Halle (Saale) wächst nur durch Zuzug: Ausländeranteil steigt auf 14,8%, an Grundschulen auf 44%

Während weite Teile Sachsen-Anhalts mit den Herausforderungen einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung kämpfen, zeichnet das aktuelle Integrationsmonitoring 2025 für Halle (Saale) ein anderes Bild. Die Stadt wächst, sie wird jünger und sie wird internationaler. Die statistische Auswertung der Jahre 2020 bis 2024 offenbart eine Dynamik, die ohne den Zuzug von Menschen aus dem Ausland kaum vorstellbar wäre. Während die Zahl der Einwohner mit deutscher Staatsangehörigkeit kontinuierlich sinkt – ein Trend, der sich auch im negativen Wanderungssaldo von zuletzt 948 Personen im Jahr 2024 widerspiegelt – fungiert die Migration als entscheidender Stabilisator. Mit rund 243.452 Einwohnern steht Halle heute robuster da als viele andere Kommunen im Osten Deutschlands. Der Anteil der halleschen Bürger ohne deutschen Pass ist in diesem kurzen Zeitraum markant von 10,4 % auf 14,8 % gestiegen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Verjüngungseffekt. Die deutsche Bevölkerung in Halle altert rapide, was zu einer Lücke im erwerbsfähigen Alter führt. Diese Lücke wird fast deckungsgleich durch die zugewanderte Bevölkerung geschlossen. Während bei den Deutschen die Gruppe der 18- bis 65-Jährigen zwischen 2020 und 2024 um 4.871 Personen schrumpfte, wuchs die ausländische Bevölkerung in genau diesem Segment um stolze 8.187 Personen an. Syrien stellt dabei mit 7.309 Personen weiterhin die größte Gruppe dar, gefolgt von der Ukraine, deren Anteil durch den fluchtbezogenen Zuzug seit 2022 sprunghaft auf rund 5.000 Personen anstieg.

Der Hallesche Westen, insbesondere Neustadt, ist nach wie vor der häufigste Wohnort für Migrantinnen und Migranten und weist den höchsten Anteil ausländischer Einwohner auf. Der Anteil stieg hier von 19,9 % im Jahr 2020 auf 28,0 % im Jahr 2024. In absoluten Zahlen bedeutet dies einen Zuwachs von 10.453 auf 15.122 nichtdeutsche Einwohner. Diese hohe Konzentration wird auf die gute Infrastruktur, bestehende Netzwerke und die Verfügbarkeit von günstigem Wohnraum zurückgeführt. Im Süden der Saalestadt war in den Jahren 2022 und 2023 einer der höchsten Zuzüge zu verzeichnen, insbesondere durch ukrainische Staatsangehörige. Die Zahl der ausländischen Bewohner verdoppelte sich nahezu von 3.108 auf 5.944 Personen. Während die Gesamteinwohnerzahl im Süden um 1.700 Personen sank, stieg der Ausländeranteil signifikant an. In der Inneren Stadt zeigt sich ein vergleichsweise stabiler und weniger dynamischer Wachstumstrend. Der Anteil ausländischer Einwohner stieg moderat von 9,1 % auf 11,3 %. Dennoch ist die absolute Zunahme mit 2.262 Personen (auf insgesamt 11.230) beachtlich, auch wenn die Dynamik seit 2023 nachgelassen hat. Die insgesamt geringsten Anteile ausländischer Bevölkerung gibt es im Norden, hier stieg der Anteil von 4,0 % auf 7,1 % (ein Plus von 850 Personen), während die Gesamteinwohnerzahl dort um 1.100 Personen sank. Im Osten erhöhte sich der Anteil von 5,6 % auf 8,8 %, wobei hier seit 2024 bereits wieder ein leichter Rückgang zu beobachten ist.

Das Klassenzimmer als Spiegel der Gesellschaft

Wenn man die Zukunft der Stadt verstehen will, muss man in die Grundschulen blicken. Hier zeigen sich die Veränderungen am deutlichsten. Die Zahl der ausländischen Grundschüler ist von 1.399 im Schuljahr 2020/21 auf 2.186 im Schuljahr 2024/25 angewachsen. Damit stellen ausländische Kinder etwa 44 % der Schülerschaft in den Grundschulen. Diese Entwicklung stellt das Bildungssystem vor enorme Herausforderungen, bietet aber auch die Chance, eine neue Generation echter Hallenser heranzuziehen.

Die Verteilung auf die verschiedenen Schulformen bleibt jedoch ein kritischer Punkt der Analyse. Zwar steigen die absoluten Zahlen der ausländischen Schüler an Gymnasien erfreulicherweise an – von 386 auf 704 Schüler –, doch ihr relativer Anteil an dieser Schulform verharrt bei etwa 14 %. Der Bericht macht deutlich, dass der Bildungserfolg nicht allein von der Herkunft abhängen darf. Um die Potenziale dieser jungen Menschen zu heben, bedarf es einer massiven Stärkung der sprachlichen Bildung direkt ab dem ersten Schultag. Es geht nicht nur darum, Deutsch als Fremdsprache zu lehren, sondern die Sprache als Werkzeug für den Zugang zu Mathematik, Naturwissenschaften und gesellschaftlicher Teilhabe zu vermitteln. Nur wenn der Übergang von der Grundschule auf weiterführende Schulen unabhängig von der Herkunftssprache gelingt, kann die Stadt langfristig von dieser jungen Generation profitieren.

