„Wiedervereinigungstempel“ und nacktbadender OB: Zukunftszentrum lud zum Jahresempfang

Es gibt noch keinen ersten Spatenstich, keine Baugrube, kein Fundament. Und doch war an diesem Donnerstagabend im Salinemuseum spürbar: Das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation ist längst mehr als eine Idee. Der Aufbaustab hatte zum Jahresempfang geladen – und auch wenn konkrete inhaltliche Details rar blieben, war der politische Wille unüberhörbar.

„Wir befinden uns in einer Werkstattphase“, sagte Holger Lemme, kaufmännischer Geschäftsführer des im Aufbau befindlichen Zentrums. Zwölf Menschen arbeiten derzeit für das Projekt, bis zum Jahresende sollen es 30 sein. Man wolle sichtbarer werden, Programmformate entwickeln, Themen auswählen, erproben, evaluieren und in die Breite tragen. Für die zweite Jahreshälfte ist eine wissenschaftliche Tagung geplant. Noch wird konzipiert, vernetzt, gedacht – aber das Ziel ist klar: Ein Haus der Erinnerung und der Zukunft soll entstehen.

Ein Ort zwischen Erinnerung und Aufbruch

Die Wahl des Veranstaltungsortes war symbolträchtig. Das Salinemuseum, selbst ein Ort industrieller Geschichte, bot den passenden Rahmen für ein Projekt, das Transformation ins Zentrum rückt. In Halle, einer Stadt, die wie kaum eine andere für die Brüche und Chancen der Nachwendezeit steht, soll das Zukunftszentrum gebaut werden – am Riebeckplatz, einem Verkehrsknotenpunkt mit städtebaulichem Sanierungsbedarf.

Elisabeth Kaiser, Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland, spannte in ihrem Grußwort den historischen Bogen weit zurück. „Das Deutschland, das ihr kennt, ist keine Selbstverständlichkeit“, sagte sie mit Blick auf die friedliche Revolution von 1989. Es sei das Ergebnis mutiger Proteste in der damaligen DDR. Demokratie habe keine Ewigkeitsgarantie, mahnte sie. Sie müsse täglich verteidigt und gelebt werden.

Die Umbruchzeit nach der Wende sei für viele Ostdeutsche eine Phase radikaler Veränderungen gewesen: neues Wirtschaftssystem, neue Währung, Arbeitsplatzverlust, berufliche Neuorientierung. „Und obwohl wir als vereintes Land seitdem sehr viel erreicht haben, wirken diese Erfahrungen bis heute nach“, so Kaiser. Viele hätten diese Erlebnisse an ihre Kinder und Enkel weitergegeben.

Dabei sei die deutsche Wiedervereinigung kein isoliertes Ereignis gewesen. Kaiser erinnerte an die Grenzöffnungen in Ungarn und die Protestbewegungen in Polen. In ganz Osteuropa habe eine demokratische Aufbruchstimmung geherrscht. „Das zeigt: Die Europäische Union ist nicht nur ein technischer Zusammenschluss, sondern geprägt von gemeinsamen Werten.“

Geschichte sei eine gesellschaftliche Ressource, sagte Kaiser. Sie stifte Identität und gebe Orientierung. Doch Erinnerung dürfe sich nicht auf Jubiläen beschränken. „Sie braucht einen Ort, der sichtbar und begehbar ist.“ Ein solcher Ort entstehe nun in Halle – architektonisch prägend, international ausstrahlend, als „Haus der Erinnerung und zugleich Zukunftsorientierung“.

Die Arbeit des Zentrums solle auf drei Ebenen stattfinden: wissenschaftliche Forschung, Dialog und Austausch sowie kulturelle Formate. Diese drei Säulen sollten sich gegenseitig inspirieren. Und Kaiser stellte klar: „Der Bund steht fest hinter diesem Projekt.“

Die Suche nach einer positiven Zukunftserzählung

Auch Sachsen-Anhalts Ministerin für Infrastruktur und Digitales, Dr. Lydia Hüskens, bekannte sich deutlich zum Projekt. „Mir fehlt eine positive Zukunftserzählung in Deutschland“, sagte sie. Zu oft verharrten Debatten in Problembeschreibungen, zu selten würden Erfolge gewürdigt.

Sie erinnerte an erste Gespräche mit Halles Bürgermeister Egbert Geier über das Zukunftszentrum und die geplante Umgestaltung des Riebeckplatzes. Anfangs habe sie nur ein beiläufiges „Ja, ja“ gesagt. Doch dann habe sie sich intensiver mit dem Vorhaben beschäftigt. Der Riebeckplatz müsse sich öffnen, damit Gäste sich willkommen fühlten.

