Von Patriarchat über Sexismus bis Asylpolitik: Frauenkampftags-Demo mit 3000 Teilnehmenden in Halle (Saale) thematisiert globale Ungerechtigkeit

Mit lautstarken Parolen, bunten Transparenten und einer klaren politischen Botschaft haben am Sonntagnachmittag rund 3.000 Menschen in Halle (Saale) den internationalen Frauenkampftag begangen. Das „Bündnis 8. März Halle“ hatte zur Demonstration aufgerufen, die unter dem Motto eines „antifaschistischen Feminismus“ stand.

​Bereits zur Auftaktkundgebung am Marktplatz versammelten sich Menschen aller Altersgruppen, um für Gleichberechtigung und gegen patriarchale Strukturen zu demonstrieren. Die Moderatorinnen Imke und Anna vom Bündnis stimmten die Menge auf den Nachmittag ein: „Wir freuen uns über die Spenden für antifaschistischen Feminismus“, riefen sie unter dem Jubel der Teilnehmer in das Mikrofon. ​Besonderen Wert legten die Organisatoren auf die Inklusivität der Veranstaltung. So wurden die Redebeiträge per „Flüsterübersetzung“ simultan in Sprachen wie Farsi, Ukrainisch, Französisch und Englisch angeboten, um möglichst vielen Menschen die Teilhabe zu ermöglichen.

​Der Demonstrationszug war in verschiedene Sektionen unterteilt, um unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. An der Spitze lief der sogenannte „Flinta-Block“ (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen). Dahinter folgten ein Familienblock mit Kinderbetreuung durch die „Falken“, ein Fahrrad-Block inklusive mobiler Saftbar sowie ein geräuschsensibler Bereich am Ende des Zuges für Menschen, die eine ruhigere Umgebung bevorzugten. 

Vom Marktplatz aus zog der Demonstrationszug über den Franckeplatz zum Riebeckplatz, wo es eine Zwischenkundgebung gab und deshalb der Autoverkehr dort für gut eine Stunde stillstand. Gerufen wurde bei dem Demozug unter anderem „Stoppt Feminzide, man tötet nicht aus Liebe“, „Macker gibt’s in jeder Stadt, bildet Banden, macht sie platt“ und „Gegen Macker und Sexisten, Fight the System“. ​Die Demonstration endete am frühen Abend am Steintor mit einem Auftritt des Feministischen Chors “Fantifa”. Es war ein kraftvolles Signal für eine Stadtgesellschaft, die den Kampf um Gleichberechtigung noch lange nicht als beendet ansieht.

​Neben den politischen Forderungen stand die praktische Solidarität im Fokus. Durch den Verkauf von selbstgenähten und bedruckten Tüchern wurden Spenden für zwei lokale Organisationen gesammelt: den AK Reproduktive Gesundheit des Medinetz Halle sowie Lambda Mitteldeutschland, der queere Jugendliche unterstützt. Trotz der feierlichen Stimmung blieb der ernste Kern des Tages präsent. Die Rednerinnen erinnerten daran, dass viele der behandelten Themen – von reproduktiven Rechten bis hin zu Diskriminierungserfahrungen – belastend sein können. „Wir möchten euch ermutigen, auf eure eigenen Grenzen zu achten. Viele der Themen heute können Frust und Trauer auslösen“, hieß es in der Einleitung zu den Redebeiträgen.

„Eine feministische Perspektive bezieht sich auf alle Lebensbereiche. Sie muss eine intersektionale Perspektive auf Gesellschaft sein“, hieß es unter dem Jubel der in einer weiteren Rede. Es folgtescharfe Kritik an der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS). Die Rednerinnen warnten, dass insbesondere Frauen, Kinder und queere Personen (FLINTA*) unter den verschärften Bedingungen an den EU-Außengrenzen leiden würden. ​„Menschen im Asylverfahren sind dadurch in Gefahr. Sie werden kriminalisiert, sie werden an den EU-Außengrenzen durchleuchtet und können unter haftähnlichen Bedingungen festgehalten werden.“ ​Besonders Frauen, die vor geschlechtsspezifischer Gewalt, Zwangsverheiratung oder Genitalverstümmelung fliehen, verlören durch die Einstufung von Drittstaaten als „sicher“ ihren Schutzraum.

