„Zwei Viertel, eine Gemeinschaft“: Protest für das Südstadt-Center in Halle – Anwohner zweifeln Aussagen des Eigentümers an

Es ist ein kühler Freitagnachmittag am Südstadtring, doch die Stimmung ist entschlossen. Rund 70 Menschen haben sich vor dem geschlossenen Südstadt-Center versammelt. Auf Plakaten stehen Slogans wie „Wir sind laut, weil ihr uns den Einkauf klaut“ und „Zwei Viertel, eine Gemeinschaft“. Die Kundgebung ist Ausdruck wachsender Sorge – und eines klaren Signals: Die Südstadt und die Silberhöhe wollen ihr Stadtteilzentrum nicht kampflos aufgeben.

Seit zwei Wochen ist das Einkaufszentrum wegen erheblicher Brandschutzmängel gesperrt. Für viele Anwohner kam die Schließung abrupt. Die Geschäfte mussten von einem Tag auf den anderen dichtmachen, Beschäftigte verloren ihre Arbeitsplätze, Kunden ihre gewohnte Anlaufstelle. Inzwischen hat der Eigentümer angekündigt, innerhalb der kommenden drei Wochen umfangreiche Baumaßnahmen durchführen zu wollen. Doch Skepsis bleibt.

Ein Gebäude – zwei Stadtteile

Organisiert wurde die Kundgebung von Anwohner Daniel Mahler. Das Motto „Zwei Viertel, eine Gemeinschaft“ ist bewusst gewählt. „Es geht hier nicht nur um ein Gebäude, es geht hier um zwei Stadtteile“, sagt Mahler ins Mikrofon. Südstadt und Silberhöhe seien ohnehin oft strukturell benachteiligt. Der Wegfall des Centers verschärfe diese Entwicklung. „Die Leute hier im Viertel brauchen eine Anlaufstelle“, betont er. Das Südstadt-Center sei weit mehr als ein Ort zum Einkaufen. Hier befänden sich die Stadtteilbibliothek, Arztpraxen, Therapiezentren, eine Apotheke, Vereine, ein Fitnessstudio. „Es ist ein Treffpunkt, ein sozialer Raum.“ Mahler sorgt sich um die Zukunft des Quartiers. Wer ziehe in ein Gebiet ohne adäquate Einkaufsmöglichkeiten? Die Gefahr eines schleichenden Niedergangs stehe im Raum. Mit der Demonstration wolle man zeigen: „Es interessiert uns, was in unserem Viertel passiert.“

Mahler spricht nicht nur über soziale Aspekte, sondern auch über ökologische. Das Stadtteilzentrum ermögliche kurze Wege. Wer hier einkaufe, müsse nicht quer durch die Stadt fahren. Das spare Zeit, Geld – und Kraftstoff. Als Vater beschäftigt ihn zudem eine ganz praktische Frage: Kleidung und Schuhe für die Kinder. „Das konnte ich hier schnell erledigen.“ Nun müsse er bis nach Bruckdorf fahren, um das nächste größere Angebot zu finden. Ein zusätzlicher Weg, zusätzliche Kosten, zusätzlicher Aufwand. Doch die Auswirkungen reichen über den individuellen Alltag hinaus. Mahler befürchtet Einschnitte bei Bus- und Straßenbahnlinien, wenn das Center als Anziehungspunkt wegfällt. Weniger Frequenz könne weniger Angebot bedeuten – eine Spirale, die weitere Nachteile für die Bewohner mit sich bringt.

Politik zeigt Präsenz

Unter den Demonstrierenden sind nicht nur Anwohner, sondern auch Vertreter verschiedener Parteien. Der SPD-Landtagskandidat Julius Neumann engagiert sich seit Wochen für den Erhalt des Centers. Diesmal stehen ihm auch Stadträte aus unterschiedlichen politischen Lagern zur Seite: Hans-Joachim Berkes (CDU), Uta Haupt (Linke) und Philipp Pieloth (SPD). Neumann findet klare Worte: „Kaufland hat gestern gesagt, sie ziehen hier aus. Das ist scheiße.“ Applaus brandet auf. Aufgeben sei keine Option. Der Süden Halles brauche ein Stadtteilzentrum – das sehe auch das städtische Zentrenkonzept so vor. Nun liege der Ball beim Eigentümer. Dieser müsse Vertrauen durch konkrete Taten zurückgewinnen. Neumann verweist auf frühere Herausforderungen in der Stadt. Leerstehende Großimmobilien seien kein neues Problem. Doch er sieht auch Chancen: Wenn Stadt, Wirtschaftsförderung und Eigentümer zusammenarbeiten, könne Wiederbelebung gelingen. „Das hier als Lost Place will ich nicht haben“, sagt er.

Zweifel an den Versprechen

Der Eigentümer des Centers, die Hedera Bauwert, hat angekündigt, bis zur 11. Kalenderwoche sämtliche Brandschutzmängel zu beheben. Mahler greift diese Ankündigung auf: „Wir wollen den Eigentümer darauf hinweisen, dass er das bitte auch erledigen soll.“ Doch in der Bevölkerung herrscht Skepsis. Stadtrat Berkes, selbst langjähriger Nutzer des Fitnessstudios im Center, spricht von jahrelanger Vernachlässigung. „Das ganze Center ist nur auf Verschleiß gefahren worden.“ Handwerker seien bislang nicht zu sehen.

