommunen ein kommunikatives Nichtverhältnis zu pflegen! Und wiederholt muss man entsetzt Richtung Finanzbeigeordnetem schauen, der in all diesen Fragen einfach nur noch schlecht aussieht!

  6. Otto sagt:

    Die Argumentation von OB Vogt ist einfach lächerlich wie durchschaubar.Einen zwei Jahre alten Erlass plötzlich als Sondergernehmiugung zu verkaufen ist ein Unding. Man habe den Sachverhalt unterschiedlich interpretiert. Hä? Was gibt es da zu interpretieren? Erinnert peinlich an einen ehemaligern OB!

  7. Toter Frosch sagt:

    Unter uns gefragt: Hätte das der langjährige Beigeordnete für Finanzen bzw. sein Kämmerer nicht wissen können? Man fragt sich ja wirklich, was manche Mitarbeiter der Stadtverwaltung beruflich machen.

  8. Das ist schon nicht nachvollziehbar warum so lange gewartet wurde,die Situation ist für die Träger katastrophal.Wie sollen sie vernünftige Arbeit machen unter solchen Bedingungen.die im Rathaus Tätigen sind doch schon länger in ihren Funktionen,da scheint es an Interesse für diese Arbeitsbereiche zu fehlen.

  9. Christel Peuker sagt:

    Dieses Unvermögen führt zu Schließungen. Dann auch noch zu sagen, dass man gestern vom LVA einen Brief bekommen habe ……, dass ist einfach nur beschämend welche Lügen aufgetischt werden. Ich bin gespannt, wie lange sich die Auszahlung der Mittel hinzieht! 2 Monate sparte die Stadt auf Kosten der Kinder und der Sozialarbeit. Die Schöpfkelle ist bereits wieder geschlossen!

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