„Original? – Fälschung?“ – Programm für Händelfestspiele 2017 vorgestellt


Unter dem Motto „Original? – Fälschung?“ stehen die Händelfestspiele in Halle im kommenden Jahr. Feierlich eröffnet wird das Barock-Musikfestival am 26. Mai 2017 traditionell am Händel-Denkmal auf dem Marktplatz. An den anschließenden 17 Veranstaltungstagenwird eine bestechende Mischung aus hochkarätiger Barockmusik, Klassik, Jazz, elektronischen Klängen und Weltmusik von Solisten, Ensembles und Chören mit internationalem Renommee geboten.

Insgesamt stehen 10 ECHO Klassik-Preisträger auf der Bühne, darunter die Orchester Il Pomo d’Oro, das Pera Ensemble, Concerto Köln und die Lautten Compagney Berlin sowie die Ausnahmekünstlerinnen Vivica Genaux, Ann Hallenberg und Sonia Prina, die jeweils ihr eigenes Festkonzert geben werden. Aber auch der gefeierte Countertenor Xavier Sabata und der spanische Tenor Juan Sancho werden in Festkonzerten das Publikum in ihren Bann ziehen. Im historischen Goethe-Theater in Bad Lauchstädt werden zauberhafte Marionetteninszenierungen von „Acis und Galatea“ HWV49 a und „Giustino“ HWV 37 zu erleben sein. Wer sich an die wunderbare Marionetten-Produktion des „Rinaldo“ im Jahr 2011 erinnert, weiß, dass die Besucher ein besonderes Theaterereignis erwartet. Im Carl-Maria-von-Weber Theater in Bernburg können sich die Freunde historischer Aufführungspraxis auf ein besonderes Erlebnis freuen: Nicht nur, dass Musica Florea die Musik auf Basis der historisch informierten Aufführungspraxis spielt, sondern darüber hinaus greifen auch Choreografie und Kostüme des Hartig Ensemble auf historische Vorlagen zurück.

Die Händel-Festspiele 2017 präsentieren anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums fünf verschiedene Oratorien. Höhepunkt hierbei dürfte die szenische Aufführung von „Jephtha“ in der Oper Halle sein. Die musikalische Leitung der Neuproduktion liegt in den Händen von Christoph Spering, die Regie stammt von Tatjana Gürbaca. Der „Messiah“ HWV 56, Händels wohl bekanntestes Oratorium, wird gleich zweimal aufgeführt: Im Dom zu Halle erklingt die Dubliner Fassung von 1742 und in der Marktkirche ist die Londoner Fassung von 1743 zu erleben. Weiterhin erwartet die Besucher die Erstaufführung der „Esther“ nach der Hallischen Händel-Ausgabe, „Deborah“, ein interreligiöses Projekt abrahamitischer Weltreligionen sowie diverse Genreübergreifende Konzerte wie die verschiedenen Baroque Lounges, Jazz- und Nachtkonzert sowie die Open Air-Veranstaltungen auf dem Domplatz und in der Galgenbergschlucht.

Clemens Birnbaum, Direktor der Stiftung Händel-Haus und Intendant der Händel-Festspiele, freut sich sehr: Wieder konnten wir unserem Publikum aus Nah und Fern ein facettenreiches Programm zusammenstellen, bei dem nicht nur der klassische Händel-Freund Angebote findet. Dies war nur möglich dank der Unterstützung vieler Partner, darunter die Stadt Halle, das Land Sachsen-Anhalt und der Bund. Mein Dank gilt aber auch den langjährigen Partnern wie der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und der Saalesparkasse sowie Lotto Sachsen-Anhalt. Ohne deren Partnerschaften hätten wir nicht aus Tschechien den „Acis and Galatea“ bzw. den „Messiah“ mit Concerto Köln und dem Bayerischen Rundfunkchor in der Taufkirche Händels einladen können.