Das Zukunftszentrum sei wichtig, „denn wir leben noch viel zu oft in der Vergangenheit, ohne etwas Positives daraus mitzunehmen“. Der Transformationsprozess nach 1990 habe nicht nur Verluste, sondern auch zahlreiche Erfolgsgeschichten hervorgebracht. Diese sollten im Zukunftszentrum erzählt werden – immer wieder.

Zwischen Klischee und Zeitenwende

Für heitere Momente sorgte Halles Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt. In einer Fragerunde vor den offiziellen Grußworten ging es um ein ostdeutsches Klischee: Wer springt nackt in die Ostsee? Viele Arme schnellten nach oben. „Wenn die Sauna direkt am Strand ist …“, kommentierte Vogt augenzwinkernd. Am Wochenende fahre er selbst für ein Wochenende an die Ostsee.

Doch schnell wurde er ernst. Als 2022 die Idee einer Bewerbung Halles aufkam, habe er als Vorsitzender der Europa-Union zwar geworben, aber nicht wirklich an den Erfolg geglaubt. Das änderte sich schlagartig am Valentinstag 2024 um 21.03 Uhr, als die Nachricht von der erfolgreichen Bewerbung eintraf. „Ich habe so laut gejubelt wie zuletzt, als der Hallesche FC in Magdeburg gewonnen hat.“

Am nächsten Morgen sei der Unterricht als Lehrer entsprechend anstrengend gewesen. Und am darauffolgenden Abend habe er in den Tagesthemen ein Interview gegeben – dort habe er den Begriff „Zeitenwende“ benutzt. Für Halle sei die Wende tatsächlich eine gewesen. Der Stadt sei damals „der Boden unter den Füßen weggezogen“ worden.

Der Bezirk Halle sei in der DDR ökonomisch der bedeutendste und von der Bevölkerungszahl her der zweitgrößte gewesen. Halle war ein Ort, an den man zog, um Karriere zu machen. Vogt selbst sei „als privilegierter Ostdeutscher in einer Plattenbauwohnung aufgewachsen“. Doch der Eindruck der Nachwendezeit sei ernüchternd gewesen: heruntergekommene Innenstadt, 35 Prozent Arbeitslosigkeit, Abwanderung Tausender.

Die Entscheidung für das Zukunftszentrum markiere nun einen erneuten Wendepunkt. Bis 2023 seien rund eine Milliarde Euro in Investitionen in der Stadt verbaut worden. Das Zukunftszentrum werde den „Schandfleck Riebeckplatz transformieren“.

Täglich passieren rund 24.000 ICE-Fahrgäste den halleschen Hauptbahnhof. Sie sollen künftig nicht nur durchfahren, sondern Halle wahrnehmen. Vogt zeigt sich überzeugt, dass langfristig bis zu eine Million Besucher jährlich möglich seien – mit entsprechender Kaufkraftwirkung.

Gleichzeitig räumt er ein: Das Projekt müsse erklärt werden. „Ich habe das im Wahlkampf so gemacht: Zukunftszentrum heißt Einnahmen, Einnahmen heißt Geld für Straßen.“ Einfache Botschaften für ein komplexes Vorhaben.

Vom „Wiedervereinigungstempel“ zur Debattenarena

Kritische Stimmen gibt es ebenfalls. Begriffe wie „Wiedervereinigungstempel“ oder „Kranzabwurfzentrum“ seien bereits gefallen, berichtete Andrea Wieloch, die die Ausstellung konzipiert. „Daraus machen wir auf alle Fälle im Programm etwas“, kündigte sie an.

Die friedliche Revolution solle nicht nur symbolisch verhandelt werden, sondern als „Moment größter gesellschaftlicher Erregung“ – als Zeit des Mutes, der Zivilcourage, der Massen auf den Straßen. Zugleich wolle man fragen, wie die Gesellschaft heute verfasst sei. Welche Konflikte, welche Hoffnungen prägen sie? Welche Lehren lassen sich aus den Transformationsprozessen in Ostdeutschland und Osteuropa ziehen?

Das Zukunftszentrum soll kein Museum im klassischen Sinne sein. Es soll Debattenraum sein, Forschungsstätte, Kulturort. Ein Übersetzer zwischen Ost und West, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Deutschland und seinen europäischen Nachbarn.

Werkstattphase mit politischer Strahlkraft

Noch fehlen konkrete Ausstellungspläne, architektonische Details oder ein verbindlicher Zeitplan für den Baustart. Doch die politische Rückendeckung ist deutlich. Der Bund steht hinter dem Projekt, das Land ebenso, die Stadt sieht darin eine historische Chance.