​Mit Blick auf die kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt zeigten sich die Demonstrierenden besorgt. Angesichts von Umfragewerten, die die AfD bei fast 40 % sehen, riefen die Aktivistinnen zum geschlossenen Widerstand auf. Antifeminismus sei ein „zentraler Bestandteil rechtsextremer Ideologien“, der sich im Alltag durch das Erstarken traditioneller Rollenbilder und Angriffe auf queere Lebensweisen zeige, hieß es in einer Rede. ​„Wir lassen unseren Kampf gegen sexualisierte Gewalt und gegen das Patriarchat nicht durch rassistische Narrative vereinnahmen!“

​Trotz der ernsten Themen gab es auch Momente der Zuversicht. Die Entscheidung des EU-Parlaments, den Zugang zu sicheren Abtreibungen (Initiative „My Voice, My Choice“) zu unterstützen, wurde als „riesiger Erfolg für die reproduktive Gerechtigkeit“ gefeiert. Der Forderungskatalog für die Zukunft bleibt dennoch lang. So wurde ein ​Stopp einer Sicherheitspolitik gefordet, die Gewalt statt Prävention fördert. Es brauche ein Gesundheitssystem, das den Menschen statt Profit in den Mittelpunkt stellt. Nötig sei zudem ein ​Auf- statt Abbau des Sozialstaates und eine verlässliche Grundsicherung.

Unter den Rednern ist auch Unke, die an diesem Tag eine stellvertretende Botschaft verliest. Es sind die Worte von „S.“, einer Person, die aus Sicherheitsgründen nicht selbst öffentlich sprechen kann. ​Die Rede, die über die Lautsprecheranlage über den Platz schallt, ist ein direktes Zeugnis von Gewalt und Mut. S., non-binär, queer und als kurdischer Aktivist aus der Türkei geflohen, lässt ausrichten: „Ich musste mein Land verlassen, um zu überleben.“ In der Türkei habe S. Solidaritätsnetzwerke aufgebaut und Unterdrückung dokumentiert, sei dadurch aber selbst zur Zielscheibe geworden – bis hin zu Morddrohungen aus der eigenen Familie. ​Doch die Flucht nach Deutschland brachte nicht die erhoffte bedingungslose Sicherheit. Die Rede spart nicht an Kritik an den aktuellen Zuständen in Sachsen-Anhalt.

​„In Sachsen-Anhalt werden Unterstützungsstrukturen für queere Geflüchtete abgebaut. Mittel werden gekürzt, Schutzräume werden klein“, heißt es im Redebeitrag. ​Besonders eindringlich wird die Botschaft, als es um die Mehrfachbelastung geht, der queere Geflüchtete ausgesetzt sind. Das System stelle diese Menschen doppelt infrage – wegen ihrer Identität und wegen ihrer Existenz. S. betont: „Mein Trauma ist keine Schwäche. Es ist das Ergebnis von Gewalt, von diesem System. Ich bin keine Aktennummer, keine Statistik, keine Belastung. Ich bin ein Mensch.“

​„Ältere Männer haben mich dumm angemacht, mir hinterhergerufen oder mich ungefragt angefasst“, berichtete eine Rednerin von den Erfahrungen junger Frauen aus ihrem Umfeld. Sie schilderte eine Welt, in der bereits 13- oder 14-Jährige mit Sexismus konfrontiert werden. Besonders eindringlich war die Beschreibung der ständigen Angst im öffentlichen Raum: ​„Ich will nicht länger darüber nachdenken müssen, was ich anziehe, um keine dummen Kommentare zu bekommen. Und vor allem werde ich nicht abends die Schlüssel zwischen meine Finger klemmen, nur weil ein Mann auf meine Straßenseite gewechselt ist.“