Das Motto: „Original? – Fälschung?“
Mit „Original? – Fälschung?“ greifen die Händel-Festspiele 2017 ein aktuelles und durchaus brisantes Thema auf. Dabei sollte man sich zunächst vergegenwärtigen, dass jedes Original, das reproduziert wird, für sich genommen wieder ein Original darstellt. Für dieses neue Original gibt es je nach moralischer oder juristischer Bewertung bzw. in Bezug auf die Verwendung und Verwertung ganz unterschiedlicher Begriffe: Imitation, Nachahmung, Kopie, Entlehnung, Zitat, Fälschung sollen hier nur beispielhaft genannt werden. Bereits im 18. Jahrhundert waren Urheberfragen, Raubdrucke, Fälschungen u. ä. ein Thema. Händel selbst versuchte sich gegen die unerlaubte Vervielfältigung seiner Kompositionen zu wehren, indem er sich beim englischen König um ein Druckprivileg bemühte, welches er auch 1720 erhielt. Auch ein frühes Urheberschutzgesetz wurde im Jahr 1710 in England erlassen: das Statute of Anne. Händel selbst wiederum hat für seine Kompositionen ohne Scheu, ohne Nachfrage und auch ohne Hinweis die Musik anderer Komponisten verwendet. Dieses Verfahren nennt man in der Musikwissenschaft Entlehnung oder Borrowings. Die Palette dieser Borrowings reicht von einzelnen musikalischen Themen bis hin zu kompletten Arien. Man muss konstatieren, dass Händel diese Technik wie kaum ein anderer zeitgenössischer Komponist extensiv verwendet hat und es somit ein wesentliches Charakteristikum seines Kompositionsstils darstellt. Was ist in diesem Kontext dann eigentlich als „das“ Original anzusehen? Warum werden beispielsweise die Pasticci Händels, d. h. Opern, die Händel aus Werken anderer Komponisten oder aus eigenen Werken neu zusammenstellte, im Anhang seines Werkverzeichnisses aufgelistet, wohingegen sein Oratorium „Deborah“, das ebenso größtenteils aus bereits vorhandenen, eigenen Werken neu zusammengestellt wurde, in das Hauptverzeichnis aufgenommen? Wenn man zudem bedenkt, dass viele Oratorien und Opern Händels in mehreren Fassungen und Versionen überliefert sind, dann stellt sich umso mehr die Frage, welche der Fassung oder Version denn nun das Original darstellt? Oder sind es alles Originale? Auf eine weitere Schwierigkeit der Händel-Forschung sei hingewiesen: Diverse Werke Händels sind in verschiedenen Abschriften (oder sind es Raubkopien?) überliefert, in anderen Manuskripten wird das Werk Händel fälschlicherweise (oder handelt es sich doch um eine bewusste Fälschung?) zugeschrieben. Immer wieder muss man sich die Frage stellen, was eigentlich das Original bei Händel ist.

Opern und Ballettaufführungen / Neuproduktionen
Jephtha HWV 70 (s. unter Oratorien, szenische Neuproduktion)
Giustino HWV 37 (Oper, Marionettenaufführung)
Acis and Galatea HWV 49a (Masque, Marionettenaufführung, Cannons 1718)
Terpsicore HWV 8b (Ballett, szenisch)
„Les Caractères de la Danse” von Jean-Féry Rebel (Ballett, szenische Aufführung)
Sosarme, Re di Media HWV 30 (Oper, szenische Wiederaufnahme)
L’Elpidia, overo li rivali generosi HWV A1 (Opern-Pasticcio, konzertante Aufführung)
Aci, Galatea e Polifemo HWV 72 (Serenata a tre, konzertant, Neapel-Fassung 1708)

Bei den Händel-Festspielen Halle kann man die Fülle und Vielfalt von Barockmusik erleben, wie sonst nirgends: Fünf barocke Meisterwerke, darunter zwei Marionetten-Inszenierungen und Ballette, werden szenisch produziert und auf die Bühne gebracht. Viele erinnern sich noch an die bezaubernde Marionetten-Inszenierung von Händels „Rinaldo“ vor einigen Jahren im Goethe-Theater Bad Lauchstädt mit der Mailänder Compagnie Carlo Colla e Figli und der Lautten Compagney Berlin. Noch heute ist die DVD der „Rinaldo“-Produktion ein Verkaufsschlager. Nun gibt es am 9., 10. und 11. Juni 2017 die lang ersehnte Fortsetzung mit einer Neuproduktion einer Händel-Oper: „Giustino“ HWV 37. Die Oper in barocken Szenenbildern wie Seeschlachten, feuerspeiende Drachen und aufziehende Heerschaaren und mit dem Spiel der emotional glaubhaften Marionetten wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt. Die Lautten Compagney Berlin hat schon mehrfach ihre besondere Händel-Kompetenz mit diversen Opernproduktionen unter Beweis gestellt.

