Nazi-Streit um Zusatzschilder für Turnvater Jahn


Friedrich Ludwig Jahn gilt als der Gründer der deutschen Turnbewegung, wird oft Turnvater Jahn genannt. In Halle hat er einige Zeit als Student verbracht. An ihn erinnern die Jahn-Höhle in den Klausbergen, in der er sich vor ihm feindlich gesinnten Personen verborgen hat; die Jahn-Turnhalle und die Jahnstraße. Letztere hat seit drei Wochen Zusatzschilder, die an den Namensgeber erinnern und im Rahmen des Projekts „Bildung im Vorrübergehen“ der Bürgerstiftung angebracht wurden.

Die Schilder wurden gespendet von der Halle-Leobener Burschenschaft Germania. Schon das sorgte für Kritik, beispielsweise beim Bündnis „No Halgida“. Es handele sich um eine extrem rechte Burschenschaft, heißt es von dort. Daraufhin hat die Bürgerstiftung klargestellt: „Erst nach Anbringung der Schilder und der damit verbundenen Öffentlichkeitsarbeit sind wir durch kritische Hinweise von Stiftern und Partnern darauf aufmerksam gemacht worden, wie weit entfernt die Halle-Leobener Burschenschaft Germania von den Werten agiert, für die die Bürgerstiftung seit 13 Jahren einsteht und das auch weiterhin tun wird. Es ist unser Versäumnis, die Hintergründe dieser Burschenschaft nicht gründlicher recherchiert zu haben. Wir bedauern dies sehr und distanzieren uns klar von nationalistischem und rassistischem Gedankengut“, erklärt die Bürgerstiftungs-Vorsitzende Ingrid Häußler. Man setze sich für eine sich „lebendige demokratische Kultur unter Mitwirkung vieler Bürgerinnen und Bürger unabhängig von ihrer geografischen, sozialen oder kulturellen Herkunft ein. Die Stifter, Spender und Unterstützer der Bürgerstiftung Halle spiegeln die Vielfalt von Halle wieder, sie leben in unterschiedlichen Stadtteilen und Lebenswelten. Diese Vielfalt schätzen wir und möchten sie weiterhin unterstützen.“

Doch diese Klarstellung reicht dem Bündnis „No Halgida“ nicht. Der Inhalt des Zusatzschildes mache „sehr gut das Bildungsverständnis der Stiftung deutlich, welches wir deutlich ablehnen.“ Eine Person müsste auch in den historischen Kontext eingeordnet werden. „Das passiert auf dem Jahn-Schild allerdings nicht, vielmehr gibt es einige Buzzwords, die inhaltlich wenig hergeben. So sei Friedrich Ludwig Jahn „Student, Politiker, Pädagoge, Patriot, Gründer der Turnbewegung und Wegbereiter der Burschenschaften“ gewesen. So wahr diese Inhalte sind, so wenig bilden sie die Fußgänger*innen doch weiter. Von den Beschreibungen hat niemand einen Mehrwert, weil sie nur behaupten, „was“ Jahn gemacht hätte und nicht „warum“ und „wie“. Er hat geturnt, aber warum? Er war Politiker, aber was für einer? Solche und ähnliche Fragen, würden Einordnung, Diskussionsstoff und wieder neue Fragen ergeben, die Lösung der Bürgerstiftung ergibt nur neue Wörter zum lesen“, erklärt das Bündnis.
Die Bügerstiftung nehme für sich in Anspruch einen Bildungsauftrag zu haben. „Um diesen wirklich ernst zu nehmen, müssten die Zusatzschilder aufwändiger formuliert werden, was jedoch nicht heißt, dass der Text automatisch länger werden muss. Jahns Interessensgebiete hingen eng zusammen: So war er sowohl als „Patriot“ als auch als „Politiker“, „Pädagoge“ und „Turner“ ein autoritärer, rassistischer, sexistischer Nationalist, der sein gesamtes Streben danach ausrichtete, das deutsche Volk im Inneren rein und nach Außen stark zu machen. Die „Reinheit“ im Inneren, in dem jede*r mit Turnen und züchtigender Erziehung seinen*ihren Platz findet und zugerichtet wird, ist dabei natürlich genauso eine Wahnvorstellung, wie Jahns pathologischer Hass auf „die Franzosen“, der ihn vor und nach den napoleonischen Kriegen jedes Erlernen der bedeutenden Sprache ablehnen ließ. Wenn diese Kritikpunkte an Jahn, die keine zeitbedingten „Ausrutscher“ sind, sondern seine zentrale Motivation darstellten, angebracht worden wären, hätte man ein tatsächliches Bildungsangebot geschaffen, welches mit den Mythen um den „Turnvater“, der immer noch einfach als „liberal“ gilt, ein Stück weit aufräumen könnte“, erklärt „No Halgida“ weiter.
Man bedauere, dass die Bürgerstiftung diese Chance nicht ergriffen habe und kritisiere die Methode, die letztendlich dazu führe, dass nur altbekannte Etiketten an die Straßenschilder Halles angeheftet werden. „Wir fordern neben der bereits erfolgten Distanzierung von der extremen Rechten ein Umdenken hin zu einem sinnvolleren Bildungsverständnis.“