Der Arbeitsmarkt: Zwischen Fachkräftemangel und Barrieren

Ein zentrales Kapitel des Monitorings widmet sich dem Arbeitsmarkt, der sich in einem Spannungsfeld befindet. Einerseits rufen Unternehmen händeringend nach Arbeitskräften, andererseits finden viele Neuzugezogene noch nicht den Weg in eine dauerhafte, qualifizierte Beschäftigung. Ein Hauptproblem stellen die oft starren Anforderungen an die Sprachkenntnisse dar. Viele Geflüchtete und Migranten stecken in einer Warteschleife fest, weil die Übergänge zwischen den verschiedenen Sprachkursen nicht nahtlos funktionieren.

Die Verwaltung mahnt an, dass Monate des Wartens dazu führen, dass bereits Gelerntes wieder vergessen wird. Die sogenannten Job-Berufssprachkurse (Job-BSKs), die parallel zur Arbeit stattfinden, werden bislang zu selten genutzt. Arbeitgeber sind hier gefordert, mutiger zu sein und auch Menschen einzustellen, deren Deutschkenntnisse noch nicht perfekt sind, sie aber während der Arbeit gezielt weiterzuqualifizieren. Besonders bei Frauen mit Migrationsgeschichte liegt ein riesiges Potenzial brach; ihr Anteil an der Erwerbstätigkeit ist bisher geringer als der ihrer männlichen Landsleute. Hier braucht es flexible Modelle zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um diesen Talenten den Weg in den halleschen Arbeitsmarkt zu ebnen.

Soziale Teilhabe: Das Fundament des Zusammenhalts

Jenseits von Statistiken zu Bildung und Arbeit entscheidet sich das Gelingen von Integration im alltäglichen Miteinander und in der sozialen Infrastruktur der Stadt. Das Monitoring 2025 unterstreicht, dass soziale Teilhabe weit mehr ist als die bloße Abwesenheit von Konflikten. In Halle zeigt sich eine differenzierte räumliche Verteilung: Während Stadtteile wie Neustadt oder Silberhöhe mit einem Ausländeranteil von bis zu 28 % traditionell Ankunftsquartiere sind, verstetigen sich soziale Netzwerke mittlerweile im gesamten Stadtgebiet. Diese räumliche Dynamik erfordert eine passgenaue soziale Arbeit, die über Sprachgrenzen hinweg agiert. Ein zentraler Pfeiler sind hierbei die über 40 Migrantenorganisationen und Initiativen, die in Halle aktiv sind. Sie fungieren als Brückenbauer und bieten niedrigschwellige Beratungsangebote an, die von der öffentlichen Verwaltung allein oft nicht in dieser Tiefe geleistet werden können.

Die soziale Lage vieler Neuzugezogener bleibt jedoch prekär, insbesondere in der ersten Phase nach der Ankunft. Der Bericht weist darauf hin, dass der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum und die psychosoziale Unterstützung, besonders für Geflüchtete mit traumatischen Erlebnissen, wesentliche Faktoren für eine gelingende soziale Integration sind. Hierbei spielt das Ehrenamt eine unschätzbare Rolle: Tausende Hallenser engagieren sich in Patenschaftsprogrammen oder begleiten Geflüchtete bei Behördengängen. Um diesen sozialen Zusammenhalt langfristig zu sichern, empfiehlt das Monitoring eine noch engere Verzahnung zwischen staatlichen Stellen und der Zivilgesellschaft. Ziel ist es, „Echokammern“ zu verhindern und Orte der Begegnung zu schaffen, an denen das „Wir-Gefühl“ der Händelstadt für alle Bewohner erlebbar wird – unabhängig davon, ob sie seit Generationen hier leben oder erst seit wenigen Monaten. Die soziale Integration wird somit zum Gradmesser für die Resilienz der gesamten Stadtgesellschaft gegenüber spalterischen Tendenzen.

Soziale Sicherung: Zwischen Unterstützung und dem Weg in die Eigenständigkeit

Ein wesentlicher Aspekt des Integrationsmonitorings ist die Analyse der sozialen Sicherungssysteme, die als Sicherheitsnetz für Menschen in prekären Lebenslagen dienen. Die Daten zeigen hier eine differenzierte Inanspruchnahme verschiedener Leistungsarten. Ein deutlicher Schwerpunkt liegt bei den Leistungsberechtigten nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG). In Halle ist die Zahl der Empfänger dieser Leistungen durch die Fluchtbewegungen der letzten Jahre – insbesondere aus der Ukraine und Syrien – auf einem Niveau geblieben, das die kommunale Verwaltung vor logistische Aufgaben stellt. Während im Jahr 2020 noch rund 2.300 Personen Leistungen nach dem AsylbLG bezogen, schwankten diese Zahlen im Beobachtungszeitraum stark und spiegeln die Dynamik des aktuellen Fluchtgeschehens wider. Diese Leistungen sichern das physische Existenzminimum während des laufenden Asylverfahrens oder bei einer Duldung.