Die lebendige Herangehensweise an Alte Musik begeistert. Das Spiel auf historischen Instrumenten wird mit fantasievoller und mitreißender Musizierkunst verbunden. Das Puppentheater Carlo Colla e Figli aus Mailand lässt seit über 200 Jahren die „Puppen tanzen“. Das historische Goethe-Theater zählt zu den beliebtesten Spielstätten der Händel-Festspiele. Erbaut wurde es 1802 unter der Leitung von Johann Wolfgang von Goethe. Eine weitere Figureninszenierung im historischen Goethe-Theater Bad Lauchstädt zeigt die Marionettentheatercompany Buchty a Loutky aus Prag am 27., 28. und 29. Mai 2017. Gemeinsam mit dem Collegium Marianum unter der Leitung der Flötistin Jana Semerádová wird die Masque „Acis and Galatea” HWV 49a präsentiert. Liebevoll wird die Geschichte um den Schäfer Acis, die Nymphe Galatea und den Zyklopen Polyphemus aus Ovids „Metamorphosen“ mit bezaubernden Holzfiguren nachgespielt. Eine konzertante Aufführung einer früheren, in Italien komponierten Fassung von „Aci, Galatea e Polifemo” HWV 72 kann konzertant im Löwengebäude der Universität erlebt werden. Beide Aufführungen basieren auf neuesten Forschungserkenntnissen der Hallischen Händel-Ausgabe in Originalsprache mit deutschen Übertiteln. Ist diese erste, am 19. Juli 1708 in Neapel aufgeführte Fassung der Serenata a tre, die nun unter der Leitung von Peter Neumann mit seinem Collegium Cartusianum aufgeführt wird, das Händel’sche Original? Ein Vergleich lohnt sich, vor allem wenn so herausragende Solisten bei der Aufführung der Serenata mitwirken: Julia Doyle, Luciana Mancini und Andreas Wolf – eine spannungsreichere und lebendigere Aufführung ist kaum vorstellbar. Beide „Acis und Galatea“-Aufführungen werden dankenswerterweise von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Saalesparkasse unterstützt.

Dr. Jürgen Fox, der Vorstandsvorsitzende der Saalesparkasse bekräftigt: „Die Förderung der Kultur gehört zu unseren besonderen Anliegen. Dass wir mit der Unterstützung von Inszenierungen in Bad Lauchstädt dazu beitragen, die Händel- Festspiele auch vor den Toren der Stadt Halle erlebbar zu machen, kommt uns als Sparkasse der Stadt Halle und des Saalekreises ganz besonders entgegen.“

Das Carl-Maria-von-Weber-Theater in Bernburg ist seit 2016 Spielstätte der Händel-Festspiele. Im nächsten Jahr werden das Ballett „Terpsicore“ HWV 8b von Georg Friedrich Händel und „Les Caractères de la Danse” von Jean-Féry Rebel vom Hartig Ensemble auf die Bühne gebracht. Die Tänzer von Helena Kazárová rekonstruieren seit 20 Jahren barocke Tänze aus englischen und französischen Quellen. Begleitet werden sie vom Prager Barockorchester Musica Florea unter der musikalischen Leitung von Marek Štryncl. „Terpsicore“ entstand als Prolog zur Zweitfassung von Händels „Il Pastor fido“ HWV 8c. Zur damaligen Zeit stand in London die Ballett- Compagnie um die französische Tänzerin und Choreografin Marie Sallé für Operndarbietungen zur Verfügung, die Händel auch für seine Ballett-Werke in „Alcina“ HWV 34 und „Ariodante“ HWV 33 inspirierte. Der französische Komponist J. F. Rebel erklärt quasi in einem Schnellkurs in „Les caractères de la Danse“ die Charaktere der Tänze, die auf dem Ball wie auf der Bühne Mode waren. Das Publikum erwartet also ein barockes und historisches Seh- und Hörerlebnis der Extraklasse in einem bezaubernden, kleinen Theater.

Der große Erfolg von „Sosarme, Re di Media“ HWV 30 bei den Festspielen 2016 wird natürlich auch im nächsten Jahr wiederholt. Für die Inszenierung und das Bühnenbild holte sich die Oper Halle für die Aufführung nach der Hallischen Händel-Ausgabe den international erfolgreichen Regisseur Philipp Harnoncourt. Von Publikum und Presse wurde die Produktion überwiegend sehr positiv aufgenommen. Es bietet sich eine letzte Gelegenheit, diese selten aufgeführte und zu Unrecht vergessene Händel-Oper nochmals zu erleben.

