Politisches Theater auf dem Marktplatz: Wie Oberbürgermeister Vogt eine längst bekannte Rechtslage als seinen persönlichen Verhandlungssieg verkaufte

Es war ein Bild mit Symbolkraft, das sich am Mittwoch vor dem Rathaus bot: rund 3000 Mitarbeiter von Vereinen, Sozialarbeiter, Kinder und Jugendliche versammelten sich zur Kundgebung, um gegen den drohenden Kahlschlag in der sozialen Infrastruktur zu demonstrieren. Da die Stadt Halle (Saale) aktuell über keinen genehmigten Haushalt verfügt, blieben die Kassen für die sogenannten freiwilligen Leistungen bislang geschlossen, was viele Beratungsstellen und Jugendclubs an den Rand der Zahlungsunfähigkeit trieb. Inmitten dieser hochexplosiven Stimmung trat Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt vor die Menge. Mit der Aura des versierten Krisenmanagers verkündete er unter dem Beifall der Anwesenden, er habe in intensiven Gesprächen mit dem Landesverwaltungsamt eine Lösung errungen. Eine spezielle Genehmigung mache es nun möglich, dass die Gelder für die Träger bis Mai fließen könnten. Der OB ließ sich als diplomatischer Brückenschlager feiern, der der Landesbehörde durch sein Verhandlungsgeschick ein entscheidendes Zugeständnis abgerungen habe.

Doch die Freude über den vermeintlichen politischen Coup währte nur kurz, denn die Antwort aus dem Landesverwaltungsamt folgte prompt und fiel ungewöhnlich deutlich aus. In einer Stellungnahme gegenüber dubisthalle.de demontierte die Behörde die Darstellung des Stadtoberhauptes fast vollständig. Von einer neuen Information oder gar einer mühsam ausgehandelten Sondergenehmigung könne keine Rede sein. Das Amt stellte klar, dass man die Stadt Halle lediglich zum wiederholten Male auf die ohnehin geltende Rechtslage hingewiesen habe. Ein entsprechender Erlass des Ministeriums für Inneres und Sport existiert bereits seit September 2024 und regelt umfassend, dass Kommunen auch in Zeiten einer vorläufigen Haushaltsführung handlungsfähig bleiben, um unaufschiebbare Ausgaben zu tätigen.

Die Realität hinter dem inszenierten Erfolg ist somit weitaus banaler, als es der Auftritt des Oberbürgermeisters vermuten ließ. Während andere Kommunen diese rechtlichen Spielräume längst nutzen, um soziale Angebote abzusichern, scheint man im Halleschen Rathaus entweder die eigenen Handlungsoptionen übersehen oder sie für einen publikumswirksamen Moment aufgespart zu haben. Das Landesverwaltungsamt betonte explizit, dass die Rahmenbedingungen der Stadtverwaltung längst hätten bekannt sein müssen und die Zahlungen schon viel früher hätten ausgelöst werden können. Für die betroffenen Vereine und die Jugendlichen der Stadt bleibt zwar die Erleichterung über die gesicherte Finanzierung, doch der bittere Beigeschmack einer unnötig in die Länge gezogenen Krise und einer fragwürdigen Selbstdarstellung des Bürgermeisters lässt sich kaum ignorieren.

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19 Antworten

  1. Klaus sagt:

    Ist das jetzt eine Nachricht aus dem aktuellen Tagesgeschehen oder eine private Meinung des Verfassers?

    • Es geht hier tatsächlich ums Tagesgeschehen. Im Runderlass des Innenministeriums vom September 2024 wird explizit erklär, dass eine Kommune auch während der vorläufigen Haushaltsführung in der Lage ist freiwillige Leistungen an die Träger zu zahlen. Das ist auch nochmal in einem Schreiben des LvwA an die Stadt deutlich gemacht worden. Es ist kein Deal des OB oder Erfolg. Der OB handelt einfach nur nach geltendem Recht und das auch noch zu spät.

    • Dr. Robotnik sagt:

      Du kannst doch lesen oder? Im Text ist doch die Klarstellung des Landesverwaltungsamtes ausgeführt. Entsprechend müsstest, insofern Restverstand vorhanden, daraus schließen können, dass es sich hierbei nicht um eine private Meinung des Verfassers handelt.

