Wurzeln für die Zukunft: 2.000 weitere Bäume für Halles neue Erdenbürger in der Dölauer Heide gepflanzt
Geschäftiges Treiben herrschte am Samstagmorgen in der Dölauer Heide in Halle (Saale). Schon früh strömten Familien, junge Eltern, Großeltern, Geschwisterkinder und viele neugierige Hallenserinnen und Hallenser in das umzäunte Areal am Köllmer Weg – dem Ort, an dem der Geburtenwald Halle (Saale) seit 2023 wächst. Es war die vierte Pflanzaktion, zu der das Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara gemeinsam mit der Stadt aufgerufen hatte, und erneut zeigte sich: Dieses Projekt hat längst einen festen Platz im städtischen Selbstverständnis gefunden. Die Idee ist so schlicht wie tiefgründig: Für jedes Kind, das im jeweiligen Jahr im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara geboren wurde, soll ein Baum wachsen. Und so kamen auch 2025 wieder rund 2.000 Setzlinge zusammen – 1000 Traubeneichen und je 250 Hainbuchen, Vogelkirschen, Elsbeeren und Echte Mehlbeeren, sorgfältig vorbereitet vom Team Forsten und Landwirtschaft und auf den vorbereiteten Flächen farblich markiert. Der Ablauf war bewusst einfach gehalten, sodass auch die kleinsten Besucherinnen und Besucher mithelfen konnten: Stöckchen herausziehen, Loch graben, Setzling mit beiden Händen einsetzen, Erde festdrücken – ein Ritual, das schon im vergangenen Jahr zur familiären Tradition vieler Teilnehmer geworden war. Mit Spaten und Gummistiefeln standen die Menschen in kleinen Gruppen verstreut über die Fläche, tauschten sich aus, zeigten sich stolz die Setzlinge, die dem eigenen Kind gewidmet sind, und schufen so ganz nebenbei ein Bild lebendiger Gemeinschaft. Noch bevor die ersten feierlichen Worte gesprochen wurden, war spürbar, was später viele der Redner hervorhoben: Der Geburtenwald verbindet – Menschen, Generationen und Hoffnungen.
8.000 Hoffnungszeichen: Die Worte des Oberbürgermeisters
Kurz nach zehn Uhr betrat Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt die kleine, improvisierte Bühne. Es sollte seine erste Pflanzaktion als Stadtoberhaupt werden, und er zeigte sich sichtlich bewegt von der großen Resonanz. „Ich bin sehr erstaunt, dass so viele Menschen hier heute sind“, begann er und begrüßte sowohl die Familien als auch die anwesenden Vertreter des Krankenhauses und der Stadtverwaltung. Er erinnerte an die Anfänge des Projekts im Jahr 2023 und daran, wie rasch aus einer Idee eine feste Tradition geworden war. Besonders eindrücklich war seine Bilanz: „Wenn ich heute mit einschließe, 80.000 Bäume gepflanzt haben und das finde ich schon, entschuldige, 8.000, nicht 80.000.“ Das Publikum lachte, und Vogt rechnete schmunzelnd weiter, wann man denn wohl bei 80.000 ankommen würde. Doch der Kern seiner Aussage folgte sofort: „8.000 neue Erdenbürger, 8.000 Bäume und 8.000 Hoffnungszeichen für unsere Stadt.“ Die Symbolik des Waldes stand dabei im Mittelpunkt seiner Worte. „Wenn ich hier stehe und auf die inzwischen herangewachsenen jungen Bäume schaue, dann sehe ich nicht nur die Natur, sondern auch die Zukunft unserer Stadt.“ Vogt zog eine bemerkenswerte Parallele zum Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation, das in Halle entsteht. Wie das Zukunftszentrum brauche auch ein Wald Zeit, um Schatten und Ruhe zu spenden, um Lebensraum zu werden. In beiden Fällen sei Geduld gefragt – und Vertrauen in das, was wachsen könne. Dass Vogt trotz seiner intensiven Amtsgeschäfte den persönlichen Wert solcher Momente zu schätzen weiß, war ebenfalls spürbar. „Ich habe leider keine Kinder … Selbst mein Hund leidet, den ich nur noch am Wochenende sehen kann.“ Die Offenheit dieser Bemerkung wurde von den Besuchern wohlwollend aufgenommen. Sein abschließender Wunsch war schlicht und eindrücklich: „Vielleicht kommen Sie in ein paar Jahren wieder hierher, zeigen Ihrem Kind seinen Baum und erzählen die Geschichte dieses besonderen Ortes.“ Damit gab er dem Ereignis jenen emotionalen Rahmen, der es weit über eine rein ökologische Maßnahme hinaushebt: Der Geburtenwald ist ein Geschenk an die Zukunft – und an jede einzelne Familie.