Die konzertante Aufführung des Pasticcio „L’Elpidia, overo li rivali generosi” HWV A1 wird vom britischen Ensemble Opera Settecento unter der Leitung von Leo Duarte dargeboten. Für das Pasticcio bediente sich Händel nicht aus seinen eigenen und affektgeladenen Arien gelang Händel 1752 ein musikalischer Höhepunkt in seinem Schaffen. Seine Uraufführung feierte „Jephtha“ am 26. Februar 1752 im Theatre Royal in Covent Garden in London. Das Libretto schrieb Thomas Morell. Als Grundlage diente das Buch der Richter im Alten Testament der Bibel. Am ersten Abend der Händel-Festspiele 2017 wird das Oratorium auf der Basis der Hallischen Händel-Ausgabe in der Oper Halle auf die Bühne gebracht. Es spielt das Händelfestspielorchester unter der Leitung von Christoph Spering. Die international gefragte Regisseurin Tatjana Gürbaca arbeitet anlässlich der Händel-Festspiele 2017 erstmalig an der Oper Halle. Das Oratorium „Esther“ komponierte Händel schon 1718 als Masque. Er schrieb das Werk häufig um. Am 2. Mai 1732 präsentierte er im King’s Theatre eine neue Fassung. In „Esther“ HWV 50b verwendete Händel zwei seiner Coronation Anthems mit neuem Text. Das fand so großen Anklang beim Londoner Publikum, das alle sechs Vorstellungen ausverkauft waren. An vier Abenden soll sogar die königliche Familie zugegen gewesen sein. Als Sänger wirkte auch der Star-Kastrat Senesino mit. Am 3. Juni 2017 werden international namhafte Solisten der Gegenwart, darunter Antonio Giovannini (Altus), Raffaella Milanesi (Sopran) und Thomas Bauer (Bass) auf der Bühne der Georg-Friedrich-Händel-Halle stehen. Begleitet werden sie von Fabio Bonizzoni und dem Ensemble La Risonanza, das schon 2016 bei den Händel-Festspielen mit seinem italienischen Esprit begeisterte, sowie vom Chor der Capella
Cracoviensis. Bei dieser Erstaufführung nach der Hallischen Händel-Ausgabe, die von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt wird, ist eine Referenzaufführung zu erwarten. Ein weiteres, großes Chor-Oratorium wird in Händels Taufkirche aufgeführt: Am 1. Juni 2017 spielt die Capella Cracoviensis unter der musikalischen Leitung von Jan Tomasz Adamus und ein exzellentes Solistenensemble, bei dem auch Xavier Sabata mitwirkt, in der Marktkiche zu Halle Händels „Deborah“ HWV 51. Die Capella Cracoviensis und Adamus begeisterten schon bei den Händel-Festspielen 2014 das Publikum mit ihrer Interpretation des „Messiah“. Das Libretto zu „Deborah“ schrieb Samuel Humphreys. Händel stellte das Oratorium vorwiegend aus sehr wirkungsvollen Sätzen früher entstandener Werke zusammen. In der Sprache von heute könnte man sagen, „Deborah“ vereint einige von Händels „Greatest Hits“. Die Aufführung wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt. Einige Jahre nach der Arbeit und den Aufführungen von „Deborah“ und nach über 20 Opernspielzeiten in London – nach Erfolgen, Misserfolgen und gesundheitlichen Problemen – erfindet sich Händel neu. Innerhalb drei Wochen schreibt er eines seiner größten Werke: „Messiah“ HWV 56. Die Dubliner Fassung, welche am 13. April 1742 in Dublin in Neale’s Music Hall in der Fishamble Street ihre Uraufführung feierte, wird am 2. Juni 2017 ebenfalls mit Unterstützung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Dom zu Halle vom britischen Solomon’s Knot baroque collective unter der musikalischen Leitung von Jonathan Sells aufgeführt. In Dublin sorgte das Werk schon bei öffentlichen Proben für Begeisterungsstürme und großen Andrang beim Kartenverkauf. Ähnliche Beifallsbekundungen erfuhr auch das Solomon’s Knot baroque collective als es beim Bachfest 2016 als recht unbekanntes englisches Ensemble in Leipzig auftrat. Der kollektive Musiziergeist prädestiniert das Ensemble geradezu, die sparsam instrumentierte, solistische Ur-Fassung des „Messiah“ aufzuführen. Händel überarbeitete das Werk mehrfach. Er führte den „Messiah“ nie wieder so auf, wie er es 1742 getan hatte. Es wurden Stimmen transponiert, Arien gekürzt oder verlängert oder die Reihenfolge geändert. Welche dieser verschiedenen Fassungen die „originale Werkfassung“ ist, lässt sich im Falle Händels nicht beantworten. Umso spannender ist ein Vergleich der Urfassung mit einer Londoner Fassung von 1743. Kein Geringerer als Howard Arman, der Händel-Preisträger von 1996, übernimmt die musikalische Leitung dieses „Messiah“ in der Taufkirche Händels. Unterstützt wird er dabei vom renommierten Ensemble Concerto Köln, dem herausragenden Bayrischen Rundfunkchor und einem großartigen Solistenensemble. Die Aufführung findet am 10. Juni 2017 in der Marktkirche zu Halle statt und wird exklusiv von Lotto Sachsen-Anhalt präsentiert. Die „Johannes-Passion“ erzählt die Leidensgeschichte von Jesus von Nazareth, wie sie im Johannes-Evangelium geschildert wird. Eine Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach ist bekannt, aber selbst eingefleischte Händel-Kenner dürften die Johannes-Passion, die lange Zeit Georg Friedrich Händel zugeschrieben wurde, nicht kennen. Wer aber wirklich der Komponist dieser Passion ist, konnte bis heute nicht geklärt werden. Ein ausgewiesener Fachmann für Alte Musik, namentlich Roland Wilson, ist überzeugt, Händel könnte der Urheber sein. Deshalb stellt er „seinen“ unbekannten Händel mit dem Ensemble Musica fiata am 27. Mai 2017 in der Konzerthalle Ulrichskirche vor. Auch wenn die Johannes-Passion nicht von Händel stammt, wunderbare Musik enthält sie allenthalben. Die Aufführung der kaum bekannten Johannes-Passion wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt.

