Vom Provisorium zum Zentrum – Die Geschichte des Südstadtring 90
Wie das Südstadt-Center zum Herzstück im Halles Süden wurde
Es begann nicht mit Glasfassaden, Rolltreppen und großen Leuchtreklamen. Es begann mit einer Halle.
Am 27. Mai 1992 berichtete der damalige MZ-Saale-Kurier über ein Provisorium im Süden Halles. „Auf dem Papier ist die Halle schon wieder weggerissen“, lautete die Überschrift. Der Kaufland-Markt sei lediglich als Übergangslösung gedacht – ein Sofortverkauf, um schnell Versorgung zu schaffen und Arbeitsplätze zu sichern. Heinz Kurth erklärte damals gegenüber der Zeitung, es sei wichtig gewesen, „schnell einen Sofortverkauf einzurichten. Schließlich wurden dadurch Arbeitsplätze geschaffen.“ Was für viele heute wie eine Randnotiz wirkt, war damals ein sichtbares Zeichen des Umbruchs.
„Man kam rein – und hatte alles“
Eine 68-jährige Hallenserin erinnert sich noch gut an diese Zeit: „Als 1992 Kaufland anfing zu bauen, verkauften sie in einer Halle. Man kam nach der Wende rein – und hatte alles. Es war wie im Schlaraffenland.“
Sie wohnte bereits damals im Viertel. Für viele Menschen aus der „Frohen Zukunft“ sei das Center über die Straßenbahnlinie 1 bequem erreichbar gewesen. „Man steigt ein, fährt ein wenig, steigt aus und hat alles an einem Ort.“ Gerade für ältere Menschen sei diese Bündelung aus Einkaufsmöglichkeiten, Ärzten und Dienstleistungen existenziell gewesen. Mit der Schließung verlor sie nicht nur ihren gewohnten Einkaufsort – sondern auch ihre ärztliche Versorgung im Center.

Quelle: Bundesarchiv: BW 15 Bild-F-48-91-00204
Das Provisorium im Mai 1992
Der MZ-Artikel beschreibt die Halle als bewusst temporäre Lösung. Noch 1994 sollte der eigentliche Bau beginnen – mit Hotel, Einkaufszentrum, Parkhaus, Büros. Der Stadtrat der Stadt Halle stimmte am 27. Januar 1993 in Punkt 7 der Tagesordnung mehrheitlich dem Aufstellungsbeschluss zum Vorhaben- und Erschließungsplan Nr. 18 „Einkaufszentrum Halle-Südstadt, Wilhelm-Pieck-Ring“ zu. Damit war der politische Grundstein für das heutige Gebäude gelegt.
„Es war wie im Westen einkaufen“
Wilfried Rohde (ca. 75), der seit Jahrzehnten im Viertel lebt, beschreibt die Zeit davor: „Da war Ödland. Rohre lagen meterhoch. Der heutige Weg vor dem Center war ein Radweg. Die Anlieferzone gab es nicht.“
Er erinnert sich noch genau an die Halle: „Das war ungewöhnlich für Ostzeiten. Überall in der Stadt standen solche Provisorien. Da merkte man: Das ist ein West-Händler.“ Als das Parkhaus stand, sei die Halle dorthin umgezogen.