Ein weiterer Pfeiler ist die Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) mit 972 Personen. Hier zeigt das Monitoring, dass der Anteil ausländischer Bezieher an der Gesamtzahl der Regelleistungsberechtigten gestiegen ist. Dies wird im Bericht jedoch nicht als dauerhafter Zustand, sondern als Übergangsphase gewertet: Viele Neuzugezogene befinden sich in Sprach- oder Qualifizierungsmaßnahmen, die eine unmittelbare Arbeitsaufnahme verzögern. Sobald jedoch die sprachlichen Hürden überwunden sind, zeigt sich eine hohe Motivation zum Ausstieg aus dem Leistungsbezug.

Ergänzend dazu spielt die Hilfe zum Lebensunterhalt (HLU) mit 1.611 Menschen sowie die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem SGB XII eine Rolle. Zwar sind die Fallzahlen hier im Vergleich zum SGB II deutlich geringer, dennoch weist das Monitoring auf eine wachsende Gruppe älterer Migranten hin, die aufgrund lückenhafter Erwerbsbiografien im Herkunftsland oder in Deutschland auf ergänzende Leistungen angewiesen sind.

Die Stadtverwaltung verfolgt hierbei das Ziel, die Verweildauer in den sozialen Sicherungssystemen durch gezielte Beratung und Arbeitsmarktintegration so kurz wie möglich zu halten. Das Monitoring unterstreicht, dass der Bezug von Sozialleistungen oft direkt mit dem Aufenthaltsstatus und dem Zugang zu Integrationskursen korreliert. Eine Beschleunigung dieser Verfahren, so die zentrale Erkenntnis, ist der effektivste Weg, um die finanzielle Abhängigkeit zu verringern und die Menschen in eine selbstbestimmte wirtschaftliche Existenz zu führen. Damit wird die soziale Sicherung nicht nur als bloße Transferleistung verstanden, sondern als Sprungbrett in den regulären Arbeitsmarkt.

Integration als Investition: Die Erkenntnisse der Verwaltung

Die Erkenntnisse aus dem Monitoring fließen direkt in die politische Gestaltung der Stadt ein. Es wird klar, dass Integration kein Projekt ist, das man irgendwann abschließt, sondern eine dauerhafte Querschnittsaufgabe. Ein wichtiger Indikator für das Ankommen in der Gesellschaft ist die Einbürgerung. Die Zahl der Menschen, die den deutschen Pass annahmen, hat sich in Halle von 171 im Jahr 2020 auf 747 im Jahr 2024 mehr als vervierfacht.

Doch die Verwaltung erkennt auch, dass die Informationswege verbessert werden müssen. Das deutsche System der dualen Ausbildung beispielsweise ist in vielen Herkunftsländern völlig unbekannt. Hier muss die Stadt noch viel mehr Überzeugungsarbeit leisten, um die Vorteile einer beruflichen Ausbildung gegenüber einem rein akademischen Weg aufzuzeigen. Auch regional gibt es Unterschiede: Während der Hallesche Westen mit einem Ausländeranteil von 28 % der häufigste Wohnort bleibt, verzeichnet auch der Süden durch den Zuzug ukrainischer Staatsangehöriger eine wachsende Internationalität.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Halle ohne die Zuwanderung der letzten Jahre vor einer demografischen Sackgasse stünde. Ohne die Migration der Jahre 2022 und 2023 wäre die Gesamtbevölkerung in Sachsen-Anhalt um rund 20.000 Personen stärker gesunken. Die Migranten bringen die Jugend und die Dynamik mit, die eine Stadt braucht, um lebendig zu bleiben. Doch die Früchte dieser Entwicklung lassen sich nicht ohne Anstrengung ernten. Die Investition in Bildung ist die wichtigste Rendite für die Zukunft. Wenn es gelingt, die Kinder der Zuwanderer erfolgreich durch das Schulsystem zu führen und die Erwachsenen schneller in Arbeit zu bringen, wird Halle gestärkt aus diesem Transformationsprozess hervorgehen.

Integration wird im Bericht als „wechselseitiger Prozess“ beschrieben. Es erfordert die Offenheit der halleschen Wirtschaft und der Zivilgesellschaft ebenso wie die Anstrengung derer, die neu zu uns gekommen sind. Das Integrationsmonitoring 2025 ist somit mehr als eine Datensammlung; es ist ein Fahrplan für eine Stadt, die verstanden hat, dass ihre Vitalität im 21. Jahrhundert untrennbar mit ihrer Weltoffenheit verbunden ist. Das Integrationsleitbild soll bereits 2026 neu konzipiert werden, um diesen Weg konsequent weiterzugehen

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Eine Antwort

  1. 10010110 sagt:

    Der Artikel, bzw. Bericht, stellt das so dar, als wäre das eine wünschenswerte und unumkehrbare Entwicklung. Fragwürdiges Framing. 🤔

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