Die Werkstattphase ist dabei mehr als nur ein organisatorischer Zustand. Sie ist Programm. Das Zukunftszentrum will selbst ein lernendes Projekt sein – testen, evaluieren, verbessern.

Vielleicht liegt gerade darin seine Stärke: nicht als fertige Antwort aufzutreten, sondern als offener Prozess. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Gewissheiten brüchiger werden, kann ein solcher Ort zum Resonanzraum werden – für Erinnerung, für Streit, für neue Zukunftsbilder.

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23 Antworten

  1. besogter Bürger sagt:

    eine Schande, dass Leute zu dieser Veranstaltung hingegangen sind und ein „Grinsenden“ Bürgermeister, WEG mit ZZ

  2. Zappelphilipp sagt:

    Das Inhaltslose Geschwafel nimmt weiter zu. Außer bekannten Textbausteinen habe ich nix Substanzielles gefunden.

    • Frager sagt:

      Ist also quasi wie bei dir. Immer der gleiche rückwärtsgewandte Blödsinn und früher war alles besser Geschwafel. Spar dir doch deinen Kommentar wenn du nicht einmal vor Ort warst.

    • da hätte man auch eine Erichkonserve abspielen können sagt:

      „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf ?“
      Diesen Satz immer wieder neu zu interpretieren wird in diesem architektonischen Meisterwerk 100 Geisteswissenschaftler lebenslang beschäftigen.
      Das macht Halle nicht nur zur Kulturhauptstadt v. SAT sondern für ganz Deutschland.

  3. Dino sagt:

    Hat Deutschland/Halle keine echten Probleme…ich stimme den beiden Kommentaren zu.

  4. Rarum sagt:

    Hauptsache Steuergelder werden verbrannt. 30 Leute zu bezahlen, die noch nicht wissen, was ihre Arbeit beinhaltet.
    Nehmt 1 € Jobber, dann kommen wenigstens ein paar Bürgergeldbezieher zu einer Beschäftigung.

  5. Pseudonüm sagt:

    Dass ein OB öffentlich ohne mit der Wimper zu zucken offenlegt, dass er auf einfache Botschaften zu komplexen Sachverhalten setzt, lässt ja tief blicken. So gebärdet sich sonst eher der rechte Rand. Er glaubt doch nicht ernsthaft, dass er die Leute mit „Argumentationsketten“ wie Zukunftszentrum = Geld = Kaufkraft = Einnahmen für Halle abspeisen kann. Entweder ist es da bei ihm selbst intellektuell nicht weit her oder er geht von vornherein davon aus, dass die Menschen auf breiter Front total beschränkt sind. Wenn ich etwas, wovon man sich für die Stadt soviel Strahlkraft verspricht, rein mit Geld, Geld, Geld und nochmal Geld bewerbe, dann habe ich als OB selbst nicht viel von dem Vorhaben begriffen. Das Zukunftszentrum ist tatsächlich erklärungsbedürftig, und bisher hat man die Einwohner der Stadt einfach 0 mitgenommen. Von der Aufbaugesellschaft erwarte ich bei so einem Projekt mit einem massiven Eingriff in die Verkehrsinfrastruktur und einer Beteiligung der Stadt in Millionenhöhe eine weitaus deutlichere und tragfähigere Vision als sie bisher besteht. Ich halte das Zukunftszentrum für richtig, aber man muss dann auch deutlich mehr draus machen als „da kommen dann Millionen Touristen und die kaufen dann alle bei uns ein“. Alle andere bisher Gesagte ist nebulöses Geschwafel. Das ist inhaltlich wirklich armselig.

  6. Irrsinniger sagt:

    Es gibt vor allem noch keine Vernunft in der Stadt.

    Denn es fehlt an sozialen Einrichtungen und deren Stellen für Lehrer, Kindergärtner und Sozialarbeiter jeglicher Art.
    Es fehlt ohne Ende an Geld für soziales Engagement, weil der politische Wille nicht da ist bedürftigen Menschen das Leben zu erleichtern.
    Es fehlt an sozialem Wohnungsbau und bezahlbaren Pflegeeinrichtungen, was wirklich wichtig ist für die Menschen in der Zukunft.

    Aber hier werden für ein vollkommen inhaltsloses Gebäude, ohne jegliches tragfähiges Konzept, hunderte Millionen Euro sinnfrei verpulvert, dafür gleich mehrere Duzend Stellen geschaffen für Leute die absolut nichts produktives Schaffen oder sonst irgendwie was Gesellschaftliches leisten.
    Da fehlt mir es an jeglichem Verständnis!