Die Festkonzerte und internationale Stars
Neben den zahlreichen Opern- und Oratorienaufführungen gibt es bei den Händel-Festspielen 2017 auch fünf außergewöhnliche Festkonzerte zu erleben. In eigenen Galakonzerten präsentieren sich Vivica Genaux mit dem Programm „Il Pianto di Maria“, Ann Hallenberg mit „Carnevale 1729“, Xavier Sabata mit „Furioso“, Sonia Prina mit „Ombra cara“ und Juan Sancho sucht und findet in Händels Werken die „Sieben Todsünden“. Die ECHO Klassik-Preisträgerin Ann Hallenberg feiert mit dem italienischen Ensemble Il Pomo d’Oro venezianischen Karneval. Die schwedische Mezzosopranistin hat sich fest in der internationalen Konzertlandschaft etabliert und begeisterte mehrfach das Publikum der Händel-Festspiele in Halle. Il Pomo d’Oro ist bekannt für seinen frischen und klaren Klang. Man spürt die Leidenschaft der Musiker in der virtuosen Spielweise. Mit Maxim Emelyanychev wird den Zuhörern ein spannendes und energiegeladenes Konzert geboten. Anfang Oktober bekam Il Pomo d’Oro den ECHO Klassik für die Konzerteinspielung des Jahres (Musik des 19. Jh.). Das Konzert am 28. Mai 2017 in der Konzerthalle Ulrichskirche wird von der Kathi Rainer Thiele GmbH unterstützt. Die Altistin Sonia Prina ist eine Spezialistin für Barockmusik und ebenfalls ECHO Klassik-Preisträgerin. Ihre dunkel timbrierte Altstimme wird international gefeiert, so auch wiederholt bei den Händel-Festspielen Halle. Gerade ihre Gestaltung „dunkler Schattengestalten“ sorgten regelmäßig für Standing Ovations – man denke nur an die „Catone“-Aufführung in der Konzerthalle Ulrichksirche bei den Händel-Festspielen 2016. Spannend klingt deshalb auch das Programm bei ihrem Festkonzert am 4. Juni 2017 in der Konzerthalle Ulrichskirche: „Ombra cara“ – „Geliebter Schatten“. Bei diesem Konzert, das die GP Günter Papenburg AG unterstützt, wird sie von Armonia Atenea und George Petrou aus Griechenland begleitet. In der historischen Aula der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wird einer der gefragtesten Countertenöre auf der Bühne stehen: Xavier Sabata. Der Katalane wird „furios“ vom spanischen Ensemble Vespres d’Arnadí unter der Leitung von Dani Espasa begleitet. Am Pfingstmontag gibt im Festsaal der Leopoldina ein international gefeierter Barock-Tenor ein Festkonzert. Juan Sancho stand schon mit vielen hochrangigen Barockensembles auf der Bühne und wurde bei den letzten Händel-Festspielen in der Opernproduktion „Publio Cornelio Scipione“ im Goethetheater Bad Lauchstädt enthusiastisch gefeiert. Der hochgelobte, wandlungsfähige Spanier hat sich etwas Besonderes für das Programm seines Festkonzertes erdacht: Aus verschiedenen Werken Händels filtert er die musikalischen Affekte der sieben Todsünden wie Stolz, Habsucht und Neid. Werke aus Händels italienischer Zeit werden im Konzert „Der Traum von Arkadien“ vom Ensemble Diderot unter Johannes Pramsohler und mit der jungen Sopranistin Maria Savastano am 11. Juni 2017 im Festsaal der Leopoldina zu Gehör gebracht. Das französische Ensemble gilt seit Kurzem als besonders beachtenswerte Newcomer, deren CDs schon häufig mit einer besonderen Hörempfehlung ausgezeichnet wurden. Diese musikalische Reise wird von der TOTAL Raffinerie Mitteldeutschland GmbH unterstützt. Anlässlich von 500 Jahren Reformation kommt unter der Leitung von Steven Sloane eine ökumenische Uraufführung heraus: „Die Deutsche Messe“. Kein Geringerer als Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages und Schirmherr der Händel Festspiele 2014, übersetzte den Text des „Ordinarium Missae“ neu ins Deutsche und Stefan Heucke, der verschiedene Opern komponierte, mit dem Hans-Werner-Henze-Preis ausgezeichnet wurde und mit „Nikolaus Groß“ ein Oratorium schrieb, vertonte es. Zur Einstimmung auf diese spannende musikalische Begegnung im Rahmen des Reformationsjubiläums erklingt Händels monumentales Coronation Anthem „The King shall rejoice“. Das Konzert findet am letzten Tag der Händel-Festspiele im Steintor im Rahmen von „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation“ in Kooperation mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin statt. Das Reformationsjubiläum wird thematisch auch im Konzert „Ein Lutheraner in Rom“ (in Kooperation mit den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen) am 28. Mai 2017 gestriffen. Das international hochgehandelte Ensemble Concerto Romano und Alessandro Quarta begeben sich auf eine besondere historische Klangreise in das Rom des frühen 18. Jahrhunderts: Welche geistlichen Werke hatte Händel dort hören können, die ihn wiederum für sein eigenes Schaffen für die katholische Kirche inspirierten? Die damals gefeierten Komponisten der römischen Hauptkirchen sind uns heute nahezu unbekannt: Pietro Paolo Bencini, Pompeo Cannicciari, Francesco Foggia und Bernardo Pasquini. Das Händel-Festjahr 2017 hat auch viele Neuheiten zu bieten. So findet in der Bartholomäuskirche das Konzert „Alleluja – Amen – Musik zur Andacht für die Marktkirche zu Halle und die Royal Chapel London“ statt. In dem Gotteshaus wurden Händels Mutter von ihrem Vater, dem Giebichensteiner Pfarrer Georg Taust, 1683 mit dem Leibchirurg Georg Händel getraut. Am Pfingstmontag werden vom Ensemble polyharmonique Werke von Georg Friedrich Händel, Friedrich Wilhelm Zachow, Henry Purcell und Samuel Scheidt dargeboten. In der St. Moritzkirche wird es zum ersten Mal ein kostenfreies Nachtkonzert geben. Der kreative Kopf von Bridges to Classics Bernd Ruf spielt auf dem Saxophon und wird von Franz Danksagmüller an der Orgel und mit Elementen der Live Elektronik begleitet. Im Programm „On the Bridge“ verbinden sie Alte und Neue Musik und arrangieren sie neu. Ein interreligiöses Projekt der abrahamitischen Weltreligionen wird am 31. Mai 2017 in der Konzerthalle Ulrichskirche Musik aus dem Judentum, Christentum und Islam vom Mittelalter bis zum Barock präsentieren. Mehmet C. Yeşilçay leitet das mit einem ECHO-Klassik ausgezeichnete und in Halle mehrfach gefeierte Pera Ensemble, den Universitätschor Halle Johann Friedrich Reichardt und die Marktkantorei Halle beim Konzert „One God“. Das unvergleichliche musikalische Erlebnis wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt. Ein weiteres besonderes Konzert bietet die Akademie für Alte Musik Berlin. Sie spielt am 9. Juni 2017 in der Georg-Friedrich-Händel-Halle unter dem Titel „Wassermusiken“ Werke von Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann, Michel-Richard Delalande und Marain Marais. Die Aufführung u. a. der „Wassermusik“ nach der Hallischen Händel-Ausgabe thematisiert die verschiedenen Elemente des Wassers und die Stimmungen des Meeres. Das energiegeladene und kontrastreiche Konzert wird präsentiert von der Halleschen Wohnungsgesellschaft mbH. Im nächsten Jahr stehen auch wieder Exkursionen nach Eisleben und Mansfeld sowie Merseburg und Weißenfels auf dem Festspielprogramm. In der Schlosskirche St. Trinitatis in Weißenfels erklingt zudem „Musik vom Weißenfelser Fürstenhof“. In der Schlosskirche spielte Händel als Kind Orgel. Der Überlieferung nach soll Herzog August begeistert gewesen sein und empfahl Händels Vater, seinem Sohn Musikunterricht zu geben. So wurde Friedrich Wilhelm Zachow, der Kantor der Marktkirche zu Halle, Händels einziger Lehrer. Es werden von Solisten und Instrumentalisten der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar Kantaten von David Heinrich Garthoff und Werke von Johann Beer gespielt. Es ist eine Kooperation mit dem Heinrich-Schütz-Haus Weißenfels.