​Diese „erlernte Gewalt“, so die Botschaft der Rede, dürfe niemals als normal akzeptiert werden. „Irgendwann sagt irgendjemand zu dir: Das ist normal, gewöhn dich dran. Aber ich will mich nicht daran gewöhnen!“ Wie schon in Reden zuvor ging es erneut um die politische Lage. Eine „gesichert rechtsextreme Partei wie die AfD“ bekomme immer mehr Zuspruch, was eine direkte Bedrohung für die Rechte von Frauen sowie trans- und nicht-binären Menschen darstelle. Gefordert wird ein klares politisches Bekenntnis zu den Rechten von Trans- und Inter-Personen. Nötig sei eine ​Stärkung der Jugendarbeit: Diese sei „überlebenswichtig für unsere Demokratie“, um Räume für Diskussion und politische Bildung zu schaffen. Betont wurde zudem eine  untrennbare Verbindung von Frauenrechten und dem Kampf gegen Rechts betont: „Feminismus ist Antifaschismus und Antifaschismus ist Feminismus.“ Die Rednerin schloss mit einer Kampfansage an den Status Quo: Man werde nicht aufhören, „unbequem zu sein, bis sich an diesem Scheißsystem endlich mal was ändert.“ Für die Teilnehmenden in Halle war dieser 8. März kein Tag der Blumen, sondern ein Tag des Widerstands. Der Protest, so machten die Organisatoren deutlich, werde auch an den restlichen 364 Tagen des Jahres weitergehen.

Die junge Ukrainerin Anastasia, die vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen ist, meldete sich ebenfalls zu Wort und schlug eine Brücke zwischen dem feministischen Kampf und dem Widerstand gegen imperiale Gewalt. In ihrer Rede gab Anastasia dem abstrakten Begriff „Krieg“ ein Gesicht. Sie berichtete von Frauen wie Olena, die mit ihrem kleinen Kind in Deutschland in ständiger Unsicherheit lebt, und Iryna, die in der Ukraine geblieben ist und jede Nacht in Angst um ihr Leben verbringt. Diese Schicksale verdeutlichten dem Publikum, dass Frauen im Krieg eine doppelte Last tragen: als Zielscheibe von Gewalt und als tragende Säulen der Flucht und Versorgung. ​Ein zentraler Punkt ihrer Ansprache war die scharfe Kritik an der sogenannten „Russischen Welt“ (Russki Mir). Anastasia warnte eindringlich davor, dieses Konzept als bloße Kulturidee zu missverstehen. In der Realität bedeute es für Frauen in den besetzten Gebieten Zerstörung, totale Gesetzlosigkeit und die Unterdrückung jeglicher Selbstbestimmung. ​Trotz der Schwere der Themen endete die Rede mit einem Appell zur Hoffnung und zum gemeinsamen Handeln. Anastasia erinnerte an ihre Freundin Nadja, die mit nur 21 Jahren zur Waffe griff, um Freiheit und Frauenrechte gegen die Invasoren zu verteidigen.

​„Hört uns zu, solidarisiert euch mit uns und kämpft gemeinsam gegen Patriarchat und Spaltung“, so ihr Aufruf an die Umstehenden. ​Die Rede gipfelte in dem international bekannten Slogan „Schinka, Schittja, Swoboda“ (Frau, Leben, Freiheit). Damit setzte Anastasia ein Zeichen, dass der Kampf der ukrainischen Frauen untrennbar mit dem weltweiten Streben nach Gerechtigkeit und Sicherheit verbunden ist.

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42 Kommentare

  1. Halle-Besucher sagt:

    ich besuche Halle gerne, aber zurzeit macht JEDER in Halle, aus was auch für ein Grund, eine Demo, stande im Stau, ich werde jetzt Halle meiden, Schade

  2. Starke Frau sagt:

    Ich bin es leid, ständig diese gefrusteten Menschen die meinen sie dürfen mich anschreien…macht was aus eurem Leben dann geht der Frust auch weg!

  3. Frau sagt:

    Ich möchte als ganz normale Frau, die arbeitet und eine Familie hat, nicht von diesen Leuten vertreten werden. Eine kleine Minderheit, die meint, für alle sprechen zu müssen.