  2. Hinweis sagt:

    Tja… Der OB wurde mit Hilfe der AfD ins Amt gehoben. Deren Sprache kann er nun auch. Bitte sehr! Aber es will ja wieder keiner gewesen sein…

    • Hans-Karl sagt:

      Ich dachte eigentlich, der OB wurde von den Bürgern direkt gewählt.

    • tippgeber sagt:

      Die AfD ist also Schuld das SPD und Grüne ohne Rücksicht auf den Haushalt, Geld nicht sinnvoll einsparen bzw. rechtzeitig Konsequenzen treffen?
      Wir wissen alle, dass SPD und Grüne nicht nur in Halle sondern auch Bundesweit seit Jahrzehnten an Inkompetenz glänzen. Das ist jetzt das Ergebnis, kein Geld.

  3. Leona sagt:

    Ich weiss jetzt auch nicht, woher das kommt!

  4. PaulusHallenser sagt:

    „Der OB ließ sich als diplomatischer Brückenschlager feiern, der der Landesbehörde durch sein Verhandlungsgeschick ein entscheidendes Zugeständnis abgerungen habe.“

    Brückenschlägerei vs. Schaumschlägerei

    Vogt geht sehr berechnend vor, was die öffentliche Wahrnehmung seiner Person angeht. Diese Schaumschlägerei wird in Halle noch für große Probleme sorgen.

    • Hans-Karl sagt:

      Na ja, m. E. hat Herr Vogt das Problem, dass er zwar von den Bürgern der Stadt gewählt worden ist, sich aber nicht auf eine starke Partei o. ä. im Stadtrat stützen kann. Die CDU ist ihm sauer, dass er als ehemaliges Mitglied gegen die Kandidatin der eigenen Partei angetreten ist. Und SPD, Grüne und Linke sind aufgrund seiner Vergangenheit eben auch nicht gerade seine Freunde. Er muß sich also bei allen sich irgendwie bietenden Gelegenheiten positiv darstellen, um für sich Rückhalt aufzubauen. Ich finde es traurig, dass die Meinung der Bürger der Stadt von den Politikern im Stadtrat so geringgeschätzt wird.

  5. ON + ON sagt:

    Wie kann es sein, dass eine Stadt von 227.000 Einwohnern auf 3.000 plus x Sozialarbeiter kommen kann?! Wie kommen solche riesigen Strukturen zustande!?

  6. Lucy sagt:

    Da kommt s mir hoch!!!! Diese Selbstdarstellerei ist furchtbar!!!!

  7. DieTerrasse sagt:

    Vielen Dank fuer die Einordnung. Bei der Stadtratsversammlung scheint. der Trick nicht ganz aufgegangen zu sein. Es ist skandaloes, dass die Stadtverwaltung ihre Buerger so in Geiselhaft nimmt.

  8. Obacht sagt:

    Hier wird wieder versucht den OB zu demontieren. Jetzt fehlt nur noch der linke Schreihals mit seinem Gesülze.

  9. Otto sagt:

    Diese unseriöse Haltung passt zum Populismus des Ob. In so einer Situation als Strppenzieher dastehenzu wollen, macht fassungslios!

  10. Peinlicher_Journalismus sagt:

    Brückenschlager?!? Brückenbauer, wenn überhaupt. Quelle im LVA? Nicht genannt. Selten so einen schlechten Journalismus gelesen. Das ist peinlich und spiegelt eine persönliche Meinung wieder (die nicht gekennzeichnet ist). Journalismus hat objektiv zu sein, Grundsatz vergessen?

    • 🤣 sagt:

      Ich find’s auch ganz schlimm! Richtig schlecht.

      Also ich lese hier max noch 3 bis 8 Jahre. Dann such ich mir was anderes.

      Allerhöchstens noch 10!!!

  11. DK sagt:

    Die vorläufige Haushaltsführung ist wahrlich nicht neu. Entweder herrscht Unfähigkeit im Rathaus oder man macht mir Vorsatz dieses Thema größer als notwendig.

    Ich tippe auf Unfähigkeit, die man dann noch versucht als eigenen Erfolg darzustellen. Mal wieder eine desolate Außendarstellung der Kommunalpolitik.

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