Pilgernd durch die Stadt – Halles neue Superintendentin besucht Bauwagenprojekt auf der Silberhöhe

Seit Anfang des Monats ist Dr. Ute Niethammer die neue Superintendentin im Evangelischen Kirchenkreis Halle-Saalkreis. Zum Start ihres Dienstes hat sie angekündigt, die Gemeinden nicht nur in Sitzungen kennenzulernen – sondern zu ihnen zu pilgern. Am Samstag stand eine erste Pilgertour auf dem Programm, die sie unter anderem auf die Silberhöhe führte. Dort machte sie Station beim Bauwagenprojekt „Man sieht sich“.

Mitten zwischen Straßenbahn-Haltestelle und Wohnblöcken steht dort eine ungewöhnliche „Kirche“: ein bunt bemalter Bauwagen aus DDR-Zeiten, der längst zum Treffpunkt für Kinder, Familien und Nachbarn geworden ist. Unter freiem Himmel wird hier gespielt, geredet, gefeiert – manchmal auch Theater gemacht. Wer vorbeikommt, bleibt häufig für ein Schwätzchen stehen oder setzt sich an den Tisch vor dem Wagen. „Hier teilen wir unser Leben in guten und schlechten Tagen“, beschreiben die Initiatoren ihr Projekt.

Treffpunkt für Kinder – und Sorgen um die Zukunft

Das Bauwagenprojekt wird von einer Kirchengemeinde gemeinsam mit der Stadtmission Halle getragen. Seit 2019 steht der Wagen auf der Silberhöhe und hat sich zu einer wichtigen Kontaktfläche im Viertel entwickelt. Bis zu 50 Kinder kommen an Spitzentagen vorbei.

Der finanzielle Fortbestand des Projekts ist für dieses Jahr zwar gesichert. Dennoch verfolgen die Verantwortlichen die aktuelle Haushaltsdebatte in der Stadt mit Sorge. Hintergrund sind mögliche Schließungen anderer sozialer Einrichtungen im Umfeld, etwa der Schöpfkelle oder des Kinderschutzbundes mit seinem „Blauen Elefanten“.

Sollten diese Angebote wegfallen, könnte der Andrang am Bauwagen weiter steigen. „Schon jetzt kommen sehr viele Kinder. Mehr könnten wir personell kaum auffangen“, erklärten die Projektverantwortlichen beim Gespräch mit Niethammer.

Hilfe aus der Nachbarschaft

Eine große Stärke des Projekts ist die Unterstützung aus dem Viertel. Nachbarn passen auf den Wagen auf, Vandalismus sei bislang kaum ein Problem gewesen. In den vergangenen Jahren mussten lediglich zweimal kaputte Scheiben ersetzt werden.

Auch Geschäfte aus der Umgebung helfen. In einem nahegelegenen Edeka-Markt stehen Pfandspenden-Boxen, deren Erlöse dem Bauwagen zugutekommen. Zu Ostern stellt der selbstständige Kaufmann Eier bereit, die rund um den Wagen versteckt werden.

Manche Hilfe ist ganz praktisch: Eine ältere Frau aus dem Wohnblock gleich um die Ecke nimmt regelmäßig das Geschirr mit nach Hause und spült es dort. Nach dem Tod ihres Mannes habe sie so eine neue Aufgabe gefunden, berichteten die Ehrenamtlichen.

Wünsche: mehr Platz und Angebote für Jugendliche

Trotz aller Unterstützung gibt es auch Wünsche für die Zukunft. So fehlt ein fester Raum, der als Lager genutzt werden kann. Außerdem würden die Verantwortlichen das Angebot gern ausweiten – etwa auf Freitagabende oder Wochenenden.

Vor allem Jugendliche hätten bislang kaum Möglichkeiten. „Für Jugendliche ist hier nichts“, sagte eine Frau aus der Runde. Sie engagiert sich eigentlich in der katholischen Kirche auf der Silberhöhe, hilft aber auch beim evangelischen Bauwagenprojekt – ein Beispiel gelebter ökumenischer Zusammenarbeit.

Die Folgen fehlender Freizeitangebote erleben die Anwohner immer wieder: nächtlicher Lärm durch Minibikes und Motorroller ohne Auspuff, Sachbeschädigungen oder kleinere Brände. Auch die Drogenproblematik im Viertel wurde angesprochen. In der Nähe der sogenannten „Würfel“ werde gehandelt, berichteten Teilnehmer des Gesprächs. Eine Mutter erzählte zudem, dass ihr Kind bereits in der vierten Klasse im Rahmen eines Elternabends über Alkohol und Betäubungsmittel informiert worden sei.

„Kontaktfläche“ im Viertel

Trotz aller Probleme sehen die Beteiligten den Bauwagen vor allem als Ort der Begegnung. Das Projekt wolle bewusst keine klassischen Hilfsstrukturen aufbauen, sondern einen Raum schaffen, in dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen. „Hier ist eine Kontaktfläche entstanden“, heißt es aus dem Team. Verlässlichkeit sei dabei entscheidend: Der Bauwagen sei da – bei Sonnenschein ebenso wie bei Schneesturm oder in Zeiten, in denen andere Angebote ausfallen.

Das Projekt wurde von der Evangelischen Landeskirche Mitteldeutschlands als sogenannter Erprobungsraum gefördert. Diese Unterstützung läuft jedoch im Sommer 2027 aus, weshalb die Verantwortlichen bereits nach weiteren Spendern suchen.

Pilgertour durch mehrere Gemeinden

Für Superintendentin Niethammer war der Besuch Teil ihrer ersten Pilgertour durch Gemeinden im Süden der Stadt. Nach dem Stopp auf der Silberhöhe führte der Weg weiter zum Gemeindezentrum Beesen, zum Gesundbrunnen sowie zur Luther- und Johannesgemeinde.

Mit ihrer Pilgertour möchte die neue Superintendentin vor allem zuhören – und Orte kennenlernen, an denen Kirche mitten im Alltag der Menschen stattfindet. Der bunt bemalte Bauwagen auf der Silberhöhe gehört zweifellos dazu.

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