Zwischen zwei Kliniken und vielen Lebensgeschichten: Dr. Petersen über Vertrauen und Wandel
Nach dem Oberbürgermeister ergriff Dr. Tim-Ole Petersen, ärztlicher Direktor des Elisabeth-Krankenhauses, das Wort. Er erreichte die Bühne mit einem Lächeln und einer kleinen Entschuldigung: „Ich sollte hier auf der Bühne stehen und ich habe nicht geahnt, dass der Weg so weit ist.“ Der spontane Kommentar löste Heiterkeit aus – ein Moment menschlicher Nähe, der gut zu dem passte, was Petersen anschließend betonte: das Vertrauen der Familien. „Danke, dass Sie uns vorher das Vertrauen geschenkt haben“, sagte er und würdigte damit sowohl die Geburtshilfe als auch die Neonatologie, die Hebammen und das gesamte medizinische Team. Für den Arzt war es spürbar ein emotional wichtiger Moment, denn er betonte: „Das bedeutet uns viel. Das ist für uns wichtig.“ Er gab dem Standort des Geburtenwaldes eine zusätzliche Bedeutungsebene. Der Wald liege genau zwischen dem St. Elisabeth Krankenhaus und dem Krankenhaus Martha-Maria in Halle-Dölau – jenen beiden Einrichtungen, die künftig zusammengeführt werden sollen. „Das heißt, zukünftig werden viele Menschen, die an dem einen oder anderen Standort arbeiten, hier durchfahren und können sich daran erfreuen, dass es hier so viele Bäume gibt, die von Ihnen, die von uns gemeinsam gepflanzt wurden.“ So wurde der Geburtenwald neben seiner ökologischen, familiären und symbolischen Wirkung noch etwas anderes: ein verbindendes Element zwischen Kliniken, Mitarbeitenden und den vielen Geschichten, die in ihnen entstehen. Petersen schloss mit einem schlichten, herzlichen Wunsch: „Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag. Genießen Sie es.“
Traditionen, Wurzeln und ein Blick in die Tiefe: Dr. Seegers Perspektive
Zum Abschluss der offiziellen Reden sprach Dr. Sven Seeger, Chefarzt der Geburtshilfe und Initiator der Geburtenwald-Idee. Er trat gemeinsam mit der leitenden Hebamme Kathrin Eichhorn auf die Bühne und schmunzelte: „Der Kollege war einfach so frei und hat die Kathrin Eichhorn mit hier hochgenommen … Auch wir sind untrennbar, zumindest was das Berufliche anbelangt.“ Ein Einstieg, der die enge Zusammenarbeit innerhalb der Klinik betonte. Seeger nahm das Publikum anschließend mit auf eine Reise in die symbolische Welt des Baumes. „Der Baum als Sinnbild des Lebens steht für Fruchtbarkeit, Gedeihen und Wachstum, aber auch für Stabilität und Altwerden.“ Es sind Werte, die sich in den Setzlingen widerspiegeln – zart und doch voller Zukunft. Mit einem Augenzwinkern erzählte er von alten Traditionen: Birnenbäume für Mädchen, Apfelbäume für Jungen, Plazenten als nährstoffreiche Starthilfe für den Lebensbaum. „Ich weiß nicht, wie viele heute ihre Plazenten mithaben“, bemerkte er humorvoll. Die eigentliche Botschaft folgte jedoch in ruhiger, ernsthafterem Ton: Der Geburtenwald sei eine Idee, deren Zeit gekommen sei. „Manchmal sieht man halt den Wald vor Bäumen nicht.“ Dass dieses Projekt mittlerweile Wurzeln geschlagen hat – in der Stadt, in den Familien, in der Klinik – sei ein Erfolg, der alle Beteiligten mit Stolz erfülle. „Wir sind begeistert von ihnen … dass so viele Familien sich mit dieser Idee identifizieren.“ Zum Ende seiner Rede wandte er sich mit einem klaren Appell an die Anwesenden: „Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war natürlich vor 20 Jahren. Die nächstbeste Zeit ist aber heute.“ Und so rief er alle dazu auf, nicht nur für die eigenen Kinder zu pflanzen, sondern auch für jene, deren Familien heute nicht anwesend sein konnten.
Ein Wald wächst – und mit ihm eine Gemeinschaft
Nach den Reden begann das eigentliche Werkeln – und es war ein beeindruckender Anblick. Überall knieten Kinder im Laub, tief konzentriert auf ihre selbst gewählten Aufgaben. Väter und Mütter erklärten, wie man die Wurzeln gerade einsetzt, Großmütter hielten Fotoapparate bereit, während Onkel und Tanten halfen, die Erde festzudrücken. Das Licht spielte zwischen den Baumreihen, und es schien, als würde der Geburtenwald genau in dieser Mischung aus Ernsthaftigkeit, Freude und Bewegung sein wahres Gesicht zeigen. Immer wieder sah man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forstteams, die freundlich erklärten, wie tief ein Loch sein sollte oder wie man den jungen Baum vor dem Wind schützt. Die vorbereiteten Leihspaten wanderten von Hand zu Hand, während viele ihre eigenen Werkzeuge mitgebracht hatten – ein Beweis dafür, wie persönlich diese Aktion für viele geworden ist. Auf den ersten Blick mögen die Setzlinge klein erscheinen. Doch die Menschen, die sie pflanzen, sehen bereits weiter in die Zukunft. Sie stellen sich vor, wie ihr Kind eines Tages zurückkehrt, wie es mit den Händen die Rinde berührt, wie der Baum gewachsen ist. Diese Vorstellung ist es, die dem Geburtenwald seine Kraft verleiht. Und so spannt sich mit jedem gepflanzten Baum ein Band über die Jahre hinweg. Zwischen Geburt und Zukunft, zwischen Stadt und Familie, zwischen Klinik und Natur. Ein Band, das mit jeder Pflanzaktion stärker wird. Die Saalestadt gewinnt durch den Geburtenwald nicht nur ein neues Stück Wald – es gewinnt ein lebendiges Symbol dafür, wie eine Stadt wachsen kann: verantwortungsvoll, gemeinschaftlich, voller Hoffnung. Oder, wie es Oberbürgermeister Vogt formulierte: „Für Sie, liebe Eltern, ist dieser Baum ein besonderes Zeichen, ein Gruß an Ihr Kind, ein Stück Halle, das mit ihm wächst.“
























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