    • Oma sagt:

      Klasse Kommentar! Kann ich nur zustimmen!

    • Was ist normal? sagt:

      Ach ja. Stutenbissigkeit. Schade, dass ein kleiner privilegierter Teil für einen Großteil an Frauen spricht, die sich unterdrücken lassen müssen (Afghanistan), die sich ausbeuten lassen müssen (Prostitution), deren Vertrauen missbraucht wird vom Normalo Durchschnittsdude (Pelicot), die von toten Seelen benutzt werden (Epstein), die, bevor sie eine Frau werden, bereits Menschenunfreunden ausgeliefert sind (sämtliche Missbrauchsskandale in Schulen, Sportvereinen), oder die einfach umgebracht werden (Femnizide). Falls du es dir anders überlegst, komm doch einfach vorbei und unterstütz‘ uns.

      • A.W. sagt:

        @Was ist normal? Ich bezweifle, dass die Genannten ausgerechnet von Euch vertreten werden wollen.

        • Arbeiter*innenstandpunkt sagt:

          Über einen Aufruf lässt sich streiten. Es als Entschuldigung zu nehmen der Frauentagsdemo in der eigenen Stadt fernzubleiben, taugt es nicht als Grund.

          • Bürger*außenmobilität sagt:

            Doch, klar taugt es als Grund fernzubleiben, wenn man den Inhalten des Aufrufs nicht zustimmt.

  4. Dino sagt:

    Diese Damen haben anscheinend kein selbstbewusstsein oder lange Weile…ich fühle mich als Frau nicht benachrichtigt und muss nicht ständig im. Mittelpunkt stehen.

  5. Mutter sagt:

    Ich möchte als arbeitende Mutter mut Familie, ganz normal nur in Teilzeit, mit mehr Carearbeit als mein Partner und Mental Load, von diesen Frauen mindestens vertreten werden, wenn ich nicht selbst hingehe. Erst Recht seit ich das gruselige Programm der AgD kenne. Frauen dollen da noch mehr in Carearbeit zurück gedrängt werden.

  6. Petra sagt:

    Die Gleichberechtigung und Teilhabe von Frauen muss dringend verbessert werden! Vor allem der Wehrdienst muss gleichberechtigt werden und auch bei Arbeitsplätzen der Müllentsorgung, bei der Altmetallverwertung und im Tiefbau müssen Frauen endlich mit Quotenregelung untergebracht werden.

  7. wer sonst sagt:

    Monthy Python hat es richtig erkannt, schon damals

    https://www.youtube.com/watch?v=GryQiamGxpY

  8. Barbara die Bar bezahlt sagt:

    Selbst zum Sonntag gehen die Menschen hier einen aufn Sack. Gestern erst Demo in der Straße….heute wieder. Es nervt. Drei Kreuze noch 3 Wochen dann bin ich weg aus dieser Stadt

  9. Neustädter sagt:

    Vom Prinzip her finde ich die Demo gut! Sie sollte aber auch nach Ha-Neu und am islamischen Zentrum vorbei führen!

  10. Die Ölv 11 sagt:

    Ich finde es gut, daß diese Frauen demonstrieren konnten. Ich denke, daß es ein Erlebnis für sie war, an das sie bis nächstes Jahr voller Freude und Stolz denken werden sowie ihnen ihr Selbstbewusstsein gestärkt hat.

  11. Hil sagt:

    Schön zu sehen dass hier Männer und Frauen regen Austausch pflegen. Aber hat man auf der Demo auch Frauen aus dem arabischen oder wenigstens türkischen Raum gesehen? Nicht eine. Also geht erstmal in die Richtung und klärt diese Männer über die Gleichberechtigung auf.

  12. Meri sagt:

    Also ich bin froh, dass es Gruppen gibt, die sich für die Rechte von Frauen einsetzen. Hilft doch am Ende hoffentlich allen weiter! Außer vielleicht denen, die sich eine Frau gerne als Dienerin am Herd halten wollen…

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