Die Klassiker und Publikumsmagnete der Festspiele
Die Open Air-Veranstaltungen in der Galgenbergschlucht sind alljährlich die Klassiker bei den Händel-Festspielen. Es sind Event und Familienkonzert zugleich. Das „Bridges to Classics-Konzert“ und das Abschlusskonzert bilden stimmungsvolle Abende in einer atemberaubenden Naturkulisse mit abschließendem Feuerwerk. Nach dem ausverkauften Bridges to Classics-Konzert von 2016 mit Gary Brooker und Geoff Whitehorn von Procol Harum darf man gespannt sein, wer im nächsten Jahr in der eindrucksvollen Kulisse unter der musikalischen Leitung von Bernd Ruf auftreten wird. Bridges to Classics am 10. Juni 2017 wird von MDR Sachsen-Anhalt präsentiert und von den Stadtwerken Halle unterstützt. Das Abschlusskonzert findet seit 1952 regelmäßig in der Galgenbergschlucht statt. Im nächsten Jahr stehen gemeinsam mit der Staatskapelle Halle unter der Leitung von Jan Michael Horstmann der Universitätschor Halle „Johann Friedrich Reichardt“ und der Rundfunkjugendchor Wernigerode auf der Bühne. Traditionell endet das Abschlusskonzert mit Händels Feuerwerksmusik und einem auf die Musik abgestimmten Feuerwerk. Nicht fehlen auf dem Festspielplan dürfen auch die musikalischen Saalefahrten mit der MS Händel und das Wandelkonzert im wunderbaren Botanischen Garten, die in den letzten Jahren echte Geheimtipps geworden sind. Kleine Festspiel-Besucher dürfen sich neben dem Fest für die ganze Familie wieder auf ein Konzert freuen. Hans im Glück oder Die Wette mit dem Teufel ist ein Puppenspiel mit Musik von Georg Friedrich Händel. Das Berliner Ensemble Musitabor gastierte bereits mehrfach im Händel-Haus und sorgte mit seinen Aufführungen immer für große Begeisterung beim Publikum.