Und dann kam der eigentliche Bau. „Es war neu, sauber, hell. Rolltreppen, große Lampen. Für uns war das, als würde man als Ostbürger im Westen einkaufen gehen.“ Die Regale waren plötzlich voll mit Produkten, die viele nur aus Werbung kannten. „Man kaufte Jacobs statt Rondo. Man wollte probieren.“
Kindheit zwischen Getränkemarkt und Bockwurst
Robin (heute 34) war damals vier oder fünf Jahre alt. „Bevor das Center stand, war da diese Blechhütte. Abends hörte man bis in die Veszpremer Straße die Frösche – das war noch Sumpfgebiet.“ Den Bau konnte er von seiner Wohnung aus beobachten. Mit der Eröffnung sei alles „absolut mega“ gewesen: der riesige Getränkemarkt, der Baumarkt im Untergeschoss – und der Bockwurst-Stand. „Bei jedem Einkauf war der Halt am Bockwurst-Stand ein Muss. So lecker habe ich nie wieder eine gegessen.“ Er erinnert sich an Flohmärkte auf dem Parkplatz, an jährlichen Weihnachtsbaumverkauf – und an eine Monstertruck-Show. „Das war nicht nur ein Einkaufsort. Das war ein Erlebnis.“
Drei Alltagsnutzer – drei Lebensrealitäten
Neben den Zeitzeugen berichten auch heutige Anwohner von den Folgen der Schließung. Eine Anwohnerin im näheren Umfeld beschreibt die Schließung als Wegbruch einer wichtigen Nahversorgung. „Dadurch, dass bis Anfang Februar noch alles an einem Ort war, muss ich jetzt bis in die Stadt. Mit Kindern ist das nicht immer einfach. Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, habe ich jeden Freitag mit meiner Oma im Restaurant gefrühstückt, waren einkaufen und dann ging jeder seine Wege“.
Ein Junger Mann (22 J.) beschreibt, es kurz: „Es war das beste, was wir im Viertel hatten. Der Wegfall des Centers macht einen schon Sorgen.“ Ein Schüler beschreibt die Situation ähnlich. Für ihn war das Center ein Alltagsort. Er holte sich regelmäßig frühstück oder Mittag. Sein Friseur war im Center. „Wenn man mal schnell Schuhe, Medikamente oder Verbandsmaterialien benötigte, ging man eben schnell ins Center“, sagte er. Was sich durch alle Gespräche zieht: Das Center war kein Luxus. Es war Infrastruktur.
Verkehrsknoten mit Geschichte
Die Anbindung entwickelte sich über Jahrzehnte. Bereits am 10. Juli 1977 wurde die Straßenbahnstrecke von der Paul-Suhr-Straße zum S-Bahnhof Südstadt in Betrieb genommen. Damit war der erste infrastrukturelle Grundstein gelegt. Der spätere Verknüpfungspunkt Veszpremer Straße – heute moderner Umsteigepunkt – wurde im Rahmen des Stadtbahnprogramms Halle zwischen 2016 und 2018 umfassend neu gebaut. Der Stadtrat hatte 2014 den entsprechenden Beschluss gefasst. Heute kreuzen sich hier mehrere Straßenbahn- und Buslinien. Der Standort blieb über Jahrzehnte ein zentraler Knoten im halleschen Nahverkehr.
Mehr als ein Gebäude
Das Center trug lange den Namen „Kaufland-Center“. Erst nach dem Verkauf verschwand der Schriftzug vom Dach, das Gebäude wurde zum „Südstadt-Center“. Mit dem Namen änderte sich die Eigentümerstruktur – nicht aber die Rolle für das Viertel. Für viele war es Treffpunkt, Versorgungsort, sozialer Raum. Für einige ist es Kindheit. Für andere Lebensgrundlage. Für wieder andere schlicht Gewohnheit.
Was bleibt
Die Halle von 1992 war als Provisorium gedacht. Das Gebäude von 1996 als Zukunft. Heute stehen die Türen geschlossen. Doch in den Erinnerungen lebt es weiter – als Ort des Umbruchs, des Aufbruchs und des Alltags. Geschlossene Türen erzählen Geschichten. Und manchmal beginnt alles mit einer Halle.









Tja, so war das damals, eine Aufbruchstimmung, ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer, Optimismus.
Geblieben ist davon nichts.
Welche Firma macht als nächste dicht? Wo werden wieder Leute rausgeschmissen?
Welche Steuern werden als nächste erhöht?
Wo wird als nächstes gekürzt, weil ja „kein Geld“ da ist?
Ich erinnere mich auch noch an die Monster- Truck-Show, so etwas hatten wir bisher ncht gesehen.