Auch Martin vom Solidaritätsnetzwerk äußert scharfe Kritik. Der Eigentümer habe das Center lediglich erworben, um Profite zu erzielen, und kaum in Instandhaltung investiert. Ähnliche Entwicklungen gebe es auch bei anderen Objekten des Unternehmens in Bernau und Rostock. Für ihn ist die Schließung Ausdruck eines größeren Problems: „Unsere Grundbedürfnisse nach Essen, Trinken, Hygiene werden zum Spielball von Profitinteressen.“ Die Debatte bleibt nicht auf kommunaler Ebene. Martin verweist auf wirtschaftliche Ungleichgewichte, auf Rekordstände an den Börsen, steigende Diäten im Bundestag und milliardenschwere Ausgaben für Aufrüstung. Gleichzeitig verfielen Schulen, Straßen und Stadtteilzentren.

Auch Wenke von der Partei Die Linke, selbst Bewohnerin der Südstadt, argumentiert grundsätzlicher. Sie erinnert an Artikel 14 des Grundgesetzes: Eigentum verpflichtet. „Und das hat der Besitzer hier nicht getan.“ Immobilien zu erwerben und auszupressen wie eine Orange, sei gesellschaftlich unverantwortlich. Die Kundgebung wird so auch zu einem Forum für größere politische Fragen: Wem gehört die Stadt? Welche Verantwortung tragen Eigentümer? Und wie viel Einfluss haben Bürgerinnen und Bürger auf die Entwicklung ihres Quartiers?

Alltag im Ausnahmezustand

Neben politischen Reden prägen persönliche Erfahrungen die Demonstration. Eine Anwohnerin berichtet, sie sei kürzlich nach Bruckdorf gefahren, um im nächsten Kaufland einzukaufen. Schon auf der Hin- wie auf der Rückfahrt habe sie im Stau gestanden. Im Markt selbst seien die Regale anders angeordnet als gewohnt. „Hier wusste ich, wo meine Artikel stehen.“ Zeit, Orientierung, Routine – alles sei verloren gegangen. Besonders denke sie an Menschen ohne Auto. Für sie bedeute die Schließung erhebliche Einschränkungen. Sie schlägt vor, bei künftigen Demonstrationen gezielt Erfahrungsberichte zu sammeln. Auch Mahler betont: Netto und Lidl allein reichten nicht aus. Es gehe um Textilien, Schuhe, Drogerieartikel – um eine umfassende Nahversorgung.

Infrastruktur unter Druck

Zusätzlichen Unmut gibt es wegen der baubedingten Sperrung der Freyburger Straße, einer wichtigen Zufahrt aus Richtung Silberhöhe. Lange Umleitungen erschweren derzeit ohnehin den Zugang zum Viertel. In Kombination mit der Centerschließung verschärfe dies das Gefühl, abgehängt zu sein. Die Sorge: Wenn ein zentraler Anziehungspunkt wegfällt, leidet die gesamte Infrastruktur. Weniger Kundenfrequenz könnte langfristig auch andere Angebote schwächen – von Dienstleistungen bis hin zum öffentlichen Nahverkehr.

Die Demonstrierenden wollen nicht bei einer einmaligen Kundgebung bleiben. Jeden Freitag um 17 Uhr soll es weitere Proteste geben. Ziel ist es, Druck aufzubauen und Öffentlichkeit herzustellen. „Uns ist das Center wichtig“, sagt Mahler. Die letzten zwei Wochen seien für viele Anwohner „grausam“ gewesen. Das plötzliche Fehlen eines vertrauten Ortes habe deutlich gemacht, welche Bedeutung das Center für den Alltag hat. Die Hoffnung vieler richtet sich auch auf eine mögliche Rückkehr von Kaufland. Sollte der Ankermieter seinen Auszug überdenken, wäre das ein starkes Signal. Doch derzeit ist die Lage offen.

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3 Antworten

  1. Tino sagt:

    Ich höre eigentlich nur Mimimi heraus.
    Die Zustände des Centers waren den Kunden, den Mietern und den Eigentümer bekannt.
    Alle haben nichts unternommen um ihr „Wertvolles“ Centers zu erhalten.
    Jetzt wo endlich mal Konsequenzen für die Jahrelange Ignoranz entstanden sind, machen alle große Augen.
    Statt selber anzupacken, wird nur gejammert.
    In übrigen, vielen Kunden haben durch ihr Verhalten zu den schlechten Hygienezuständen beigetragen.

    Die Toiletten haben sich nicht von alleine mit Kacke beschmiert, der Müll der im Centers verteilt wurde, ist auch nicht von selbst entstanden.

  2. Wieso sagt:

    Auch wenn das Center wieder öffnet sind die Geschäfte leer. Immerhin ziehen sich alle zurück. Es ist doch so gut jeder Geschäft weg. Kaufland, Tedi, Appolo Fahrradladen und und und

  3. Nachdenklich sagt:

    Hört doch auf jammern.
    Das geht den Menschen im ländlichen Raum schon seit Jahrzehnten ähnlich…so funktioniert „Real existierender Kapitalismus“.
    Habt ihr im Staatsbürgerkunde-Unterricht nicht aufgepasst.
    Zum Glück habt ihr noch einen ÖPNV vor der Haustür….den gibt’s im ländlichen Raum schon lange nicht mehr!!
    So sieht’s nämlich aus!
    Das Leben wird auch ohne Südstadtcenter weitergehen!!

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