Brückenschläge zwischen verschiedenen Musikgenres
Auch bei den Händel-Festspielen 2017 knüpft man an die inzwischen schon traditionellen genreübergreifenden Projekte der letzten Jahre an. Bei der „Baroque Lounge I: Flow“ in der Moritzburg am 28. Mai 2017 begegnen sich zwei verschiedene Musikstile: die Barockmusik und der Jazz. Beide Musikrichtungen werden von Spezialisten ihres Fachs vertreten. Axel Wolf spielt Laute und Theorbe und begegnet Hugo Siegmeth mit Saxophon und Bassklarinette. Am 2. Juni 2017 bei der „Baroque Lounge II: Borrowings“ steht der Berliner Elektronikkomponist, Soundforscher und DJ Johannes Malfatti wieder hinter dem Mischpult und greift die originale Musik des 18. Jahrhunderts auf und verfremdet sie durch vielfältige Spiegelungen, Klangerweiterungen und Soundexperimente. Gemeinsam mit der Violinistin Nadja Zwiener schlägt er neue „Klangwege“ ein. Eine weite musikalische Reise begeht das Sheridan Ensemble am 8. Juni 2017 bei der dritten „Baroque Lounge: Chacona, Lamento, Walking Blues. Metamorphose einer Basslinie über 500 Jahre“. Einen weiteren klanglichen Ausflug erwartet die Besucher beim Konzert „Rejazz greatly“ am 5. Juni 2017. Hier begegnet Händels „Messiah“ der Jazzmusik. Das spannende Projekt in der St. Georgen-Kirche ist eine Kooperation mit Women in Jazz.