Nach meiner Meinung ist das Südstadt-Center eine Einrichtung, die neu geschaffen, auch wirklich von den Hallensern voll angenommen wurde im Gegensatz zum Rondell am Riebeckplatz und dem „Ritter“- Zentrum.Das Charlottenzentrum gehört auch dazu. Mit großem Ram- Tam eröffnet, die Hallenser staunten, waren teils auch sichtlich begeistert, aber schrittweise ging es mit der Nutzung, den Angeboten und dem Interesse der Käufer bergab, ebenso betrifft das den oberen „Boulevard“, unserer Leipziger Straße.
Nicht so das Südstadt- Center. Ich schätze ein, dass dafür das reichhaltige
und preislich günstige Angebot von Kaufland „schuld“ war und eben auch die anderen Geschäfte alles andeere anboten, was man so braucht: Blumen, Friseur, Imbiss, Ei9sdiele, Drogerie, alles für Struppi und Miez……
Ich kann nur appellieren, dass schnellstens die Misstände an Brandschutz, an Hygiene in Ordnung gebracht werden und auch die Besucher auf ihre eigene Ordnung achten, aiuf ihr Beneh,men, denn es ist ja bekannt: Wie es in den Wald hinein… Na, das wisster je, odder nich? Denn sachichs eich bein nächsten Mah!
Man kann heute ALLES im Internet erledigen. Arzt per Videosprechstunde. Lebensmittel bei REWE oder EDEKa.Apotheken….. So ein Haus ist nicht mehr Zeitgemäß. Die Center gehen überall den Bach runter.
Ich möchte sehen, wie ein älterer Mensch alleine sich zurechtfindet. Es ist vielleicht nicht schwer, aber man muss es erstmal erklärt bekommen.
Amazon
„Was sich durch alle Gespräche zieht: Das Center war kein Luxus. Es war Infrastruktur.“
Das fasst den Eindruck im Stadtteil gut zusammen. Der Ball liegt jetzt beim Eigentümer.
Zahllose Menschen fragen sich, wie es weitergeht. Wenn dann zugleich eine Einrichtung wie der Blaue Elefant schließen muss, entsteht im Süden zurecht der Eindruck: Hier geht etwas kaputt und unser Stadtteil hat keine Lobby. Die Vorgänge dahinter sind komplex (privater Eigentümer beim Südstadt Center vs. öffentliche Finanzierung beim Blauen Elefanten, strukturelle Unterfinanzierung tausender Kommunen in ganz Deutschland, …). Am Ende zählt für Menschen vor Ort aber: wie beeinflusst das mein Leben?
All das ist nicht einfach zu lösen. Es gibt zugleich durchaus gute Nachrichten in der Stadt. Der Markt wird mit altem Kaufhof langsam wieder belebt, das Bahn-Museum öffnet wieder. Als nächstes brauchen wir gute Nachrichten für den Süden.
Für den Eigentümer (der wievielte???) hat sich das erledigt. Der hat seine damaligen Investitionen sicher wieder reingeholt, jetzt müsste er wohl mehr reinstecken als er erlöst.
Und wenn man nach dem Eigentümer googelt, was hat der überall versprochen, was ist draus geworden???
That’s Kapitalismus! Konjunktur – Krise (Krieg)
Man braucht zwar nicht unbedingt Nagelstudio, Friseur,… in fußläufiger Entfernung. Aber Nahversorgung ist Daseinsfürsorge! In kleineren Gemeinden kümmert sich oft der Bürgermeister, dass zumindest ein Verkaufswagen vorkommt.
Die Stadt hat doch die Wirtschaftsförderung. Was machen die???
Naja, aber ganz ehrlich: Bei DEM Eigentümer würde ich nichts mehr erwarten. Der hat die Bude ausgesaugt und nun „habe fertig!“.
Alles Andere ist Wunschdenken.
Sorry!
Umbruch nennt man so was