  7. Emmi sagt:

    „Der Aufbaustab hatte zum Jahresempfang geladen – und auch wenn konkrete inhaltliche Details rar blieben, war der politische Wille unüberhörbar.“
    Veranstaltung zum verschleudern von Steuergeldern.
    Feiern sich selbst…. die Politik.

  8. Denkedenke sagt:

    Statt um „Schnarch“projekte sollte man sich lieber um Halles Zukunfts-Verkehrsprojekte kümmern – s. Hochstraße- und eine B80-Verbindung ab Angersdorf Richtung Osttangende planen.

  9. ... sagt:

    Die feudalherren feiern sich schon wieder.

  10. Nancy sagt:

    Mit einem solchen Projekt wird ein Elfenbeinturm gebaut, der an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen komplett vorbeigeht. Und es wird Geld investiert, welches an anderer Stelle gerade in der jetzigen Zeit viel wichtiger wäre. „Debattenräume, Forschungsstätten und Kulturorte“ gibt es einige in dieser Stadt, denen aktuell die Fördermittel wegbrechen. Für das Zukunftszentrum werden bis Jahresende 30 Leute arbeiten, obwohl es noch nicht einmal ein Baustart gibt. Wow, das muss man sich leisten können. Aber mit „Einfachen Botschaften für komplexe Vorhaben“ (abwertender kann man nicht ausdrücken, dass man die Leute für blöd hält) wird es uns schon begreiflich gemacht werden.

  11. Bürger für Halle sagt:

    Inhaltslose Worte und einfache Losungen (Einnahmen durch das Zukunftszentrum = Ausgaben für Straßen – als hätten wir keine anderen Baustellen), wie Herr Vogt sie propagiert, sind zu wenig für ein Zukunftszentrum und vor allem: Zukuftsverweigernd.

  12. Quarki sagt:

    Immer derselbe Quark. Alle sind mutig. Alles muß verteidigt werden. Jäh!

  13. JM sagt:

    Können Kinder und Beschäftigte aus dem Blauen Elefant ja dort hingehen …ach nee, Kinder sind nicht interessant

  14. Klaus-Dieter Meier sagt:

    Wir sind bei dem Untergang einer dekadenten Gesellschaft live dabei.

  15. Robert sagt:

    Und wann soll das ZZ fertig sein ? Der Termin steht in den Sternen . Hauptsache für die Vorarbeit werden Steuergelder verbraucht .

  16. Siegfried v. d. Heide sagt:

    Sehr schön. , kleine Treffpunkte wie die Grüne Villa werden geschlossen und hier wird Geld für ein Projekt ausgegeben das wohl erst in fünf Jahren irgendetwas wirksames hervorbringen wird. Dank an den netten Herrn Vogt.

  17. Klaus Peter sagt:

    Ich finde das Zukunftszentrum ehrlich gesagt eine riesige Chance für Halle… nicht wirklich als „Wiedervereinigungstempel“, sondern als Ort, wo man endlich mal vernünftig über Wendezeit und Zukunft reden kann – und zwar nicht nur „Ost vs. West“, sondern auch mit Blick auf unsere Nachbarn in Osteuropa. Wenn du Jugend noch mitgebommen wird, ist doch klasse.

    Halle liegt mitten auf der Strecke, jeden Tag fahren Leute vorbei. Warum sollen die nicht auch hier anhalten, diskutieren, was lernen, Kultur erleben? Mal was anderes außer Salz und Halloren. Wenn dadurch der Riebeckplatz aufgewertet wird und ein sichtbarer Treffpunkt entsteht, dann ist das doch gut für die Stadt?!

    In Chemnitz hat man gesehen, was so ein überregionales Kulturprojekt bringen kann – auf einmal wird die Stadt anders wahrgenommen, es entstehen Netzwerke, Aufmerksamkeit und Selbstbewusstsein. Genau so einen Schritt kann Halle jetzt auch machen. Wichtig ist nur: nicht abheben, sondern die Hallenser wirklich mitnehmen.

  18. Sparkurs sagt:

    Was kosten diese „Empfänge“??? Austausch kann in Zeiten klammer Kassen auch „Online“ stattfinden.
    Gespart wird halt vor allem bei sozialen Projekten, Familien und Kindern.

  19. Jan G. sagt:

    Das falsche Vorhaben zur falschen Zeit auch noch mit falschen Versprechungen durchboxen, passt.

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