Die Internationale Wissenschaftliche Konferenz
Seit den 1960er Jahren gibt es eine enge Zusammenarbeit mit der Musikforschung in Halle. Die gemeinsam vom Musikinstitut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft e. V. und der Stiftung Händel-Haus veranstaltete internationale wissenschaftliche Konferenz findet vom 6. bis zum 7. Juni 2017 im Händel-Haus statt. Zum Motto „Zwischen Originalgenie und Plagiator. Händels kompositorische Methode und ihre Deutungen“ präsentieren sich Referenten aus Deutschland, Großbritannien und den USA. Georg Friedrich Händel hat wie vielleicht kein zweiter Komponist seiner Epoche fremdes Material zur Grundlage seiner Werke genommen und eigenes mehrfach wiederverwendet. Dieses Phänomen, zu seiner Zeit generell nichts Ungewöhnliches, sorgte seit dem 19. Jahrhundert teils für heftige Debatten. Neuere Forschungen geben einen neutralen Zugang, der versucht, einen Überblick über die verschiedenen Bearbeitungsvorgänge zu gewinnen. Zu Beginn der Veranstaltung wird der Internationale Händel-Forschungspreis 2017 verliehen. Die Teilnahme an der Konferenz ist kostenfrei und steht allen Interessierten offen. Eine Voranmeldung ist nicht erforderlich.

Kostenfreie Angebote
Viele Händel-Besucher sind „Wiederholungstäter“ und fasziniert von der Stadt und der Atmosphäre, die während der Festspiele überall zu spüren ist. Und alle machen mit und lassen sich begeistern. Am Donnerstag, dem 25. Mai 2017 (Christi Himmelfahrt) gibt es um 19 Uhr ein Orgelanspiel der Mauer-Orgel im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Willkommen in den Höfen des Kirchentags unterwegs”. Der traditionelle Startschuss der Festspiele fällt am 26. Mai 2017, um 16 Uhr, mit der Feierstunde am Händel-Denkmal. Am Abend bzw. in der Nacht schließt sich die 15. Orgelnacht an. Festgottesdienste finden in der Marktkirche am 28. Mai 2017 und im Dom am Pfingstsonntag (4. Juni 2017) statt. Zum Barocken Familienfest am Pfingstsamstag, dem 3. Juni 2017 lädt die Halleschen Wohnungsgesellschaft mbH ab 15 Uhr auf den Domplatz ein. Es wird ein buntes Programm für alle Altersklassen geboten. Den Höhepunkt bildet um 17 Uhr die Sächsische Bläserphilharmonie mit „Handel for Brass“. Am 10. Juni 2017 findet im Hof des Händel-Hauses wieder das Fest für die ganze Familie statt. Kinder können sich bei unterschiedlichen kreativen und aktiven Angeboten ausprobieren. Die Kathi Rainer Thiele GmbH, die das Fest unterstützt, hat wieder Plätzchen gebacken, die man dekorativ verzieren kann. Außerdem stellt die Kindersingakademie der Stadt Halle unter der Leitung von Marie-Therese Goetzky ihr neues Programm vor. Zu vielen Konzerten gibt es auch wieder kostenfreie Einführungsvorträge von Dr. Erik Dremel in der Glashalle im Händel-Haus. Die Besucher erwarten noch viele weitere kostenfreie Angebote.

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